Information bei Elternabend ließ Fragen offen

Sorge nach Unfall in Kita: Kind trank Essigessenz-Lösung

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Größte Kita Kassels: In der Kindertagesstätte am Jungfernkopf ist bei einem Unfall am 19. Januar ein Kind verletzt worden. 

Kassel. In der Kindertagesstätte Jungfernkopf ist Mitte Januar bei einem Unfall ein vierjähriger Junge schwer verletzt worden. Das wurde aber erst vor wenigen Tagen bekannt.

Bei einem Elternabend in der städtischen Kita wurde der Vorfall geschildert. Was genau passierte, wurde den Eltern aber nicht mitgeteilt. Ein Vertreter des Jugendamts berichtete, das Kind sei mehrfach im Krankenhaus behandelt worden. Noch sei nicht klar, ob es bleibende gesundheitliche Schäden davontrage. Es wurde gebeten, keine Nachfragen zu stellen. Daraufhin wandten sich beunruhigte Eltern an die HNA.

Bei der Polizei ist der Vorfall vom 19. Januar von den Eltern des betroffenen Jungen angezeigt worden. Der Vierjährige hatte aus einem Wasserspender getrunken, der vorher mit einem Essigreiniger desinfiziert worden war. Später erbrach sich das Kind mehrfach, klagte über Halsschmerzen und wurde im Klinikum behandelt, teilte ein Polizeisprecher gegenüber der HNA mit.

Die Eltern des Jungen erstatteten Anzeige wegen fahrlässiger Köperverletzung gegen eine Mitarbeiterin der Kita. Einige Tage später kam laut Polizei eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen hinzu: Den Eltern sei erst nachträglich von der Kita mitgeteilt worden, dass es sich um Essigessenz gehandelt hatte, und nicht – wie es zunächst geheißen habe – um Essigwasser. Essigessenz ist wesentlich schärfer (siehe Artikel unten).

Auch die Stadt Kassel bemüht sich darum, die genauen Umstände, wie es zu dem Unfall kommen konnte, aufzuklären. Kita-Aufsicht und der Arbeitssicherheitsdienst der Stadt Kassel sind in den Fall eingeschaltet. „Das hätte so nicht passieren dürfen, und wir werden alles dafür tun, damit sich so etwas nicht wiederholt“, sagt Jugendamtsleiterin Judith Osterbrink.

Der Wasserspender: Das Kind zapfte an dem Spender, als sich in dem Unterteil noch ein Reinigungsgemisch mit Essigessenz befand. 

An jenem Tag seien die Kinder zum Spielen draußen gewesen. Als sie wieder in den Gruppenraum kamen, seien sie aufgefordert worden, sich etwas zu trinken aus den Kannen auf dem Tisch zu nehmen, Der Wasserspender, aus dem die Kinder sich sonst bedienen können, sei zu dieser Zeit auseinandergebaut gewesen.

Eine Mitarbeiterin hatte das Unterteil, auf das der Wasserbehälter aufgesetzt wird, zuvor mit verdünnter Essigessenz gereinigt, so Osterbrink. Der Junge sei dann, ohne dass die Erzieherinnen dies sofort merkten, zum Wasserspender gegangen und habe sich etwas gezapft – heraus kam das Reinigungsgemisch. Das Kind habe sofort auf sich aufmerksam gemacht, woraufhin man ihm den Mund gespült und Wasser zum Nachtrinken gegeben habe. Wenige Minuten später sei der Junge ohnehin abgeholt worden. Die Erzieherin habe den Eltern geraten, einen Arzt aufzusuchen.

Das Jugendamt bemühe sich seitdem, Kontakt zu den Eltern herzustellen. Mit der Information über den Vorfall bei dem turnusmäßigen Elternabend, habe man Gerüchten vorbeugen wollen. „Wir entschuldigen uns, wenn unsere Mitteilung so uneindeutig war, dass sie Besorgnis erregt hat“, sagt Osterbrink. Aus Sorge, den Datenschutz verletzen zu können, sei man offenbar zu defensiv vorgegangen. 

Essigessenz kann zu Verätzungen führen

Wie schwer die Verletzungen sind, die der Junge beim Trinken des Essigessenz-Gemischs erlitten hat, ist nicht bekannt. Während normaler Essig in der Regel etwa fünf Prozent Essigsäure enthält, ist Essigessenz mit um die 20 Prozent deutlich konzentrierter. Während normaler Essig harmlos ist, kann die Essigessenz zu Verätzungen führen, erklärt der Kasseler Kinderarzt Dr. Matthias Demuth. Davon betroffen seien meist Zunge und Mund, wenn das Gemisch heruntergeschluckt wird, auch die Speiseröhre. An den betroffenen Stellen treten Rötungen und Schleimhautverletzungen auf, die sehr schmerzhaft sind. In der Regel heilten solche Verätzungen nach ein bis zwei Wochen ab, sagt Demuth.
In schweren Fällen könnten sich Narben bilden. Diese könnten in der Speiseröhre zu Verengungen führen, die das Schlucken behindern. Im Extremfall müsse dann operiert werden. Wenn in dem Fall in der Kita die Essigessenz verdünnt war, dürften die Verletzungen des Kindes aber nicht allzu schwer ausgefallen sein, vermutet der Mediziner. Wenn ein Kind Essigreiniger schluckt, sollte es die Flüssigkeit sofort ausspucken. Dann sei es wichtig, mit viel Wasser nachzuspülen, um den Ätzeffekt abzumildern. (rud)

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