Ein Acker zum Selbsternten dient als Versuchsfläche an der Wiener Straße

Kartoffeln für jedermann

Aus eigenem Anbau: Neha Ramzi (links) und Aylin Temel von der Carl-Anton-Henschel-Schule, beide acht Jahre alt, setzen im Selbsterntegarten der Uni Kassel Kartoffeln in den Acker. Foto: Janz

Kassel. „Da kann ich mir endlich mal die Finger schmutzig machen.“ Der neunjährige Jatuan Isom grinst, greift sich ein paar Kartoffeln aus der großen Holzkiste und läuft auf den Acker. Die anderen Schüler der Klasse 2 d der Carl-Anton-Henschel-Schule folgen ihm. In zwei langen Reihen stecken sie die Knollen in die Erde, alle 30 Zentimeter eine.

Alle zweiten Klassen der Grundschule an der Holländischen Straße beteiligen sich an einem Selbsternteprojekt der Universität Kassel. Im April wird gepflanzt, im Sommer gepflegt und im Herbst geerntet und gegessen.

Doch der Kartoffelacker für die Schulkinder ist längst nicht alles, was das städtische Brachgelände an der Wiener Straße zu bieten hat: Über 50 Freizeitbauern können sich für 90 Euro in der Saison eine 40 Quadratmeter große Parzelle mieten, um dort Gemüse anzupflanzen. Dieses Jahr sind bereits alle Plätze vergeben.

Prof. Dr. Maria Spitthöver wertet das Selbsternteprojekt als großen Erfolg. Das Fachgebiet Freiraumplanung wollte damit prüfen, ob es Bedarf für diese neue Form gibt, Brachflächen in der Stadt zu nutzen. „Das ist neben Parks, Grünflächen und Kleingärten ein weiterer städtischer Freiraumtyp“, sagt Spitthöver. Die Menschen hätten heute andere Ansprüche, wünschten sich mehr Flexibilität. Das Selbsternten komme dem entgegen: Es ist nicht so teuer wie ein eigenes Haus mit Garten, und die Anforderungen sind deutlich geringer als in einer Kleingartenanlage. „Die Menschen können gärtnern, ohne dass ein Rattenschwanz an Verpflichtungen dranhängt“, sagt Spitthöver.

Der Zugang zum Gemüse aus eigenem Anbau soll möglichst einfach sein. Projektmitarbeiter Thomas Mauer, der früher Referent am Fachbereich war, sich inzwischen aber selbstständig gemacht hat, bereitet den Acker vor und pflanzt das Gemüse an. Die Nutzer müssen die Pflanzen pflegen und natürlich ernten. Die einzige Regel: keine chemischen Dünger und Pestizide. Düngen sei auf dem guten Boden aber auch nicht nötig, sagt Mauer.

Das Selbsternteprojekt der Uni ist nicht das erste seiner Art, aber so zentral in der Stadt lägen nur wenige, sagt Spitthöver. Das habe den Vorteil, dass die Gärtner keine weiten Wege zurücklegen müssen. Ziel war es beim Start 2006, vor allem Menschen aus der Nachbarschaft in Nord-Holland anzulocken. Das hat nicht funktioniert. Die Nutzer kommen heute aus der ganzen Stadt.

„Es ist ein Erfolgsmodell“, sagt Spitthöver. Das wissen auch andere Anbieter: Im Gesundheitszentrum Marbachshöhe gibt es bereits einen Selbsterntegarten, tegut will im kommenden Jahr folgen.

Von Marcus Janz

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.