Trinkerszene am Lutherplatz: Bürgermeister Kaiser gegen Vertreibung

Sie sorgt für Diskussionsstoff: Die Drogen- und Trinkerszene auf dem Lutherplatz. Archivfoto:  Herzog

Kassel. Die Trinker- und Drogenszene auf dem Lutherplatz beschäftigte jetzt die Mitglieder des Ausschusses für Recht und Sicherheit. Bürgermeister Jürgen Kaiser (SPD) nahm sich viel Zeit, um die Ausschussmitglieder über diese „vielschichtige“ Problematik und das Vorgehen der Stadt zu informieren.

Kaiser unterschied bei der Alkoholproblematik zwischen Jugendlichen, die sich zum Beispiel auf öffentlichen Plätzen wie der Goetheanlage aufhalten, jungen Komasäufern, die im Kinderkrankenhaus landen, und der Szene auf dem Lutherplatz, die aus Alkoholikern und Abhängigen illegaler Drogen besteht. Für alle Gruppen gebe es unterschiedliche Hilfsangebote von Stadt, Vereinen und anderen Trägern, sagte Kaiser. Deshalb lehnte er - ebenso wie seine Partei, die Grünen und die Linken - auch einen Antrag der CDU zu diesem Thema ab.

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Der Stadtverordnete Wolfram Kieselbach hatte für die CDU-Fraktion beantragt, dass der Magistrat ein Konzept zur Erhöhung der Sicherheit in der Stadt erstellen soll. Damit sollte erreicht werden, die Drogen- und Trinkerszene, Vandalismus sowie Gelage und Partys an Brennpunkten einzudämmen. Erneut hatte die CDU eine Ausweitung der Videoüberwachung und weitere Alkoholverbote in der Stadt gefordert. Dieser Antrag zeige, dass die CDU keine Ahnung von diesem „vielschichtigen“ Thema habe, kritisierte die Stadtverordnete Anja Lipschik (Grüne). Der Linke Axel Selbert zeigte sich erschüttert über den „Alarmismus“ dieses Antrags.

Täglich Streifen

Er sei sich der Problematik auf dem Lutherplatz jeden Tag bewusst, sagte Kaiser. Die Stadt mache alles, was in ihren Möglichkeiten stehe, um das Problem anzugehen. Drei bis vier Mal am Tag kontrollierten städtische Ordnungspolizisten die Szene.

Kaiser stellte klar, dass die Stadt hier keinerlei Möglichkeiten habe, Platzverbote auszusprechen. Der Lutherplatz gehört nämlich der Kirche. Gleichzeitig machte der Ordnungsdezernent deutlich, dass man eine Trinker- und Drogenszene in einer Stadt wie Kassel nicht „wegdiskutieren“ könne. Es sei auch Aufgabe der Gesellschaft, diese suchtkranken Menschen zu begleiten. Kaiser ist Gegner einer Vertreibungspolitik. Werden die Süchtigen vom Lutherplatz verscheucht, tauchten sie an anderer Stelle in der Stadt wieder auf. Hoffnung setzt er in einen Trinkraum, der nach Kieler Vorbild im kommenden Jahr auch in Kassel eingerichtet werden soll (Kosten: 60.000 bis 100.000 Euro). Zudem will Kaiser die Öffnungszeiten im Café Nautilus (Drogenhilfe Nordhessen) ausweiten.

Kein Zwang möglich

Gleichzeitig bleibt er Realist. Es gebe gute Hilfsangebote in der Stadt, für die Nachfrage seien die Betroffenen selbst zuständig. „Sie können keinen zwingen, in eine Therapie zu gehen, sie können keinen zwingen, nicht zu trinken.“

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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