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Ohne Kindersitz zur Schule: Minicars fahren Grundschüler im Auftrag der Stadt

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Von: Bastian Ludwig

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Erst ab zwölf Jahren ohne Kindersitz: Wer Kinder transportieren will, braucht im Auto bis zum 12. Geburtstag einen Kindersitz. Ausnahme: Das Kind ist bereits größer als 1,50 Meter.
Erst ab zwölf Jahren ohne Kindersitz: Wer Kinder transportieren will, braucht im Auto bis zum 12. Geburtstag einen Kindersitz. Ausnahme: Das Kind ist bereits größer als 1,50 Meter. © dpa

Mit dem Minicar zur Grundschule? Klingt komfortabel. Doch das Gegenteil ist der Fall. Eltern in Kassel sind in Sorge, weil es an Kindersitzen mangelt.

Kassel - Seit 7. September transportiert die Kasseler Minicar-Firma Yellow im Auftrag der Stadt Kassel Vorschüler zur Grundschule Jungfernkopf. Weil auch Kinder aus angrenzenden Stadtteilen wie Kirchditmold die Vorschulklasse am Jungfernkopf besuchen, musste die Stadt aufgrund der Entfernung für eine Beförderung sorgen. Den Zuschlag bekam die Firma Yellow, die nun vor allem deshalb in der Kritik steht, weil Fahrer häufig ohne Kindersitze unterwegs waren.

Schon kurz nachdem der Minicar-Fahrservice für die Schüler beauftragt war, kam es zu Beschwerden aus der Elternschaft. Einige weigerten sich, ihre Kinder in die Autos zu setzen, weil deren Fahrer wiederholt keine oder zu wenige Kindersitze an Bord hatten. Eine betroffene Mutter erzählt, dass sie einmal erlebt habe, wie ein Fahrer ein anderes Schulkind vom Kindersitz gehoben habe, nur weil sie darauf bestanden habe, dass ihre Tochter nur auf einem solchen mitfährt. „Damit hintergeht man die Eltern“, sagt die Mutter.

Obwohl die Probleme bei Fahrern, Firma und Schule angemahnt wurden, änderte sich nur langsam etwas. Teils sollen Fahrer aus eigener Tasche Sitze gekauft haben. Und obwohl schließlich genug Sitze vorhanden waren, kam es weiter zu Problemen. Insbesondere wenn Ersatzfahrer für kranke Kollegen einsprangen, sollen sichere Sitzmöglichkeiten für die insgesamt neun betroffenen Kinder gefehlt haben. Häufig hätten sie daher lieber selbst ihre Kinder zur Schule gebracht, berichten Eltern.

Minicar-Firma in Kassel: Unpünktlichkeit ein weiteres Problem

Aber die Kindersitze waren nicht das einzige Problem. Wiederholt wurden die Kinder zu spät an der Schule abgesetzt. Schäden an Fahrzeugen und schlechte Deutschkenntnisse der Fahrer sind weitere Kritikpunkte.

„Eine Beförderung von Kindern unter 12 Jahren oder einer Mindestkörpergröße von 1,50 Meter ohne Kindersitz ist unter keinen Umständen tolerierbar“, so ein Sprecher der Stadt. Der Dienstleister sei umgehend aufgefordert worden, die Kinder nur mit Kindersitz zu transportieren. Die Situation habe sich zuletzt verbessert. An anderen Schulen, wo die Firma auch für die Stadt Kinder transportiere, seien solche Probleme nicht bekannt geworden.

Yellow räumt anfängliche Versäumnisse mit den Kindersitzen ein. Inzwischen seien drei statt ein Auto für die Schüler im Einsatz. Man tue alles, „um die Zufriedenheit herzustellen“.

Hintergrund zur Schülerbeförderung

Im Hessischen Schulgesetz (Paragraf 161) ist die Schülerbeförderung der Kommunen geregelt. Dort heißt es: „Eine Beförderung ist notwendig, wenn die kürzeste Wegstrecke zwischen Wohnung und Schule [...] für Schülerinnen und Schüler der Grundschule mehr als zwei Kilometer und für Schülerinnen und Schüler ab der fünften Jahrgangsstufe mehr als drei Kilometer beträgt.“ Zudem könne sie nötig sein, wenn es sich um besonders gefährliche Wegstrecken handele.

Das sagt die Polizei

An der Grundschule Jungfernkopf führe die Polizei, wie an anderen Schulen auch, regelmäßig Verkehrskontrollen durch, teilt eine Polizeisprecherin mit. Dabei werde auch geprüft, ob Kinder mit Kindersitz befördert würden, sei es durch ein Unternehmen oder durch die eigenen Eltern. Stelle die Polizei dabei fest, dass ein Kind ohne entsprechenden Sitz befördert wird, könne die Weiterfahrt untersagt werden. Zudem handele es sich um eine Ordnungswidrigkeit, die ein Bußgeld (30 Euro) nach sich ziehe. Sei ein Kind gar nicht gesichert, das heißt, nicht angeschnallt und ohne Sitz, komme noch ein Punkt in Flensburg hinzu. Bislang seien im Umfeld der Schule keine vermehrten Verstöße festgestellt worden. Die örtlich zuständige Polizeibeamtin werde sich nun aber der Problematik annehmen.

Stadt Kassel will Vertrag mit Dienstleister kündigen, wenn Probleme anhalten

Die Stadt Kassel versichert, dass es im Vorfeld der Beauftragung keinen Hinweis auf etwaige Probleme gab. Bereits im vergangenen Schuljahr habe die Stadt mit der Firma Yellow für die Beförderung an einem anderen Schulstandort zusammengearbeitet, so ein Rathaussprecher. Zu diesem Zeitpunkt habe es gegenüber dem Unternehmen keine Beanstandungen gegeben. Deshalb sei nach Einholung der vorgeschriebenen Vergleichsangebote erneut ein Vertrag mit der Firma geschlossen worden – diesmal für die Beförderung von Kindern aus der Schule Jungfernkopf. Auch zur Schule Schenkelsberg bringe das Unternehmen aktuell Kinder.

Nachdem es Beschwerden seitens der Eltern und der Schulleitung der Grundschule Jungfernkopf gegeben habe, sei das Amt für Schule und Bildung sofort tätig geworden, so der Stadtsprecher. Yellow sei angewiesen worden, die Kinder nur noch mit Kindersitzen zu befördern. „Die Missstände wurden und werden nicht toleriert“, heißt es aus dem Rathaus weiter. Eine rechtssichere Kündigung des Beförderungsvertrags mit Yellow sei aber nur möglich, wenn der Dienstleister die angemahnten Mängel nicht innerhalb einer gesetzten Frist abstelle.

Eine Fristsetzung sei in Absprache mit der Schulleitung aber noch nicht erfolgt. Sollte es weitere Beschwerden geben, werde dies aber erfolgen. Nach Informationen des Amtes für Schule und Bildung habe sich die Situation bis zu den Herbstferien verbessert. In Absprache mit der Schulleitung werde die Situation weiter beobachtet.

Kasseler Minicar-Firma nimmt Eltern in die Pflicht

Auf Verbesserungen hoffen auch die Eltern. Auch, weil die Fahrer für das Gros der Missstände keine Schuld trügen. Auch wünschen sie sich, dass künftig keine Fahrzeuge mit größeren Mängeln – zuletzt waren fehlende Außenspiegel beobachtet worden – für die Beförderung eingesetzt werden. Einige Fahrer hätten sich zudem bis zuletzt geweigert, den Airbag auszuschalten, wenn Kinder auf dem Beifahrersitz transportiert wurden. „Hier geht es um die Sicherheit der Kinder“, so eine Mutter. Auch die Pünktlichkeit müsse noch verbessert werden. An zu vielen Tagen kämen die Kinder zu spät in die Schule.

Das Minicar-Unternehmen Yellow sieht sich inzwischen ausreichend mit Kindersitzen ausgestattet. Es habe da anfänglich Probleme gegeben, räumt Dolores Schmidt ein, die bei der Firma Yellow den Schülertransport organisiert. „Wir haben eigentlich genug Kindersitze. Doch wenn Fahrer sich kurzfristig krankmeldeten, wurde manchmal vergessen, die Sitze umzuladen“, sagt Schmidt. Sie sieht aber auch die Eltern in der Pflicht. Häufig würden Eltern nicht Bescheid geben, wenn ihre Kinder krank seien und nicht in die Schule gingen. „Dann warten unsere Fahrer vergeblich vor der Haustür und kommen zu spät an der Schule an.“ Man versuche nun alles, um die Zufriedenheit der Eltern und Schule hinzubekommen. (Bastian Ludwig)

Schon vor zwei Jahren hatte es Probleme mit den Minicars in Kassel gegeben: Bei einer Polizeikontrolle wurden damals zahlreiche Verstöße bis zum Verdacht der Schwarzarbeit festgestellt.

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