Forscher der Uni Kassel entwickeln Bio-Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen

Kartoffeln ersetzen Erdöl

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Prototypen aus Speisestärke: Maik Feldmann erforscht am Institut für Werkstofftechnik einen Bio-Kunststoff, der zur Hälfte aus Kartoffelmehl besteht. Daraus lassen sich problemlos kleine Stapelboxen, Seifenschalen und sogar Laptop-Deckel herstellen. Fo

Kassel. Gebraten, gepellt, gerieben, püriert – jeder Deutsche verspeist pro Jahr durchschnittlich 70 Kilogramm Kartoffeln. Dass die gelbe Knolle aber auch außerhalb der Küche zum Einsatz kommen kann, zeigen Forscher der Universität Kassel.

Sie entwickeln mithilfe von Stärke der beliebten Nutzpflanze einen sogenannten Bio-Kunststoff. Profitieren könnten davon Automobilhersteller, die Elektronikbranche sowie die Verpackungsindustrie.

„Da das Öl zur Neige geht, brauchen wir Alternativen“, sagt Maik Feldmann vom Fachgebiet Kunststofftechnik (Institut für Werkstofftechnik). Auch wenn nur weniger als zehn Prozent des geförderten Erdöls von der Kunststoffindustrie benötigt werden, gelte das auch für Kunststoffe, sagt der 29-jährige Ingenieur. Deshalb erforscht er im Rahmen eines breit angelegten Projektverbunds Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen.

Nach Experimenten mit verschiedenen Inhaltsstoffen und Rezepturen hat er in Kooperation unter anderem mit dem Fraunhofer Institut für Angewandte Polymerforschung (Potsdam) erste Prototypen hergestellt: kleine Stapelboxen, Seifenschalen und sogar Laptop-Deckel. Sie bestehen je zur Hälfte aus Polymilchsäure und Kartoffelstärke, sind somit biologisch abbaubar.

„Unser Ziel ist es, dass aus dem Bio-Kunststoff Produkte mit mittelfristiger Lebensdauer hergestellt werden können“, sagt Feldmann. Produkte mit kurzer Lebensdauer, wie essbare Pommes-frites-Schalen, werden bereits aus Stärke hergestellt und haben sich bewährt. „Letztlich entscheidet allerdings der Markt, was daraus wird.“ Doch die Muster zeigen bereits, in welche Richtung es gehen kann: „Von Handyschalen über Verpackungsmaterialien bis hin zu Auto-Anbauteilen ist vieles denkbar“, sagt Feldmann.

Derzeit testet er, was machbar ist. So untersucht er den Kartoffel-Kunststoff unter anderem auf Haltbarkeit, Wasser- und Temperaturbeständigkeit. Erste Ergebnisse zeigen: „Unser Bio-Kunststoff hat ähnliche mechanische Eigenschaften wie vergleichbare Kunststoffe auf Erdölbasis.“ Zudem sei er teilweise kostengünstiger und natürlich umweltfreundlicher.

2,6 Mio. Euro Förderung

Bis der Werkstoff marktreif ist, dauert es aber noch. „Wenn allerdings ein Unternehmen konkrete Vorstellungen hat, ist es durchaus denkbar, binnen eines Jahres zur Marktreife zu gelangen“, schätzt Feldmann.

Der mit 2,6 Millionen Euro vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderte Projektverbund, in dem der Kasseler Ingenieur seit drei Jahren mit 15 Partnern aus Industrie und Wissenschaft forscht, entwickelt Bio-Kunststoffe, die langfristig erdölbasierte Kunststoffe ergänzen und ersetzen sollen.

Keine Konkurrenz für Esser

„Angst, dass es künftig keine Kartoffeln mehr auf dem Teller gibt, braucht aber niemand zu haben“, sagt Feldmann. Kartoffelstärke sei schließlich ein Überschussprodukt der Landwirtschaft.

Von Sebastian Schaffner

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