Interview mit Prof. Carsten Sommer: „Junge Generation nutzt ÖPNV“

Jeder vierte Weg in Kassel wird mit Bus oder Bahn zurückgelegt: Mit der Regiotram ins Umland und einem ausgedehnten Tram-Netz in der Stadt Kassel ist der ÖPNV in der Region gut aufgestellt. Unser Foto entstand an der Haltestelle am Altmarkt. Foto: Koch

Kassel. Kassel wird diese Woche zum Zentrum des öffentlichen Personen-Nahverkehrs: Fachleute aus ganz Deutschland kommen zu einer Tagung in der Uni-Stadt zusammen. Über den ÖPNV in der Region sprachen wir mit Prof. Carsten Sommer von der Uni Kassel.

Welche Note würden Sie dem Nordhessischen VerkehrsVerbund (NVV) geben?

Prof. Carsten Sommer: Eine gute 2. Der NVV zählt durchaus zu den besseren Verkehrsverbünden. Die Fünf-Minuten-Garantie ist eine Erfindung des NVV, damit ist er führend in der Nahverkehrs-Szene. Auch die Regiotram, also das Thema Verknüpfung von Stadt und Umland, ist ein großer Pluspunkt – das haben andere Regionen nicht geschafft.

Und welche Note bekommt die KVG in Kassel?

Sommer: Auch eine 2. Mit der KVG haben wir einen vorbildlichen ÖPNV für eine Stadt mit knapp 200 000 Einwohnern. Vor allem das Schienennetz ist sehr gut ausgebaut. Das bedeutet für den Kunden mehr Komfort und kürzere Fahrzeiten. Wenn man alle Wege, die innerhalb von Kassel zurückgelegt werden, nach Verkehrsmitteln aufteilt, wird fast jede vierte Fahrt mit Bus und Bahn vorgenommen. Das ist eine richtig gute Quote für die Stadtgröße. Das liegt am guten Angebot der KVG.

Wo braucht ÖPNV noch Nachhilfe?

Sommer: Zum Beispiel beim elektronischen Ticketing. Da gibt es nicht nur in Nordhessen, sondern auch anderswo noch Entwicklungsbedarf. Beim E-Ticketing kann sich der Kunde per Mobiltelefon oder Chipkarte beim Ein- und Ausstieg in öffentliche Verkehrsmittel registrieren lassen. Am Ende des Monats bekommt er die Rechnung - je nachdem, wie viel er gefahren ist. Durch solche neuen Systeme kann der ÖPNV auch neue Kunden erreichen, weil es einfacher wird, Bus und Bahn zu benutzen: Man muss nicht mehr schwer bedienbare Fahrscheinautomaten nutzen und sich Gedanken über die Tarifwahl machen. Der Idealfall wäre, dass solche Systeme verkehrsverbundsübergreifend funktionieren.

Wie hat sich das Image des ÖPNV in den vergangenen 20 Jahren gewandelt?

Sommer: Es ist deutlich besser geworden. Dazu hat vor allem der bessere Service beigetragen: Haltestellenanzeigen auch mit aktuellen Infos zu Abfahrtszeiten, moderne Fahrzeuge, Fahrplanauskunft online und übers Handy. Moderne Technik und ÖPNV sine eine ideale Kombination und haben zu einem besseren Image vor allem bei jüngeren Leuten beigetragen.

Wie schlägt sich das nieder?

Sommer: Junge Menschen bis 35 Jahre nutzen viel stärker als früher öffentliche Verkehrsmittel, häufig haben sie auch eine Jahreskarte. Der Effekt ist dabei, dass die Leute den ÖPNV auch öfter nutzen, wenn sie wie bei einer Flatrate schon bezahlt haben. Bei der jüngeren Generation ist das Auto nicht mehr wie früher ein wichtiges Statussymbol. Der Trend geht weg vom Besitz zur Nutzung, etwa über Carsharing. Wirtschaftlich gesehen ist ein eigenes Auto in vielen Fällen völlig ineffizient, weil es die meiste Zeit ungenutzt herumsteht. Solche Kostenargumente spielen dem ÖPNV in die Karten.

Nimmt die ÖPNV-Nutzung auch bei Älteren zu?

Sommer: Nein, im Gegenteil. Früher, als es nicht so selbstverständlich war, den Führerschein zu machen, waren Ältere - besonders Frauen - typische ÖPNV-Nutzer. Die heutige Seniorengeneration hingegen ist mit dem Automobil groß geworden. Wer im Arbeitsleben viel Auto gefahren ist, der nutzt es auch weiter. Verhalten, das man sich einmal angeeignet hat, ändert man selten.

Über welche Themen muss sich der ÖPNV künftig Gedanken machen?

Sommer: Zum Beispiel ob für die größer werdende Gruppe der Senioren spezielle Angebote nötig sind. Beim NVV gibt es beispielsweise die 60plus-Karte. Das Thema E-Ticketing eröffnet auch neue Möglichkeiten: Man könnte etwa Fahrpreise genau nach gefahrener Strecke ermitteln statt nach festen Tarifzonen. Ein wichtiges Thema sind außerdem inter- und multimodale Tarife: Viele Menschen nutzen nicht nur ein Verkehrsmittel. Wir müssen über Kombiangebote nachdenken, zum Beispiel öffentliche Verkehrsmittel und Mietwagen. Das Kasseler Fahrradverleihsystem Konrad ist auch ein Beispiel: Hier werden künftig ÖPNV-Nutzer nahtlos aufs Rad umsteigen können.

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