Inobhutnahme für Jungen

Wohngruppe am Jungfernkopf: Einsperren gibt es nicht

+
Fast wie in einer Familie: Sozialarbeiterin Anna-Lena Schlegel und Erzieher Torsten Sauerland bereiten das Essen für die Jugendlichen vor, die dabei auch mithelfen.

In Kassel gibt es Probleme mit der Wohngruppe am Jungfernkopf: Einige der Jugendlichen haben im Stadtteil randaliert. Was passiert nun?

Nachdem drei Jugendliche aus der Inobhutnahme am Jungfernkopf im Dezember im Stadtteil randaliert haben, gibt es viele Fragen zu der Wohngruppe. Wir haben mit Jugendamt und Betreiber gesprochen.

Vier Jugendliche wohnen aktuell in der Inobhutnahme am Jungfernkopf. Sie haben dort vorübergehend ein Zuhause gefunden, weil sie in ihren Familien nicht leben können. Ein Vorfall von Mitte Dezember ist im Haus noch Gesprächsthema, dabei haben die jetzigen Bewohner nichts damit zu tun: Drei Jungen aus der Einrichtung im Alter von 14 und 17 Jahren hatten nachts im Stadtteil drei Fahrräder gestohlen, einen geklauten Feuerlöscher auf die Straße entleert und versucht, einen Zigarettenautomaten zu knacken. Seither sind einige Anwohner beunruhigt. Sie haben sich mit ihrem Ärger und ihren Sorgen an den Ortsbeirat gewandt (wir berichteten).

Seit September 2017 befindet sich in dem unauffälligen Wohnhaus mit großem Garten die Inobhutnahme für Jungen. Sie wird im Auftrag der Stadt von der Hephata Diakonie betrieben, die dort bereits seit 2016 jugendliche Flüchtlinge betreut hatte.

Randalieren in Kassel sei „besonderes Vorkommnis“

Die drei Jugendlichen, die im Dezember mitten in der Nacht das Haus verlassen hatten und schließlich von der Polizei zurückgebracht wurden, seien nach dem Vorfall getrennt voneinander in anderen Einrichtungen untergebracht worden, sagte Jugendamtsleiterin Judith Osterbrink im Gespräch mit der HNA. „Da waren drei aufeinandergetroffen, die eine ungute Konstellation ergaben.“ Es sei das erste Mal in den mehr als zwei Jahren, dass es ein solches „besonderes Vorkommnis“ gab, so Harald Meiß, Leiter des Bereichs Jugendhilfe der Hephata.

Die Jugendlichen in der Wohngruppe würden rund um die Uhr von Sozialpädagogen betreut, betont Meiß. Auch nachts sei ein Mitarbeiter im Haus, ein weiterer in Rufbereitschaft. Allerdings könne man das Haus nicht absperren: „Freiheitsentzug gibt es nicht in der Jugendhilfe“, sagt Meiß, es handele sich schließlich nicht um eine geschlossene Einrichtung. Natürlich gebe es Regeln im Haus, an die sich die meisten Jungen auch hielten. Vollständig ausschließen, dass sich Jugendliche nachts rausschleichen könne man aber nicht, sagt Meiß. Das sei nicht anders als in normalen Familien.

Jugendliche sind in einer emotionalen Ausnahmesituation

Am Jungfernkopf gibt es bis zu neun Plätze. Aufgenommen werden Jungen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren. Sie bleiben wenige Tage bis zu sechs Wochen – bis sie in ihre Familie zurückkehren können oder das Jugendamt eine passende dauerhafte Einrichtung für sie gefunden hat. Nach Möglichkeit besuchen sie die Schule, andernfalls gibt es tagsüber Angebote in der Wohngruppe.

Jugendliche, die nicht mehr in ihren Familien leben können und in die Einrichtung kommen, seien in einer emotionalen Ausnahmesituation, sagt Jugendamtsleiterin Osterbrink. Einige verhielten sich unauffällig, andere reagierten, indem sie sich zurückziehen und manche mit „Aggressionen nach innen und außen“. Der Auftrag in der Inobhutnahme sei der Schutz der Jugendlichen, betont Osterbrink. Die pädagogischen Einflussmöglichkeiten seien im kurzen Zeitraum des Aufenthalts begrenzt. Die Mitarbeiter der Einrichtung seien dankbar für einen guten Kontakt mit den Nachbarn und für Hinweise, falls Jugendliche auffällig werden, ergänzt Meiß: „Je eher wir etwas mitbekommen, desto schneller können wir reagieren.“

Termin: Die Inobhutnahme ist Thema in der Sitzung des Ortsbeirats Jungfernkopf am Donnerstag 30. Januar, 19 Uhr, in der Gaststätte Laubenpieper, Frasenweg 46. 

267 Fälle im vergangenen Jahr in der Stadt Kassel

Bei einer Inobhutnahme handelt es sich um die vorläufige Aufnahme und Unterbringung eins Kindes oder Jugendlichen in einer krisenhaften Situation, angeordnet durch das Jugendamt. Im Vorjahr gab es in der Stadt Kassel 267 Inobhutnahmen. In 67 Fällen handelte es sich dabei um unbegleitete minderjährige Ausländer, für die es eigene Wohngruppen gibt. Neben der Einrichtung am Jungfernkopf gibt es im Stadtgebiet zwei weitere Einrichtungen für Kinder bis 10 Jahre. Kinder unter 3 Jahren werden in Bereitschaftspflegefamilien vermittelt. Inobhutnahmen werden unter anderem vorgenommen, wenn Kinder oder Jugendliche allein aufgegriffen werden und nicht nach Hause zurückkehren können oder wollen – etwa weil sie in der Familie Gewalt, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung erfahren haben oder die Eltern mit der Erziehung überfordert sind.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.