Reportage: Alltag im abulanten Pflegedienst

24 Patienten in drei Stunden: So hart ist der Alltag im Pflegedienst

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Hilft seinen Patienten: Der 25-jährige Kasseler Tim Böge ist in der Stadt unterwegs.

Die Autos der Pflegedienste, die schon ganz früh unterwegs sind, kennt jeder. Aber wie ist der Alltag in der ambulanten Krankenpflege? Wir haben einen jungen Mann in Kassel begleitet.  

Dunkelheit und Stille beherrschen die Wegmannstraße am Jungfernkopf. Hinter den meisten Fenstern ist es dunkel, nur in einem Haus brennt im ganzen Stockwerk Licht: In den Räumen des Ambulanten Pflegedienstes Schommer. Bereits an der Tür trifft man auf Pfleger, die sich auf den Weg machen.  

Die Arbeit der Pfleger startet um 6.30 Uhr. Andere bereiten noch ihre Taschen mit Medikamenten, Blutdruckmessgerät und Verbandszeug vor. Einer von ihnen ist Tim Böge. Pünktlich um 6.30 Uhr startet er seine Schicht. Wir begleiten ihn dabei.

Herrmann König* wartet schon. Der 80-Jährige kommt noch gut allein zurecht, kann kochen, sich waschen und anziehen. „Zwar langsam, aber es geht noch. Das ist gut“, sagt er, während er seine Jeans verschließt. Es ist früh am Morgen, kurz vor 7 Uhr. Tim Böge bringt ihm die Zeitung hoch und schaut, ob alles in Ordnung ist. König lebt schon lange allein, seine Frau ist bereits verstorben.

Pfleger und Patient plaudern ein wenig, über Fußball, das Wetter. Der „junge Mann“, wie Böge König nennt, möchte mehr erzählen, aber Böge muss weiter, die nächsten acht Patienten warten. Bis 10 Uhr muss Böge sie versorgt haben. „Das ist eine eher ruhige Tour“, sagt Böge. In anderen Schichten müsse er auch mal in drei Stunden 24 Patienten versorgen. Dass er in Kassel aufgewachsen ist, kommt ihm dabei zugute. Er kennt die Straßen und kommt so schnell von einem Kunden zum nächsten. Kunden, das sind die Patienten. Sie werden so genannt, weil sie Dienstleistungen in Anspruch nehmen und dafür zahlen. Das Produkt ist die Pflege. Im Sozialgesetzbuch ist geregelt, wie viel Zeit ein Pfleger für den Kunden aufbringen darf. „Für die Medikamentenvergabe habe ich drei Minuten. Für eine kleine Körperwäsche 15 Minuten“, sagt Böge. „Ich hätte gerne mehr Zeit.“

Wäscht die Patienten, kleidet sie an und hört ihnen zu: Der 25-jährige Kasseler Tim Böge ist seit sechs Jahren Pflegehelfer bei dem Ambulanten Pflegedienst Schommer.

Seit sechs Jahren ist Tim Böge Pfleger bei dem Ambulanten Pflegedienst Schommer. Rund 300 Kunden versorgen er und das Team aus rund 30 Pflegern. Zwölf Tage am Stück arbeitet er, dann hat er zwei Tage frei. Mehr als 30 Stunden pro Woche arbeitet Böge aber nicht. „Die meisten von uns haben eine Teilzeit-Stelle. Mehr geht nicht. Sonst würden wir kaputtgehen. Psychisch und körperlich.“

Mehr als 1800 Euro im Monat ist nicht drin. Dennoch sei der Beruf des Pflegers der Richtige für ihn, sagt Böge. „Dafür bin ich gemacht. Ich musste schon früh erwachsen werden und mich um meine beiden jüngeren Brüder kümmern.“ Bis zur Rente wolle er aber nicht in diesem Beruf bleiben.

Morgens sechs, mittags zwei, abends zwei und nachts auch noch mal zwei“, sagt Böge und ordnet Tabletten in die Medikamentenbox ein. Heinrich Krüger leidet an Parkinson, zudem kann er sich seit einer Rücken-OP nicht mehr aufrichten. Böge zieht ihm die Kompressionsstrümpfe an, hilft beim Aufstehen und schiebt ihn per Rollstuhl in das Bad. Die kleine Grundpflege ist dran, am Waschbecken mit Lappen und Lotion. Zähneputzen kann Krüger noch selbst. „Ich halte es so: Wer rastet, der rostet“, sagt Böge. „Was Patienten noch schaffen, das lasse ich sie machen.“

Mit einem feuchten Waschlappen fährt Böge dann dem Mann sanft über Gesicht, Rücken, Schulter, Arme und Achselhöhlen. Intimbereich und Beine kommen danach dran. Der körperliche Kontakt sei kein Problem mehr, so Böge. Anfangs habe es ihn zwar noch Überwindung gekostet. „Aber man gewöhnt sich daran.“

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Arbeitsutensilien

Böge sieht auf dem ersten Blick nicht unbedingt aus wie ein Pfleger. Tattoos zieren seine Arme und Hände, mehrere Piercings schmücken Nase und Lippen, ein roter, dichter Bart versteckt die untere Gesichtshälfte. Die Jeans sitzt tief, die Kappe verkehrt herum auf dem Kopf. Seine Hobbys sind Autos und Musik. Metal. In seiner Freizeit bastelt und schraubt er an seinem VW GTi, singt – „eigentlich heißt es shouten, eine Art brüllen“ – und schreibt Songs. Böges Umgang mit den Patienten ist locker. Sie freuen sich, wenn sie ihn sehen, erzählen „der Zeitung“, dass Böge der Beste sei. „Lob hört man gerne“, sagt Böge. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. „Pflege ist mehr als nur Hinternabwischen. Es ärgert mich, wenn man das über uns sagt. Wir sind für die Menschen da, hören ihnen zu, achten auf Kleinigkeiten, um ihnen eine Freude zu machen.“ Eine Beziehung baut er aber nicht zu den Patienten auf – versucht es zumindest. „Das alles sollte man nicht zu nah an sich heranlassen. Auch wenn man Menschen zum Teil jahrelang begleitet.“

Die schwere Tür des Mehrfamilienhauses summt, Böge drückt sie auf. An der Wohnungstür öffnet aber niemand. Böge wartet und klingelt noch einmal. „Diese Patientin ist schwer dement“, sagt er. Eine Frau öffnet. Sie grüßt und lächelt freundlich. „Mich scheint sie noch zu erkennen“, sagt Böge.

Gertrud Engel lässt sich den Blutzuckerwert messen. Eine Spritze kommt noch in den Bauch. Dann macht der Pfleger Frühstück. „Sonst vergisst sie zu essen“, sagt er und durchsucht die Küchenschränke. „Das Brot packt sie immer woanders hin.“ Was Frau Engel den ganzen Tag so mache? „Nichts. Sie dümpelt vor sich hin. Ihre Kinder leben hier nicht und scheinen sich nicht für sie zu interessieren. Auch an Weihnachten war sie allein.

Helga Stark wartet schon an der Haustür. „Schauen Sie sich das an“, sagt die kleine Frau aufgeregt und läuft in gebückter Haltung in den ersten Stock. Ihr Mann Peter hatte mehrere Schlaganfälle durchlitten, hat seither keine Kontrolle mehr über Harn- und Stuhldrang, kann kaum laufen und sich nur schwer verständigen.

Er liegt in einem Bett im ersten Stock, sein Unterleib ist in Plastikfolie gewickelt. „Damit er mir das Bett nicht nassmacht“, sagt Helga Stark. Der Katheter, der den Urin direkt aus der Blase in einen Beutel leitet, läuft über. Böge prüft den Schlauch. „Er muss gewechselt werden. Aber im Krankenhaus. Wir können nicht gewährleisten, dass ambulant alles steril verläuft“, sagt er. Er ruft einen Krankenwagen, zieht Stark an und begleitet ihn die Treppe runter. Es gibt keinen Lift. „Das Geld fehlt auf beiden Seiten: bei Pfleger und Patient.“ In kleinen, vorsichtigen Schritten läuft Stark runter und hält sich dabei am Geländer fest. Rückwärts. Böge geht vor, bleibt in seiner Nähe. „Wenn er stürzt, fällt er auf mich. Ich kann ihn vielleicht noch auffangen.“

Der Rettungswagen ist da, die Sanitäter helfen Peter Stark in den Wagen. Leise sagt er Danke.

Mitleid hat Böge nicht mehr mit den Patienten. „Viele wollen auch gar nicht bemitleidet werden“, sagt er und ergänzt: „Man stumpft ab. Und man darf es eh nicht zeigen, wenn der Tod einem doch nahe geht. Schon gar nicht, wenn ein Patient stirbt und Angehörige dabei sind.“

*Die Namen der Patienten und ihrer Angehörigen wurden von der Redaktion geändert.

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