Kassel 1906 in 3D: Seltene Stereoskopie-Fotos im Museum

Doppelter Blick: Das Stereofoto entstand 1906 vor der Orangerie. Mit einer Spezialbrille oder zwei Spiegeln fügen sich die Bilder zusammen und vermitteln den Eindruck, als würde man neben der Dame mit Hut stehen. Fotos:  privat / nh

Kassel. Als normale Fotos sind die Aufnahmen schon sehenswerte Zeitdokumente aus dem alten Kassel. Aufgenommen wurden sie vor über 100 Jahren mit einer Stereokamera, die zwei Objektive im Augenabstand hat. So entstehen zwei Bilder, die durch eine Spezialbrille betrachtet eine räumliche 3D-Wirkung haben.

„Man hat den Eindruck, als würde man selbst vor der Orangerie oder vor dem Schloss stehen“, sagt Wolfgang Heinrich Fischer.

Sonntagsausflug: Auch diese Aufnahme vor Schloss Wilhelmshöhe gibt es in doppelter Ausführung für den tieferen Blick.

Der 69-Jährige, der in Kassel aufgewachsen ist und in Berlin lebt, ist von den Stereoskopie-Fotos aus seiner Heimatstadt begeistert. Nach einem HNA-Artikel im vergangenen Jahr hat er aus einem Nachlass jede Menge neues Material bekommen. Die Fotos haben alle den Stempel des Fotogeschäfts von Hermann Scheyhing, der Läden an der Unteren Königsstraße und später am Königsplatz hatte.

Bei der Zuordnung der Motive hat Fischer fachkundige Unterstützung bekommen. Der ehemalige Stadtarchivar Frank-Roland Klaube kümmert sich um die historischen Recherchen.

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Zum Jahrtausendwechsel präsentierte die HNA Ihren Lesern eine komplette Rückschau auf das 20. Jahrhundert - und was in diesen 100 Jahren in Kassel geschah. Hier finden Sie alle Teile dieser Serie.

„Das ist eine faszinierende Technik, die ich bisher noch nicht kannte“, sagt Klaube. Ziel von Fischer ist es, einen virtuellen Rundgang durch das alte Kassel zu ermöglichen. Wenn im Herbst 2013 das sanierte Stadtmuseum wieder geöffnet ist, soll es eine Abteilung mit Stereofotos geben. Die Besucher brauchen dann keine Brille. Den gleichen räumlichen Effekt kann man auch mit Doppelspiegeln herstellen.

Historische Stereoaufnahmen von Kassel

Historische Stereoaufnahmen von Kassel
Cassel: Blick auf die Altstadt (um 1905): Vom Rondell, der Rundbastion über der Fulda bot sich stets eine prächtige Aussicht. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts ragten noch zwei Stümpfe der ältesten steinernen Fuldabrücke aus dem Fluß. Sie dienten als Eisbrecher, wurden aber 1926 beseitigt. © HNA
Historische Stereoaufnahmen von Kassel
Die Kosten für den Bau der Drahtbrücke (hier um 1905) waren im Jahre 1897 durch das bis dahin erhobene Brückengeld abgedeckt, so dass die private Baugesellschaft aufgelöst werden konnte. Die Brücke ging in den Besitz der Stadt Kassel über. Nun war das Überschreiten der 84 Meter langen Brücke kostenfrei. © HNA
Historische Stereoaufnahmen von Kassel
Der Eingang der Orangerie (um 1905) © HNA
Historische Stereoaufnahmen von Kassel
Nur wenige Jahre vergingen seit Entstehen dieser Stereoskopie, als es im Frühjahr 1909 zum Abbruch der dreibogigen Sandsteinbrücke kam. Zwischen Wilhelmsbrücke und Rondell erstreckte sich jener Teil der Schlagd, der seit alters her seinen Namen von dem hier mit Schiffen angelieferten Material hatte: die Steinschlagd, offenbar ein Anziehungspunkt für Kinder. © HNA
Historische Stereoaufnahmen von Kassel
Schloss Wilhelmshöhe (um 1905) © HNA
Historische Stereoaufnahmen von Kassel
Blick durch die Untere Königsstraße zum Holländischen Platz (um 1905). Der Anlass, der dazu führte, dass die Bewohner dieser Straße ihre Häuser mit schwarz-weiß-roten Fahnen schmückten, ist unbekannt. Anlass könnte der Sedantag gewesen sein. In der Kaiserzeit wurde dieser Tag, der 2. September, mit Feierlichkeiten begangen. Man erinnerte sich mit Stolz und Pathos an einen Sieg über französische Truppen bei Sedan, der zur Kapitulation Frankreichs geführt hatte. © HNA
Was zeigt dieses Bild? Die um 1905 entstandene Aufnahme zeigt eine Flußlandschaft. Annahmen, dass sie zwischen Kassel und Hann. Münden entstanden, haben sich als nicht zutreffend erwiesen. Auch zwischen Hann. Münden und Hehlen an der Weser ist sie nicht entstanden, wie verschiedene Heimatvereine bestätigten. © 
Historische Stereoaufnahmen von Kassel
Was zeigt dieses Bild? Die Aufnahme ist wohl 1862/1865 entstanden und zeigt ein wohl bewohntes Haus am Fluß. Eine handschriftliche Bemerkung auf der Stereokarte, dass es sich dabei um das Kasseler Schützenhaus handele, ist unzutreffend. Weder die Architektur noch die nicht unbeträchtliche Anhöhe auf der rechten Bildseite passen dazu. Es muss also an anderer Stelle entstanden sein, nicht unbedingt in oder bei Kassel. Doch wo sonst? © HNA
Kinder am Fulda-Ufer: Die Steroskopie ergänzt dieses Motiv durch ein Raumgefühl in Schwarz-Weiß.

Dr. Cornelia Dörr, die Leiterin des Stadtmuseums, freut sich schon auf diese Attraktion. Sie soll ein Beitrag zum Festprogramm Kassel 1100, dem Stadtjubiläum, werden.

Wolfgang Heinrich Fischer will noch für eine weitere Attraktion sorgen. In der Innenstadt soll ein sogenanntes Kaiserpanorama aufgebaut werden. Bis zum Ersten Weltkrieg waren diese Rundbauten, die ebenfalls einen räumlichen Blick auf Fotos ermöglichen, sehr populär.

In Celle gibt es einen Förderverein, der ein funktionstüchtiges Kaiserpanorama verleiht. Wenn das im Sommer 2013 nach Kassel kommt, will Fischer es mit Stereofotos aus dem im Krieg zerstörten Roten Palais am Friedrichsplatz bestücken.

Tiefe Einblicke: Der Effekt der Stereofotografie wird mit einer Spezialbrille sichtbar. Mit zwei Spiegeln funktioniert es auch.

Diese Aufnahmen stammen ebenso wie die anderen Scheyhing-Bilder aus einer Serie von 1906. Ein Fotograf namens Martini hat sie gemacht, der Vorname ist bislang nicht bekannt. Den versuchen Fischer und Klaube ebenso herauszufinden wie den Standort eines Sommerhauses, das vermutlich an der Fulda aufgenommen wurde.

Zwei Motive aus der Serie konnten bisher nicht zugeordnet werden. Vielleicht ahben Sie eine Idee? Schauen Sie sich die Fotostrecke an und kontaktieren Sie den Autor.

Von Thomas Siemon

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