JVA-Wehlheiden-Prozess: Ältere Akten liegen im Keller

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Nebenkläger: Jan M., Sohn des Opfers.

Kassel. Der hessischen Justiz und auch der Justizvollzugsanstalt Kassel musste bekannt sein, wie gefährlich der offenkundig geistig gestörte Michail I. war. Der 38 Jahre alte Ukrainer ist angeklagt, seinen Mithäftling Janusc W. im Gefängnis Kassel-Wehlheiden getötet zu haben.

Michail I. hat die Tat gestanden. Stimmen, die er gehört habe, hätten ihm den Befehl erteilt, Janusc W. umzubringen.

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In der gestrigen Verhandlung vor dem Kasseler Landgericht wurden verschiedene Vermerke und Schreiben über Michail I. verlesen. So listete ein Schreiben der JVA Butzbach mehrere aggressive Handlungen auf: massiver Angriff auf Vollzugsbeamte, Zerstörung des Haftraums, sexuelle Belästigungen von Mitgefangenen, Ausbruchsversuche. Zusammenfassend heißt es: Michail I. verfüge über ein „hohes Maß an Gewaltbereitschaft“.

Auch die Kassler JVA schrieb in Sachen Michail I. am 25. Juni 2002 an das hessische Justizministerium. Man habe seine Zelle gekennzeichnet, um auf seine Gefährlichkeit aufmerksam zu machen, und er werde mit Medikamenten behandelt. Und am 30.1. 2003 schrieb die JVA ans Justizministerium, Michail I. sei auf der psychiatrischen Abteilung des Gefängniskrankenhauses untergebracht, er verhalte sich aber unauffällig, sein Zustand sei stabil.

Dieser Michail I. wird 2012 wieder nach Kassel gebracht, um eine Reststrafe zu verbüßen. Er trifft auf sein späteres Opfer Janusc W. Die Anstaltspsychologin, so ein JVA-Bediensteter gestern als Zeuge, ordnet an, dass Michail I. auf eine Gemeinschaftszelle gelegt wird. „Nicht mit Russen zusammen“, habe sie noch angeordnet, sagt der Beamte.

Michail I. wird mit Janusc W. zusammengesperrt. Der wartet in Wehlheiden auf seine Abschiebung nach Polen. Dazu kommt es nicht mehr. Michail I. tötet seinen Mitbewohner in der Zelle. Andere Gefangene berichten gestern vor Gericht von Geräuschen, Stühlerücken und einem Schrei, den sie nachts gehört hätten. Alarm schlägt niemand. Im Gefängnis gibt es viele Geräusche.

Ein Kripobeamter sagte am Mittwoch aus, in der JVA Kassel habe man ihm mitgeteilt, dass im Computersystem des Gefängnisses Daten über Häftlinge nach fünf Jahren automatisch gelöscht würden. Wolle man etwas über frühere Gefangene wissen, müsse man „Akten aus dem Keller holen.“

Der Prozess wird am Freitag nächster Woche fortgesetzt.

Von Frank Thonicke

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