Zwei Apotheker haben sich trotz widriger Bedingungen zur Übernahme entschlossen

Junge Chefs trotzen Trend

Übernimmt Post-Apotheke: Stephan (rechts) und Vater Klaus Parzefall. Fotos: Holscher

Kassel. Jeden Tag schließt in Deutschland eine Apotheke. Höhere Mieten und Betriebskosten, niedrigere Vergütung durch Krankenkassen – vor allem kleine Apotheken bleiben oft ohne Nachfolger.

Wer sich in Zeiten des Apothekensterbens für eine Übernahme entscheidet, kämpft mit der Bürokratie und vielen persönlichen Abstrichen. Zwei Beispiele aus Kassel.

Hochbetrieb in der kleinen Eckapotheke am Entenanger: Eine Mutter mit Baby auf dem Arm holt sich Nasentropfen, genau wie der Junkie anschließend das Spritzbesteck. Apothekerin Anke Stephan kennt hier fast jeden mit Namen, viele duzen sie. Sie hat sich von einer Auszubildenden zur Apotheken-Besitzerin hochgearbeitet. Oder wie sie es selbst mit einem Augenzwinkern ausdrückt: „Ich habe mich vom Drogenkeller nach oben gearbeitet.“ Seit fast vier Jahren steht sie als Chefin in der Martins-Apotheke.

Kennt ihre Kunden: Anke Stephan ist seit vier Jahren Chefin der Martins-Apotheke.

Die 37-jährige Mutter eines kleinen Sohnes hat lange darüber nachgedacht, ob sie das Angebot der damaligen Besitzerin Sabine Hottenroth annehmen sollte, die Apotheke zu übernehmen. Schließlich absolvierte sie hier ihre Ausbildung, wohnte während dieser Zeit und ihres anschließenden Studiums sogar bei ihrer Chefin. Am Ende sagte sie zu – eine Herzensentscheidung.

Ob sie die Übernahme schon mal bereut habe? „Wollen Sie eine diplomatische oder eine ernste Antwort?“, fragt sie. Manchmal würde sie gern etwas Verantwortung abgeben. Zudem verdiene sie heute so viel wie eine Angestellte, habe weniger Urlaub und das finanzielle Risiko. „Als kleine Apotheke hat man zu kämpfen.“ Das Problem seien nicht zu wenig Kunden, sondern die Vergütung.

Während in der Martins-Apotheke Anke Stephan die Medikamente aus Schubladen zieht, rutschen sie in der Post-Apotheke in der Friedrich-Ebert-Straße per Mausklick zu Stephan Parzefall. Der 29-jährige Apotheker hat die Geschäfte von Vater Klaus vor einigen Tagen übernommen – obwohl die Eltern abrieten.

Doch Stephan Parzefall ist mit der Apotheke aufgewachsen. „Ich hab hier schon Silvester im Labor gefeiert“, sagt er. Er wisse, dass es schwieriger als noch vor 20 Jahren sei. Trotzdem fiel die Entscheidung für die Pharmazie.

Ohne ein ausgeklügeltes EDV-System und Roboter, der Medikamente einsortiert und verteilt, geht in der Post-Apotheke und den zwei Filialen in Hofgeismar nichts mehr. „Der bürokratische Aufwand für Apotheken ist riesig“, sagt Vater Parzefall. Deshalb haben sie in Technik investiert, da sonst einige der 50 Angestellten nur mit Aktenordnern und nicht mit den Kunden beschäftigt wären.

Kosten steigen

Ein anderes Problem: Die Vergütung durch die Kassen, die über 70 Prozent des Einkommens ausmachten, sei lange nicht gestiegen, während die Kosten wuchsen, sagt Klaus Parzefall. „Die Gewinne sind dadurch geringer geworden und viele Apotheken unverkäuflich.“

Von Max Holscher

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