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Auf dem Weg zur Bienendemokratie: Kasseler Imker und ihre Stöcke sind Teil der documenta

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Von: Katja Rudolph

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Hobbyimker Oliver Bischoff zeigt ein Honigrähmchen aus dem Stock seiner Bienen am Jungfernkopf.
Aktuelle Arbeit von Künstlern mit Weltrang: Hobbyimker Oliver Bischoff zeigt ein Honigrähmchen aus dem Stock seiner documenta-Bienen. © Katja Rudolph

Nordhessische Bienen und ihre Imker sind Teil der aktuellen documenta. Im Projekt „Beeholder - Beecoin“ geht es darum, Bienen mehr Mitbestimmung über ihre Umwelt zu ermöglichen. Wir haben einen Kasseler Imker und seine tausenden Honigkünstler besucht.

Kassel – Im Garten von Oliver Bischoff liegt ein beständiges Summen in der Luft. „Heute ist viel Verkehr“, sagt der 57-Jährige. Er meint damit seine Bienen, die an diesem sonnigen Vormittag fleißig von Blüte zu Blüte schwirren. Eins seiner zehn Völker ist dabei nicht nur zur Futtersuche unterwegs, sondern auch im Auftrag der Kunst. Ein Bienenstock des Bio-Imkers, der am Jungfernkopf lebt, ist Teil der documenta.

Für das Projekt „Beeholder – Beecoin“ arbeitet das Künstlerkollektiv des Berliner Zentrums für Kunst und Urbanistik (ZK/U) mit 15 Imkerinnen und Imkern in Kassel und Umgebung zusammen – und mit deren Bienen. Denn die stehen im Mittelpunkt des documenta-Projekts. Ziel ist die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Und darauf, so die Idee, können die Bienen selbst Einfluss nehmen: nämlich mit ihren Daten und den Imkern als ihrer Interessenvertretung.

Jeder Bienenstock ist deshalb mit einem solarbetriebenen Sensor-Kit ausgestattet. Auch Oliver Bischoffs Bienenstock ist auf diese Weise überwacht: Über Fühler im Inneren werden Temperatur und Luftfeuchtigkeit gemessen. Eine Waage unter der großen Holzkiste, in der Zehntausende Bienen zuhause sind, zeichnet kontinuierlich das Gewicht auf.

„Anhand der Daten kann man gut sehen, was bei den Bienen los ist und wie es ihnen geht“, erklärt Bischoff. Je nachdem, wie viele Bienen tagsüber ausgeflogen sind, verändert sich das Gewicht. Am Abend, wenn alle Tiere wieder in den Stock zurückkehren, schlägt sich der Eintrag in die Honigräume auf der Waage nieder. Gibt es keinen Gewichtszuwachs, haben die Bienen wetter- oder trachtbedingt keine guten Arbeitsbedingungen gehabt.

Die Daten aus den Bienenstöcken werden laufend auf der Projektwebseite des ZK/U übertragen und auf Bildschirmen im Ruruhaus grafisch ausgewertet. Dort befindet sich die Ausstellungsfläche für „Beeholder – Beecoin“. Beim Lesen des Erklärtexts können die Besucher sich mit kleinen gelben Klettkissen wie die Bienen ein „Pollenhöschen“ anlegen.

Ausgangspunkt für das Vorhaben sei die Frage, „warum es so schwierig ist, ökonomische Entscheidungen zu treffen, die nicht nur uns Menschen zugutekommen“, erklärt Matthias Einhoff vom ZK/U. Mit dem Projekt wolle man mit künstlerischen Mitteln eine auf nicht-menschliche Akteure erweiterte Demokratie erproben.

Wer die documenta-Ausstellung schon länger verfolgt, fühlt sich dabei an die d13 erinnert, bei der die Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev in einem Interview über das Mitspracherecht und die politische Intention von Erdbeeren sprach. Derselbe Grundgedanke einer nicht allein menschenzentrierten Weltsicht liegt der Bienendemokratie der d 15 zugrunde.

Für deren künstlerische Umsetzung bedient sich das Künstlerkollektiv des ZK/U der Blockchain-Technologie, die aus der Finanzwelt stammt. Darunter versteht man eine auf viele Akteure verteilte gemeinsame Datenbank für Transaktionen. Analog zur Kryptowährung Bitcoin als das Zahlungsmittel heißt es beim documenta-Projekt „Beecoin“ (Bienenmünze). Anhand der eingespeisten Daten aus den Bienenstöcken und mithilfe eines speziellen Algorithmus wird die Zuweisung des Geldes autonom gesteuert. Die Künstler nennen das „BeeDAO“, das steht für digitale autonome Organisation.

Die Imker, hier „Beeholder“ genannt, sind gewissermaßen die Parlamentarier und entscheiden im Interesse der Bienen über Projekte zu deren Gunsten – etwa über das Anlegen einer Blühwiese oder eines Bienenlehrpfades.

Für Oliver Bischoff, der im Hauptberuf am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Uni Kassel arbeitet und über Blockchain promoviert, passt das Projekt zu seinen Interessen. „Das ist schon ein bisschen abgefahren alles“, sagt er, „aber gut.“

Der Kasseler hat seit seiner Jugend keine documenta verpasst. „Aber so dicht dran war ich noch nie“, sagt er. Er will nächstes Jahr auch seine anderen Bienenvölker mit Sensor-Kits ausstatten. Auch eine akustische Aufzeichnung im Stock könnte interessant sein: „Wenn eine neue Königin schlüpft, dann stößt sie einen Fiepton aus.“ Ein wichtiges Signal für dem Imker, dass Aufruhr im Bienenstock droht. Auch das zeigt: Die Bienen haben viel zu sagen. (Katja Rudolph)

Webseite von Bio-Imker Oliver Bischoff: honig-jaeger.com

Jeder kann mitmachen

Jeder, der sich für das Wohl der Bienen einsetzen und Entscheidungen mit ihnen treffen will, kann Mitglied im BeeDAO werden – also „Beeholder“. Dafür muss man eine sogenannte NFT-Mitgliedschaft erwerben (online oder im documenta-Shop im Ruruhaus erhältlich). Diese kostet 40 Euro, im Gegenzug bekommt man ein Wabenposter; für die Premiummitgliedschaft im Gegenwert von 500 Euro gibt es ein „von Bienen signiertes“ Poster, das mit echten Blütenpollen versehen ist. Im Wert des Mitgliedsbeitrags fließen NFT (non-fungible Token, eine Art digitaler Bon) in den gemeinsamen Etat. Daraus wiederum können die gemeinsamen Bienen-Mensch-Vorhaben finanziert werden. Neben den 15 Kasseler Imkern und ihren Völkern haben sich nach Angaben des ZK/U bereits Bienen und ihre Vertreter aus Kanada und dem Libanon dem Projekt angeschlossen. Aus Mali und Großbritannien gibt es weitere Interessenten.
beedao.zku-berlin.org

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