Jugendamt schildert, wie es zur geschlossenen Unterbringung kam

Zehnjähriger kündigte seinen Selbstmord an

Kassel. Seit September gibt es die intensivpädagogisch-therapeutische Wohngruppe Murialdo im Jugendhilfezentrum Don Bosco in Sannerz bei Fulda. Dort lebt auch ein Zehnjähriger aus Kassel. Das Jugendamt erklärt, warum.

Familie R. ist dem Kasseler Jugendamt seit Geburt des ersten Kindes bekannt. Die Mutter des heute Zehnjährigen ist seit ihrer Jugend drogenabhängig. Zum Vater gibt es keinen Kontakt.

Hans (Name geändert) wurde mit einer Entzugssymptomatik geboren und daraufhin medikamentös therapiert. Der Junge ist ein traumatisiertes, drogengeschädigtes Kind, dessen Biografie durch sexuelle Übergriffe, Gewalterfahrungen und Beziehungsabbrüche geprägt ist, berichtet das Jugendamt.

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Hans wurde in seinem zweiten Lebensjahr in eine Pflegefamilie vermittelt. Diese berichtete von erheblichen Erziehungsschwierigkeiten und massiven Verhaltensauffälligkeiten. Er kotete und nässte sich ein, schlug und bespuckte andere Kinder und Betreuer und warf bei Wutausbrüchen seinen Teller samt Essen an die Wand. Hans wurde in einer Erziehungsstelle untergebracht. Aufgrund einer Krisensituation wurde er erneut stationär in der Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen.

Hans kam in eine intensivpädagogische Gruppe. Seine Betreuung war von Beginn an problematisch. Zur weiteren Entlastung wurde eine zusätzliche pädagogische Fachkraft (40 Wochenstunden) eingesetzt. Dennoch kam es in mehreren Situationen zu einem Verlust der Impulskontrolle. Er verwüstete sein Zimmer, zerstörte Möbel und Fensterscheiben, quälte Tiere, schlug, trat, biss und bespuckte Mitarbeiter und bedrohte sie mit Gegenständen. Letztendlich kam es zu einem selbstverletzenden Verhalten: Er biss und würgte sich selbst.

Aufgrund eines angekündigten Suizids wurde Hans in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) Göttingen stationär aufgenommen - in einer geschlossenen Abteilung. Die Hilfe wurde durch die betreuende Einrichtung beendet, da der Junge dort nicht mehr tragbar war. Im Anschluss an die Kinder- und Jugendpsychiatrie bekam er eine Individualhilfe mit einer Eins-zu-eins-Betreuung in einer stationären Einrichtung.

Im Vorfeld gab es zahlreiche Absagen von Jugendhilfeeinrichtungen, die sich nicht in der Lage sahen, den Bedürfnissen von Hans gerecht zu werden. Auch in der neuen Einrichtung spitzte sich sein auffälliges Verhalten zu, er war abgängig und wurde straffällig: Hans quälte erneut Tiere, so dass die Einrichtung die Verantwortung für eine weitere Betreuung ablehnte.

Die Beamten des Polizeireviers charakterisieren Hans wie folgt: „Er gab nach der Anhörung noch einmal an, dass er so viel Mist bauen würde, dass er mit 14 Jahren gleich ins Gefängnis kommen würde. Aufgrund seines Verhaltens ist hier auf jeden Fall mit weiteren Taten zu rechnen.“

Hans wurde erneut in die KJP eingewiesen und geschlossen untergebracht. Seit zwei Wochen ist er nun durch richterlichen Beschluss (§1631b BGB) in der geschlossenen Einrichtung Don Bosco Sannerz bei Fulda.

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