Kämpferin für Gleichberechtigung

Elisabeth Selbert: Vor 125 Jahren kam sie in Kassel zur Welt

Elisabeth Selbert
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Elisabeth Selbert: Das Foto aus dem Archiv der deutschen Frauenbewegung zeigt die Kasseler SPD-Politikerin und Juristin um 1948/49.

Kassel feiert in diesem Jahr den 125. Geburtstag der Politikerin und Juristin Elisabeth Selbert. Wir erinnern mit einer Serie an die „Mutter des Grundgesetzes“, die am 22. September 1896 geboren wurde.

Kassel – Der Satz war ebenso einfach wie folgenreich: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Dass er im Grundgesetz steht, verdanken wir der Kasseler Politikerin Elisabeth Selbert.

Liest man Porträts der 1896 in Kassel geborenen Frau, dann erscheint sie oft unnahbar – als strenge Kämpferin, die unbeirrt ihr Ziel verfolgte.

Aber Elisabeth Selbert war viel mehr. Ehefrau, Mutter, Oma. Im hohen Alter spielte sie noch mit ihren Enkeln Federball. Sie machte Heu und kochte ein, pflegte ihre Rosen und trank abends gern ein Glas Rotwein.

Als 22-Jährige war Elisabeth Selbert 1918 in die SPD eingetreten. Sie war eine junge Frau, die aus einfachen, christlichen Verhältnissen stammte. Soziale Benachteiligung hatte sie am eigenen Leib erfahren.

Was auch heute noch schwer genug ist, war in den 1920er-Jahren eine wahre Herkules-Aufgabe: Elisabeth Selbert organisierte als Mutter von zwei Kindern den Haushalt, holte gleichzeitig das Abitur nach und schrieb 1930 ihre Doktorarbeit zum Thema „Zerrüttung als Ehescheidungsgrund“. Fast 50 Jahre später wurde das 1977 durch die Eherechtsreform Gesetz. Gerade noch bevor die Nationalsozialisten den Beruf für Frauen verboten, wurde Elisabeth Selbert Anwältin. Sie musste die Familie alleine durchbringen. Ihr Mann galt als Staatsfeind und bekam keine Arbeit. Elisabeth Selbert durfte sich deswegen keine politischen Eskapaden leisten – einen Kotau vor den Nazis machte sie aber nie.

Sie wusste also, über was sie sprach, wenn sie die Gleichberechtigung forderte. Und sie setzte sich gegen ihren Parteivorsitzenden Kurt Schumacher durch, als sie sich mit überparteilichen Frauenorganisationen verband.

Elisabeth Selbert reiste durchs Land, um für ihre Artikel im Grundgesetz zu werben. Danach erhielt sie waschkörbeweise zustimmende Post.

In der Verfilmung „Sternstunde ihres Lebens“ aus dem Jahr 2014, in dem Iris Berben die Elisabeth Selbert spielt, ist dieses Bild der Waschkörbe mit Post von Frauen aus der gesamten Republik der Plot der Story. Und so muss es auch für Elisabeth Selbert im realen Leben gewesen sein. Die überwältigende Zustimmung der Frauen in einer Zeit ohne digitale soziale Medien, war schließlich der Wendepunkt.

1948 wurde die Mutter der Gleichberechtigung als eine von vier Frauen in den Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz entwarf und verabschiedete, aufgenommen. Am 18. Januar 1949 war es dann soweit. Ohne Gegenstimmen wurde der Selbert’sche Satz verabschiedet: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ So klar und schnörkellos lautet seitdem Artikel 3 Absatz 2 Satz 1 des Grundgesetzes.

Elisabeth Selbert starb am 9. Juni 1986 im Alter von 89 Jahren in ihrer Heimatstadt Kassel. (Christina Hein, Frank Thonicke)

Serie über Elisabeth Selbert

Mit Texten zu Aspekten des Lebens und Wirkens von Elisabeth Selbert soll in loser Folge an die Kasselerin erinnert werden. Das Archiv der deutschen Frauenbewegung bietet dazu Einblick in seine Selbert-Dokumente. Der erste Artikel aus dem Archiv befasst sich mit dem Gleichberechtigungsartikel im Grundgesetz.

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