Viel Unruhe im Wehlheider Krankenhaus

Kampf um Ärzte und Pfleger in Kassel: DRK-Kliniken werben vor Krankenhäusern

Die DRK-Kliniken platzieren Flyer an Autoscheiben
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Ungewöhnliche Stellenausschreibung: Die DRK-Kliniken platzieren Flyer an Autoscheiben.

Medizinisches Personal wird dringend gesucht – das spüren alle Kasseler Krankenhäuser. Die DRK-Kliniken machten nun mit einer Aktion auf sich aufmerksam, die der Konkurrenz teils sauer aufstößt.

Kassel – Auf Flyern, die offenbar gezielt zumindest vor Häusern der Mitbewerber verteilt wurden, sprechen sie Ärzte und Pflegekräfte an, die einen „falschen Arbeitgeber“ hätten. „Dann wechseln Sie zu uns“, lockt das Krankenhaus.

Als „unangenehm und unangemessen“ bezeichnet Marieluise Labrie, Krankenhausdirektorin des Elisabeth-Krankenhauses Kassel, die Art und Weise sowie die Inhalte der Aktion. Alle Kasseler Kliniken hätten dasselbe Problem, Fachpersonal zu finden. Das bestätigt auch GNH-Sprecherin Inga Eisel: „Jede Fachkraft, die wechseln möchte, weiß, dass sie vielfältige Möglichkeiten hat.“ Das Klinikum setze darauf, „dass unsere Beschäftigten gern bei uns bleiben“. Auch an der Mönchebergstraße waren Werbeflyer der DRK-Klinken verteilt worden – ebenso an der Herkulesstraße bei den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel, wie Pressesprecherin Lena Goldmann bestätigt. Laut Labrie gibt es eine unausgesprochene Übereinkunft, „dass wir uns nicht untereinander aktiv abwerben“.

Dies ist übrigens grundsätzlich erlaubt. „Der Inhalt und die plakative Aufmachung des DRK-Flyers bewegen sich noch in den zulässigen Grenzen der freien unternehmerischen Betätigung im freien Wettbewerb um die besten Fachkräfte“, erläutert der Kasseler Fachanwalt für Arbeitsrecht, Roland Wille. Unlauter wäre die Aktion dann, wenn sie gezielt der Schädigung nur eines bestimmten Wettbewerbers gedient hätte, sprich nur vor einem Kasseler Krankenhaus erfolgt wäre.

Ungeachtet der Werbe-Aktion brodelt es schon länger unter dem Dach des Wehlheider Krankenhauses. Seit Jahresbeginn haben etliche Mitarbeiter die DRK-Kliniken verlassen – beziehungsweise werden es tun, darunter sind auch mehrere Chef- und Oberärzte.

Namhafte Beispiele sind Prof. Ernst Magnus Noah, der Leiter der Klinik für Plastische Chirurgie, und Dr. Andreas Böger, der nur noch bis zum Jahresende das Schmerzzentrum leitet. Man habe inzwischen einen „deutschlandweit bekannten“ Nachfolger für die Schmerzklinik gefunden, teilten die DRK-Kliniken gestern auf HNA-Anfrage mit.

Wie viele Mitarbeiter das Krankenhaus in diesem Jahr verlassen haben, dazu äußerte sich die Sprecherin nicht genauer. Ein gewisses Maß an Fluktuation sei an allen Kliniken üblich. Zur Flyer-Aktion machte sie keine weiteren Angaben.

Der Fall Böger: Rosenkrieg mit dem Schmerztherapeuten

Die Fronten sind verhärtet. Das, was sich zwischen Dr. Andreas Böger und den DRK-Kliniken abspielt, lässt sich mit einem Rosenkrieg vergleichen. Der Schmerztherapeut und das Wehlheider Krankenhaus haben zuletzt nur noch über Anwälte kommuniziert. Seit der renommierte Arzt Mitte Mai seine Kündigung eingereicht hat, ist die Angelegenheit zum Streitfall mutiert.

In der jüngsten Verhandlung vor dem Arbeitsgericht in Kassel ist der Leiter des Schmerzzentrums mit einem Vergleich gescheitert. Über seinen Anwalt Dennis Koch ließ Böger mitteilen, dass er nach der Trennung bereit sei, mit den DRK-Kliniken zu kooperieren. Er, Böger, wolle das Arbeitsverhältnis so schnell wie möglich beenden. Die DRK-Kliniken, vertreten durch Anwälte der Kanzlei PPP in Düsseldorf, stimmten dem nicht zu.

Für juristische Laien ist der Fall schwierig zu durchschauen. Es geht um einstweilige Verfügungen. Es geht um Unterlassungsklagen. Im Kern geht es darum: Wird Bögers fristlose Kündigung akzeptiert oder nicht? Ende Mai hatte der Schmerzmediziner fristgerecht zum 31.12.2020 gekündigt. An einem früheren Verhandlungstag hatte Bögers Anwalt bereits erklärt, dass die Geschäftsführung danach die Anzahl der Betten in der Schmerzabteilung reduziert habe. Zudem habe Böger nicht sein komplettes Gehalt bekommen.

Aufgrund des noch laufenden Verfahrens äußert Böger sich nicht. HNA-Recherchen haben ergeben, dass der Umgangston unter der neuen Geschäftsführung in Person von Alexander Lottis rauer geworden sei. Versuche, mit der Geschäftsführung vernünftig zu kommunizieren, seien gescheitert, berichtete Bögers Anwalt. Für den Arzt sei zu viel zusammengekommen – also kündigte er Mitte Juli fristlos.

Zu diesem Zeitpunkt stand fest, dass er mit Beginn des nächsten Jahres als Chefarzt an der Vitos Orthopädischen Klinik in Wilhelmshöhe anfangen wird. Weil Böger bereits auf der Homepage des zukünftigen Arbeitgebers auftauchte, wurden die Anwälte der DRK-Kliniken aktiv. Böger bekam in der jüngsten Verhandlung eine Art Maulkorb verpasst. Bis zum 31. Dezember darf er gegenüber Dritten nicht behaupten, dass das Schmerzzentrum bei Vitos ansässig sei. Im Grunde darf er zu dem Thema überhaupt nichts mehr sagen.

Böger war seit Anfang Juli arbeitsunfähig geschrieben. Inzwischen arbeitet er wieder. Es sei erschreckend, wie sich die Sache entwickelt hat, sagt Bernhard Klasen, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes der Schmerztherapeuten: „Ich schätze den Kollegen Böger sehr. Wie mit ihm umgegangen wird, tut mir sehr leid.“ Leidtragende seien die Patienten. Die Versorgung bliebe auf der Strecke.

Wie die ab Oktober aussehen soll, stellt eine weitere Baustelle dar. Bögers Team wechselt nach dem 30. September geschlossen an die Vitos-Klinik – insgesamt 35 Mitarbeiter. Der Chef muss quasi allein bis zum Ende des Jahres die Stellung halten. Immerhin: Ein Nachfolger für Böger ist gefunden. Bei ihm handele es sich um einen „deutschlandweit bekannten Schmerzmediziner“, so eine Kliniksprecherin. Wann dieser die Arbeit aufnimmt und wie die Versorgung der Schmerzpatienten ab Oktober sichergestellt werden kann, sagte sie nicht.

Der Fall Noah: Kündigung nach 17 Jahren

Neben Dr. Andreas Böger verlässt mit Prof. Ernst Magnus Noah ein weiterer renommierter Arzt die DRK-Kliniken. Auch im Fall Noahs ging das nicht ohne Prozess über die Bühne. Anders als bei Böger einigten sich beide Parteien allerdings am Ende auf einen Vergleich.

Vorher wurde es im Sitzungssaal des Kasseler Arbeitsgerichts allerdings emotional. Und es wurde deutlich: Das Verhältnis zwischen dem Chirurgen und der Klinikleitung ist zerrüttet, eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich. 17 Jahre war Noah zuvor in dem Haus an der Hansteinstraße tätig. Zum Ende gab es nun zahlreiche Streitpunkte – unter anderem wegen Urlaubstagen, einbehaltenem Lohn, der Abfindung und einem Patentstreit um den Namen Noah-Kliniken, den Ernst Magnus Noah für sich beanspruchte, die DRK-Kliniken aber ebenso. Noah warf der Klinik vor, ihn zu gängeln und Schikanen aufzufahren – unter anderem durch Gerüchte über seine Person. Nach langen Verhandlungen stand am Ende schließlich der Vergleich. Noah wird nun zum 30. September gehen.

Es war nicht das erste Mal, dass sich beide Parteien vor Gericht trafen. Bereits im Mai hatte es einen Prozess gegeben, nachdem die DRK-Kliniken die Absicht geäußert hatte, die Klinik für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie zu schließen. Damals war eine Interimslösung gefunden worden, sodass ambulante Behandlungen, Sprechstunden, Gutachter- und Beratertätigkeiten weiter möglich waren. Diese lief allerdings Ende Juli aus. Im jüngsten Prozess wurden nun die Modalitäten bis Ende September und der Kündigung Noahs durch die DRK-Kliniken festgelegt.

Auch damit steht fest: Künftig wird es keine plastische Chirurgie mehr im Angebot der Kasseler DRK-Kliniken geben, die verbliebenen Oberärzte haben gekündigt. Grund für das Ende der Abteilung sei, so die Anwälte der Klinik, dass diese nicht wirtschaftlich zu betreiben sei. Für die zur Sanierung des hochdefizitären Krankenhauses benötigten Kredite hätte es mit der Abteilung daher keine Genehmigung von den Banken gegeben.

Noah plant unterdessen, eine Privatklinik zu eröffnen. Beratungen und Behandlungen sowie Operationen will er also wieder anbieten.

Die Situation in den DRK-Kliniken: Restrukturierung wegen hoher Verluste läuft

Anfang des Jahres ist Alexander Lottis als Geschäftsführer angetreten. Seine Aufgabe: Die Sanierung der defizitären DRK-Kliniken – es geht um jährliche sechsstellige Verluste – zu steuern. Lottis Ziel: Eine rote oder schwarze Null für das Jahr 2020.

Dafür baue man unter anderem die Notaufnahme um und stärke so das Haus als zentralen Notfallstandort, teilten die DRK-Kliniken mit. Gleichzeitig tue man vieles für die Mitarbeiter. So habe man unter anderem Tariferhöhungen umgesetzt, eine Kinderbetreuung etabliert, treibe die Digitalisierung voran, wodurch Prozesse für Pflege und Ärzte erleichtert würden, und setze auf neue Arbeitszeitkonzepte für OP und Anästhesie.

Nichtsdestotrotz hat die Restrukturierung auch für eine Menge Unruhe und auch Unmut unter den Mitarbeitern gesorgt, ist aus dem Umfeld des Krankenhauses zu hören. Neben zahlreichen Kündigungen sowie Krankschreibungen von Ärzten und Pflegern verließen und verlassen mit Prof. Christian Löser, Prof. Magnus Noah und Dr. Andreas Böger, Dr. Kia Homayounfar und Dr. Ulrich Fauth fünf Chefärzte die Klinik – teilweise nicht freiwillig. Neu hinzugekommen sind als Chefärzte Prof. Klaus Westphal (Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin), Prof. Pawel Mroczkowski (Allgemein- und Viszeralchirurgie) und Dr. Mohammed Al-Toki (Radiologie). Zudem wird nun mit der Flyer-Aktion nach Mitarbeitern gesucht.

Zuletzt hatte es auch Unmut gegeben, weil die DRK-Kliniken, die als gemeinnützige GmbH Steuervorteile genießen, nun Sponsor des KSV Hessen Kassel sind. 65.000 Euro soll sich das Krankenhaus das kosten lassen. (Anja Berens)

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