An Schulen scheiden sich hieran die Geister

Jungen reifen langsamer  - Spezielle Hilfe fürs männliche Geschlecht?

Kinder brauchen Bewegung: Jungen brauchen angeblich mehr Bewegung und sind wilder als Mädchen. Weil Jungen besonders in der Pubertät in der Schule schlechter abschneiden, sehen manche Fachleute einen speziellen Förderbedarf. Archivfoto: Lantelme

Kassel. Schulleiter Hans-Jürgen Ziegler vom Wilhelmsgymnasium (WG) macht sich ernsthaft Sorgen um die Jungen: Von 172 Schülern im Jahrgang elf in der Oberstufe seien nur noch ein Drittel männlich.

In den Sprachen erzielten die Mädchen bessere Ergebnisse. Die Jungen hätten aber Vorteile in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern. „Dieser Verteilung bei gleichzeitigem Mangel an Jungen in der Oberstufe sollten wir uns mit Ursachenforschung und einem Förderkonzept stellen“, sagt er.

Ziegler sieht in der „Sprachlastigkeit des Gymnasiums“ einen wichtigen Grund für das schlechtere Abschneiden der Jungen. Anders als bei Mädchen sei außerdem ihr Medienkonsum während der Pubertät höher. Ziegler meint: Jungen bräuchten männliche Vorbilder, mehr Bewegung und seien körperbetonter.

Kritik an Kitas und Schulen

Prof. Bernd Overwien von der Uni Kassel sieht das Hauptproblem an anderer Stelle: „Die Reifeprozesse von Jungen dauern länger.“ Der Professor für Didaktik der politischen Bildung meint, dass in Kita und Schule viel zu wenig darauf eingegangen werde. Er plädiert für eine Erlebnispädagogik für Jungen, räumt aber ein: „Es gibt zu wenige Wissenschaftler, die sich damit auseinandersetzen.“ Auch die Oberstufengymnasien Herder und Jacob-Grimm kämpfen mit Jungenschwund: An der Herderschule befinden sich 405 Mädchen und nur 263 Jungen, im Grimm-Gymnasium sind nur 39 Prozent der Schüler männlich. Dennoch sieht Leiter Martin Sauer (Herderschule) keinen Grund zur Sorge. Er meint, dass es auf das Schulprofil ankomme: Musisch ausgerichtete Gymnasien zögen eher Mädchen an, naturwissenschaftliche eher Jungen.

Getrennte Zusatzangebote

Diese These würde das Problem am WG erklären, das sich als Gymnasium mit sprachlichem Zug versteht, sowie einen Schwerpunkt Musik und Lerntalentklassen anbietet. An Lichtenberg-, Goethe- und Albert-Schweitzer-Schule (ASS) gibt es keinen signifikanten Unterschied im Zahlenverhältnis zwischen Jungen und Mädchen. Die Lichtenbergschule hat einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Schwerpunkt. „Mädchen und Jungen werden gleichermaßen gefördert“, sagt Leiter Helmut Dörr. Es gibt sogar geschlechtsspezifische Zusatzangebote: Für Jungen physikalisches Experimentieren mit Robotern und ein Leistungszentrum Sport, für Mädchen Roboter bauen und ein Förderprogramm in Handball und Schwimmen.

Die Albert-Schweitzer-Schule sieht sich wie das Goethegymnasium bei der Förderung von Jungen wie Mädchen gut aufgestellt. Die ASS als Europa-Schule bietet Schwerpunkte in vielen Bereichen an: Von sprachlichen bis naturwissenschaftlichen. Weil an der ASS der Physik-Club angesiedelt ist und bald ein Schülerforschungszentrum erbaut wird, hofft Leiter Stefan Alsenz, dass sich noch mehr Mädchen für die Naturwissenschaften interessieren. Gerade in dem besonderen Angebot der modernen Fremdsprachen gebe es den Trend, dass sich zunehmend Jungen dafür entschieden. Alsenz sagt: „Wir wollen kompetente Schüler haben, unabhängig von der Frage nach dem Geschlecht, und das scheint uns zu gelingen.“

Von Beate Eder

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