Kein Nachfolger gefunden

Geschäft in sechster Generation: Karin und Dieter Jachnik schließen Fleischerei

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Schließen am 25. Januar 2014 ihr Fleischerfachgeschäft an der Friedrich-Ebert-Straße 174 und gehen in den Ruhestand: Karin und Dieter Jachnik, Fleischermeister in der sechsten Generation.

Kassel. Er ist ohne Zweifel der am höchsten dekorierte Fleischermeister der Stadt. Doch am 25. Januar hört Dieter Jachnik auf, verabschiedet sich gemeinsam mit seiner Ehefrau Karin in den Ruhestand.

Der mit deutschen, europäischen und internationalen Auszeichnungen überhäufte Ritter der Weißwurst hat keinen Nachfolger für seine traditionsreiche Fleischerei an der Friedrich-Ebert-Straße 174 gefunden.

Der Entschluss wurde im Oktober 2013 gefasst, „und er war richtig“, sagt Jachnik. Denn die Zahlen im Fleischer-Fachgeschäft gehen nach unten. Die alten Stammkunden werden weniger, neue Kundschaft ist nicht leicht zu gewinnen. Es wird immer schwieriger, mit einem kleinen Betrieb und handwerklicher Qualität gegen die Fleischindustrie und die Geiz-ist-geil-Mentalität vieler Verbraucher anzukämpfen.

Viele Monate haben die Jachniks mit Unterstützung der Handwerkskammer bundesweit nach einem Nachfolger gesucht. Doch ein solider Fleischermeister, der den Betrieb übernehmen wollte, fand sich nicht. Jetzt sind das Geschäft und die Fleischerei-Gerätschaften verkauft. „Das tut auch sehr weh“, sagt Dieter Jachnik (64). „Du weinst ohne Ende“, sagt Ehefrau Karin (61). Doch der Entschluss steht fest.

Die beiden Kinder des Paares haben andere berufliche Wege eingeschlagen. Der Sohn arbeitet als Prokurist einer Firma am Starnberger See, die Tochter lebt mit Familie bei Göttingen. Demnächst haben die stolzen Großeltern mehr Zeit für die insgesamt vier Enkelkinder.

Mit dem Umbau der Friedrich-Ebert-Straße, den Sperrungen und Umleitungen ist die Zahl der Kunden der Fleischerei weiter gesunken. Und wenn es in der nahegelegenen Stadthalle große Veranstaltungen gibt, ist in der Umgebung alles zugeparkt. Die autofahrende Kundschaft findet dann keinen Parkplatz mehr, „das macht an so einem Tag 800 Euro Umsatz aus“, ist Jachniks Erfahrung.

Drei der vier langjährigen Mitarbeiter haben bereits andere Arbeitsstellen, „dafür haben wir schon gesorgt“, berichtet Karin Jachnik. Nur Silvia Ellenberger, seit 28 Jahren im Geschäft, hat sich noch nicht um eine neue Stelle bemüht. Doch die Fachverkäuferin, Gesellin und Fleischermeisterin ist sehr zuversichlich: „Arbeit finde ich garantiert.“

Keine Angst vor dem Ruhestand ist Dieter Jachniks Motto für die Zukunft. „Ich habe viele Hobbies: Orchideen, Schiffbau, Flugmodelle.“ Kürzlich war das seit 41 Jahren verheiratete Ehepaar nach über 40 Jahren mal wieder gewandert. Und hat gespürt, dass es nach Jahrzehnten mit viel Arbeit und wenig Urlaub Zeit ist, sich nun anderen Dingen zuzuwenden. In den kommenden Wochen wollen sich Jachniks bei ihren treuen Kunden bedanken und werden dann am 25. Januar zum letzten Mal die Ladentür abschließen.

Hintergrund: Fleischerfachgeschäft in der sechsten Generation

Dieter Jachnik stammt aus einer alten oberschlesischen Fleischerfamilie. Der Betrieb wurde 1820 in Groß-Dubensko/Ost-Oberschlesien gegründet und siedelte 1921 nach Oppeln in Oberschlesien um. 1949 gab es in Kassel einen Neuanfang. Anfangs auf dem heutigen Wintershall-Grundstück, seit den 1950er-Jahren im Ladengeschäft an der Friedrich-Ebert-Straße 174. Zeitweise gab es auch eine Filiale an der Goethestraße.

Fleischermeister Dieter Jachnik erlernte sein Handwerk im elterlichen Betrieb und führt seit 1985 die von den Eltern übernommene Fleischerei mit Ehefrau Karin in der sechsten Generation.

Jachnik errang für seine Wurstspezialiäten mehr als 80 Pokale und 180 Medaillen. 1994 wurde er in Frankreich zum Ritter (Chevalier) der Weißwurst geschlagen, 1999 wurde er in Belgien der „internationale Champion für Blutwurst“, bekam 2007 wiederum im Feinschmeckerland Frankreich den „Großen Ehrenpreis für die beste gegrillte Bratwurst“. Neben schlesischen, bayrischen und hessischen Spezialitäten werden auch viele hauseigene Produkte in hoher handwerklicher Qualität hergestellt. Seit 2006 setzt Jachnik auf allergiefreundliche und wohltuende Produkte, hat Zusatzstoffe aus der Wurstküche verbannt, arbeitet mit Naturgewürzen sowie hochwertigem Salz und ersetzt in einem Teil der Wurstwaren tierische Fette durch essentielle Fettsäuren. Die Zeitschrift „Feinschmecker“ zählte das Fleischerfachgeschäft zu den 400 besten Feinschmeckerläden Deutschlands.

Von Jörg Steinbach

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