180 Wohnungslose in Kassel

Kampf um die beste Platte: Unterwegs mit Kasseler Sozialarbeitern

Eine von neun Notschlafstellen in Kassel: Stefan Jünemann und Amrei Tripp, beide Sozialarbeiter im Panama, einer Anlaufstelle für Wohnungslose, kümmern sich um Menschen, die auf der Straße leben. Fotos: Holscher

Kassel. Etwa 180 Menschen sind als wohnungslos gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Knapp bei Kasse, Kampf um die Beste Platte und Einsamkeit - das Leben auf der Straße zehrt an den Kräften. Wir waren mit zwei Sozialarbeitern in der Stadt unterwegs.

 Salvatore wackelt mit dem Fuß – auf und ab, in Sekundenschnelle. Das rechte Bein hat der 42-jährige Italiener über sein linkes gelegt.

„Die Welt ist mein Zuhause“, sagt er. Es klingt beinahe romantisch, als er von seinen Reisen nach Amsterdam, London und Berlin erzählt. Karton auf den Boden, Isomatte, Schlafsack – so richtet Salvatore seine „Platte“ ein. Platte, so nennen Obdach- bzw. Wohnungslose ihren Schlafplatz. Was ihm besonders wichtig ist: „Ich mache immer sauber“, sagt er. Sein Fuß wippt dabei auf und ab.

„Wohnungslose stehen stark unter Druck“, sagt Stefan Jünemann (56), Sozialarbeiter vom Panama, einer Anlaufstelle für Wohnungslose an der Kölnischen Straße.

Dort ist auch Salvatore vorbeigekommen. Seit acht Tagen ist er in Kassel. Er trinkt einen Kaffee, raucht eine Zigarette und holt sich den Tagessatz von zwölf Euro. Tagsüber ist er auf der Suche nach Jobs. Oder er sammelt Flaschen. Bis 17 Uhr ist er unterwegs. „Dann chille ich.“ Zurzeit schläft er an einem Krankenhaus.

Lebt seit 14 Jahren auf der Straße: Der 42-jährige Salvatore sammelt unter anderem Flaschen, um etwas Geld zu verdienen.

Dass das Leben auf der Straße nicht so entspannt ist, wie es bei Salvatore klingt, weiß Jünemann, der sich seit 20 Jahren um Wohnungslose kümmert. Jeden Tag gibt es Zwänge: Geld für Essen und eventuell auch Alkohol, Drogen beschaffen und der Kampf um die beste Platte. Er schätzt, dass 180 Wohnungslose in Kassel leben. Die Schätzung beruht auf der Zahl derer, die beispielsweise Leistungen wie Grundsicherung beziehen. 60 der Wohnungslosen lebten aber in Einrichtungen wie bei der Heilsarmee. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen.

Gemeinsam mit seiner 29-jährigen Kollegin Amrei Tripp ist Jünemann mehrmals in der Woche unterwegs: An diesem Tag schauen sie in einem Parkhaus vorbei. Sie haben einen Tipp erhalten, dass dort ein Mann lebt. Die beiden schauen, ob sie helfen können. Mit Essen, Gesprächen oder bei medizinischen Fragen. Nicht immer klappt es: Jünemann hat häufiger erlebt, dass Menschen am Alkoholmissbrauch gestorben sind. „Das ist am schlimmsten, wenn sich die Menschen nicht helfen lassen“, sagt er. An diesem Tag ist der Mann im Parkhaus nicht da – auch wenn sie den Schlafplatz finden. Jünemann kennt den Obdachlosen seit 15 Jahren. Er sei älter, um die 50 Jahre und habe ein Drogenproblem. „Menschen auf der Straße werden nicht sehr alt“, sagt Jünemann.

Neun Notschlafstellen

Für einige von ihnen gibt es neun Notschlafstellen, die im Winter voll belegt waren. Preiswerter Wohnraum in Kassel ist knapp. Die Schlafstellen sind zwölf Quadratmeter große Container. Darin stehen ein Bett und ein Tisch. Daneben ein Dixie-Klo.

„Ich schlafe lieber draußen“, sagt Salvatore. Er mag die Freiheit. Die wurde ihm für einige Zeit genommen. Sechs Jahre saß er im Gefängnis. „Ich hatte keinen Job, habe geklaut, damit meine zwei Kinder was zu essen hatten.“ Im Jahr 2000 wurde er entlassen. Arbeit und eine feste Wohnung, das sei zwar sein Ziel, aber daran müsse er sich erst gewöhnen.

Irgendwann will er nach Amerika. Salvatore wirkt entspannt – sein Fuß wackelt nicht mehr.

Von Max Holscher

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