Wolfgang Bahr lebte und litt von 1958 bis 1967 in einem evangelischen Heim

Er kämpft für Genugtuung

Mittagessen im Speisesaal des evangelischen Erziehungsheimes Karlshöhe: Anfangs gab es nur Blechgeschirr und Löffel. Wolfgang Bahr hat nur wenige Fotos aus der Zeit zwischen 1958 und 1967. Hier ist er (erste Reihe rechts) nur von hinten zu sehen. Foto:  privat/nh

Kassel Gegen das quälende Gefühl der Ohnmacht kämpft Wolfgang Bahr heute noch an. Als ehemaliges Heimkind litt der 62-jährige Kasseler unter Einsamkeit, Schutzlosigkeit, Erniedrigung, Gewalt und Missbrauch. Heute setzt er sich mit großem Engagement und Nachdruck für die Interessen der Betroffenen und dafür ein, dass sie Genugtuung und Entschädigung erfahren.

Wolfgang Bahr war sieben Jahre alt, als ihn seine Mutter mit dem vier Jahre älteren Bruder 1958 in einem evangelischen Heim in der Nähe von Stuttgart abgab. Sie hatte mit den Kindern die DDR verlassen und musste sich im Westen Arbeit suchen. Für die Geschwister, die im Heim sofort getrennt wurden, begann ein Martyrium. „Gehorsam, Disziplin, Arbeitsamkeit und Gottesfürchtigkeit waren die Erziehungsziele“, beschreibt Bahr. Durchgesetzt wurden sie mit Gewalt und autoritären Strukturen. Immer wenn er nach einem Besuch bei der Mutter wieder ins Heim musste, „habe ich furchtbar geweint“, erzählt Bahr.

Die Kinder bekamen nur gebrauchte Kleidung, und Jugendliche ab 14 Jahren wurden jeden Tag zur Arbeit auf Feld und Hof herangezogen. „Das war echte Knochenarbeit“, sagt Bahr, der bis zum 16. Lebensjahr im Heim bleiben musste. Viele ehemalige Heimkinder litten deshalb heute unter körperlichen Beschwerden und Einschränkungen und müssten früher aus dem Arbeitsleben ausscheiden.

Das Jugendamt, so sagt er, habe sich nicht ein einziges Mal um seine persönliche Situation gekümmert. Niemand sei eingeschritten, als eine Erzieherin ihn als Achtjährigen zwang, sein Erbrochenes zu essen. Und obwohl damals auch die Kriminalpolizei ermittelte, sei nichts unternommen worden, um den drei Jahre andauernden Missbrauch durch einen Mann zu unterbinden, der immer wieder nachts in den Jungenschlafsaal einstieg. „Nacht für Nacht habe ich versucht, die leicht zu öffnenden Fenster mit Papierschnipseln zu sichern“, erinnert sich Bahr an die schreckliche Angst, an das Gefühl der Schutzlosigkeit.

Bahr gehört zu den Betroffenen, die das Erlebte aufarbeiten und darüber sprechen können. Bei manchen, so weiß er, würde das Trauma erneut aufbrechen, wenn sie sich beispielsweise bei einem Antrag auf Entschädigung damit befassen. Auch deshalb setzt er sich in verschiedenen Gremien dafür ein, das Antragsverfahren zu vereinfachen. Die Fragebögen seien zum Teil eine erneute Erniedrigung, kritisiert der verheiratete Vater zweier Kinder, der nach seinem Studium in Kassel selbst in der Sozialarbeit und unter anderem beim Landeswohlfahrtsverband tätig sowie zuletzt im hessischen Sozialministerium für Kindergärten zuständig war. Den Weg dorthin hat er sich hart erarbeitet. „Mit der Heimausbildung konnte man so gut wie nichts anfangen“, sagt er. Weder ausgebildete Erzieher noch Lehrer habe es gegeben. HINTERGRUND

Zu einem Informationsabend mit Wolfgang Bahr und einer Sachbearbeiterin des Versorgungsamtes lädt die Selbsthilfegruppe ehemaliger Heimkinder für Dienstag, 19. November, um 20 Uhr in den Selbsthilfestützpunkt KISS, Wilhelmshöher Allee 32a, ein.

Von Martina Heise-Thonicke

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