Kriegsjahren 1942/43 bei der KVG

Kriegserinnerungen: Wie junge Frauen als KVG- Schaffner eingesetzt wurden

Heute und damals: Marie-Luise Kranz (damals Stück) bekam für ihren Schaffnerdienst im Krieg eine Plakette von der KVG verliehen. Das Hakenkreuz auf der Plakette hat sie herausgesägt, bevor die Amerikaner in Kassel einmarschierten. Ihre Vornamen sind auf der Plakette fälschlicherweise zusammenhängend geschrieben. Fotos: Ludwig, privat

Kassel. Vergangene Woche berichteten wir über die Stilllegung der historischen Straßenbahnen der KVG. Dazu warfen wir einen Blick auf Kassels Straßenbahngeschichte und zeigten einen Film von 1943 über eine Straßenbahnschaffnerin, die im Krieg zum Einsatz kam. Nun erinnerte sich ihre Freundin.

Marie-Luise Kranz damals.

Im Chor „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ zu singen, darauf hatte die 15-jährige Oberschülerin Marie-Luise Stück keine Lust. Deshalb, so erzählt es die heute 86-jährige Kasselerin, habe sie sich im Kriegsjahr 1942 zum Dienst als Straßenbahnschaffnerin gemeldet. Auf diese Weise seien ihr viele Treffen im Bund Deutscher Mädel erspart geblieben. Statt Volkslieder zu trällern, kuppelte das Mädchen aus einer Wilhelmshöher Arztfamilie nach der Schule, an Wochenenden und in den Ferien lieber tonnenschwere Straßenbahnwagen und kassierte für Fahrscheine.

Marie-Luise Stück heißt heute Kranz mit Nachnamen. Obwohl ihr Kriegsdienst für die KVG 70 Jahre her ist, erinnert sie sich gut: „Sieben Reichsmark (RM) gab es als Stundenlohn. Aber wir bekamen nur 1,50 RM, der Rest ging an die Hitlerjugend.“

Doch um das Geld sei es ihr ohnehin nicht gegangen. Für sie und ihre Schulfreundinnen sei es ein tolles Gefühl gewesen, einen verantwortungsvollen Job zu übernehmen, den sonst erwachsene Männer machten. Diese waren nun an der Front.

„Die Kurzstrecke mit fünf Stationen kostete 20 Pfennig. Und wenn alle Fahrgäste auf den Holzbänken saßen, musste ich die Türen per Hand schließen und die Abfahrtsbimmel ziehen“, erinnert sich Kranz. An Endhaltestellen ohne Wendeschleife sei Kraft gefragt gewesen: Der Triebwagen wurde rangiert, und die Schülerin der Heinrich-Schütz-Schule musste die Beiwagen ab- und ankoppeln. „Wenn man nicht aufpasste, waren die Beine durch.“

Lesen Sie auch:

Film von 1943: Die alte Herkulesbahn - Schaffnerin Christa erzählt - Kassel

Höhepunkt des Arbeitstages war es, wenn die Fahrer sie nach Dienstschluss die Bahn ein Stück fahren ließen. „Ich kann das heute noch, links war die Stromkurbel, rechts die Bremse.“ Die Schaffnerin Christa Reiffenstein, über die 1943 ein Film gedreht wurde, sei ihre Schulkameradin gewesen. Von dem Dreh habe sie damals nichts mitbekommen. Erst Jahre später habe sie den Film über ihre inzwischen verstorbene Freundin gesehen.

Als am 22. Oktober 1943 die Bomben auf Kassel fielen, war Kranz im Dienst. „Drei Minuten nach dem Sirenengeheul wurde der Strom abgestellt, alle Bahnen blieben stehen - meine unweit der Stadthalle. Ich lief in einen Luftschutzkeller an der Herkulesstraße.“ Als Kranz den Bunker verließ, war Kassel zerstört. Sie lief zu ihrem Elternhaus, der Villa Stück an der Wilhelmshöher Allee. Es war unversehrt geblieben.

Weil Stromleitungen und Gleise zerstört waren, wurde der Straßenbahnverkehr eingestellt. Aus anderen Städten wurden Busse nach Kassel beordert. Auf einem Doppeldeckerbus aus Berlin war Kranz noch bis November 1943 als Schaffnerin im Dienst. Dann wurde sie im Zuge der Kinderlandverschickung nach Bad Wildungen evakuiert.

Nach dem Krieg eröffnete sie ein medizinisches Bad, machte den Autoführerschein und war seitdem so gut wie nie mit der Straßenbahn unterwegs. (bal)

Film von 1943: Die alte Herkulesbahn - Schaffnerin Christa erzählt

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.