Studie: 30- bis 50-Jährige verlassen wegen fehlender Immobilien die Stadt

Junge Familien kehren Kassel den Rücken

Hier entsteht Wohnraum für Familien: Das Neubaugebiet „Zum Feldlager“ in Harleshausen. Archiv
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Hier entsteht Wohnraum für Familien: Das Neubaugebiet „Zum Feldlager“ in Harleshausen. Archiv

Der Stadt Kassel gehen wegen des fehlenden Wohnraums wichtige Steuerzahler verloren. Kassel ist die hessische Kommune, die in der Gruppe der 30- bis 50-Jährigen landesweit die zweitgrößte Abwanderung verzeichnet.

Kassel - Fast alle Kreise haben ohnehin mehr Zuzüge als Fortzüge in der für das Steueraufkommen wichtigen Altersgruppe. Dies ist eines der Ergebnisse einer Wohnstudie der Sparda Banken, die die Kasseler Zukunft dennoch sehr positiv bewertet.

Flucht aus der Stadt

Im Umland der Großstädte gibt es mehr Platz für Familien und auch die erschwinglicheren Immobilien. Deshalb haben vier der fünf hessischen Großstädte mit Fortzügen in der Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen zu kämpfen. Laut Studie der Sparda-Banken, die dazu Daten des Statistischen Bundesamtes ausgewertet hat, sind besonders Kassel und Darmstadt betroffen. Dort ist der Saldo aus Fort- und Zuzügen stark negativ. In Darmstadt liegt der Wanderungssaldo je 1000 Einwohner bei minus 25,7 und in Kassel bei minus 16,2.

Der Landkreis Kassel hingegen schneidet besonders gut ab. Er liegt mit plus 16,2 hessenweit auf Platz 3 im Vergleich mit den 26 kreisfreien Städten und Landkreisen.

Ansturm auf die Stadt

In der Lebensphase vor der Familiengründung sieht die Situation anders aus. Die 18- bis 30-Jährigen zieht es – bedingt durch Studium und Ausbildung – in die Städte. So verzeichnet Kassel bei den Jüngeren ein Wanderungssaldo von plus 38,3 je 1000 Einwohner. Damit belegt die Stadt Platz vier unter 26 Kreisen und Städten in Hessen.

Massiver Preisanstieg

Der Preisanstieg für Immobilien in Kassel war enorm. Laut Studie, die sich dabei auf Daten des Institutes der Deutschen Wirtschaft und des Institutes F+B stützt, gab es von 2005 bis 2020 eine Preisverdoppelung (plus 100,4 Prozent). Nach Frankfurt und Offenbach ist dies der größte Anstieg landesweit. Im Landkreis Kassel lag der Anstieg bei 51,6 Prozent. Dieser war damit im Deutschland-Vergleich unterdurchschnittlich.

Besonders mit Blick auf die Einkommensverhältnisse der Kasseler ist die Situation angespannt. Für eine durchschnittliche 132 Quadratmeter große Immobilie müssen Kasseler laut Studie 8,1 Netto-Jahreseinkommen bezahlen (Platz 7 in Hessen).

Der deutsche Schnitt liegt bei 7,4 Jahreseinkommen – das entspricht einer Investition von 354 000 Euro. „Immobilien, deren Kaufpreis dem durchschnittlichen Investitionsvolumen entsprechen, gelten als erschwinglich“, so die Studienautoren. Im Schwalm-Eder-Kreis sind es nur 3,6 Jahreseinkommen.

Zu wenig Neubauten

Kassel hat im Vergleich mit allen 26 hessischen Kreisen und Städten die geringste Neubauquote. 2019 wurden pro 1000 Bestandswohnungen nur 1,5 Neubauwohnungen fertiggestellt. Der deutsche Durchschnitt liegt bei einer Neubauquote von 6,9. Der Landkreis Kassel hat eine Quote von 4,0. Auch bei den Baugenehmigungen rangiert Kassel im hinteren Drittel.

Gute Aussichten

Obwohl Kassel bei etlichen Kriterien der Studie noch schlecht abschneidet, rechnen die Studienautoren der Stadt eine sehr hohe Zukunftsfähigkeit. Dies tun sie anhand der Forschungsstärke, der Industrien der Zukunft und der Stärken im Bereich Kultur- und Kreativwirtschaft. Gerade für die anderen nordhessischen Kreise werden eher geringe oder sehr geringe Zukunftschancen attestiert.

Das sagt der Stadtbaurat

Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) begründet den Fortzug der 30- bis 50-Jährigen mit der besonderen Situation der Stadt. In den 70er-Jahren habe man sich – anders als andere Städte – gegen eine Regionalreform entschieden. Somit gehörten die Umlandgemeinden nicht zum Stadtgebiet. Dies verzerre das Bild im Vergleich mit anderen Städten. Dennoch arbeite die Stadt daran, durch Neubaugebiete (Feldlager, Nords-hausen) und Umwandlungen zu Wohnflächen (Martiniquartier, Jägerkaserne, Lossegrund etc.) die Wohnversorgung für diese Gruppe zu verbessern. Kassel habe bei der Modernisierung und dem Neubau einen hohen Nachholbedarf gehabt. Jüngst habe dieser Trend, der zu starken Preisanstiegen geführt habe, aber nachgelassen. Durch die geplanten Bauprojekte werde sich der Markt weiter beruhigen. Dennoch seien die Preise auch im Vergleich mit anderen Städten moderat. Bei den Baufertigstellungen sei die Stadt auf die Umsetzung durch die Bauherren angewiesen. Auch könnten nur die Bauanträge genehmigt werden, die eingereicht werden. Über die Einschätzung, dass Kassel gute Zukunftsaussichten hat, freut sich Nolda. Die Stadt unternehme deshalb alles, um „den Anforderungen der Innen- und Außenentwicklung“ gerecht zu werden. (Bastian Ludwig)

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