Eigene Siedlung in Wehlheiden gebaut

Bis zu 3000 Belgier lebten in der Stadt

Besen-Appell: Die Aufnahme entstand nach dem Saubermachen auf dem Gelände der Lüttich-(damals De Gete-)Kaserne.

Kassel. Es war die Zeit des Kalten Kriegs, und die belgischen Soldaten in Kassel gehörten zur Drohkulisse im Zonenrandgebiet. Bis zu 3000 belgische Soldaten und ihre Angehörigen lebten ab 1952 in der Stadt.

Die beiden Kasseler Videomacher Werner Kossin und Karl-Heinz Roth haben Fotos und Filmaufnahmen aus der Zeit bis zum Abzug im Jahr 1970 gesammelt. Ihr neuer Film ist ein Stück Kasseler Zeitgeschichte im Jubiläumsjahr.

Hausbau im Eiltempo

Während belgische Pioniere die Unterkünfte in der Lüttich-Kaserne (heute Industriepark Marbachshöhe) und an der Frankfurter Straße (heute Bundespolizei) umbauten, rückten in Wehlheiden die Bagger an. In nur 90 Tagen wurden 104 Reihenhäuser mit einer Wohnfläche zwischen 80 und 110 Quadratmetern gebaut. Damals entstand im Bereich Adolfstraße / Belgische Straße nach Entwürfen von Paul und Theo Bode die belgische Siedlung. 80 Firmen mit 1000 Bauarbeitern waren drei Monate rund um die Uhr beschäftigt. Dann standen die komplett eingerichteten Häuser. Die Soldaten und ihre Familien mussten nur ihre persönlichen Sachen mitbringen.

„Wir haben mit deutschen und belgischen Zeitzeugen geredet“, sagt Werner Kossin. In den Gesprächen sei man auf viele bislang kaum bekannte Details gestoßen.

So zum Beispiel, dass in der Lüttich-Kaserne ein Kino mit 700 Sitzplätzen eingerichtet wurde. Dort gab es jeden Abend ein Unterhaltungsprogramm.

Immer wieder halfen die belgischen Streitkräfte bei Großprojekten. Mit ihrem schweren Gerät übernahmen sie den Erdaushub für das Schwimmstadion am Auedamm, planierten Flächen für Sportveranstaltungen und leisteten für viele Vereine unbürokratische Hilfe.

All diese Einsätze seien immer als Übungen ausgewiesen gewesen, nie habe es eine Rechnung gegeben, sagen die Filmemacher. Im Stadtbild waren die Belgier auch bei Paraden präsent. Mehrfach kam König Baudouin nach Kassel zu Truppenbesuchen. Die Paraden fanden vor der Orangerie, auf der Hessenkampfbahn, der Wilhelmshöher Allee und der Kohlenstraße statt.

Spuren hinterlassen

Bis heute kann man die Spuren der Belgier in Kassel erkennen. Am Fulda-Ufer (Giesenallee) befindet sich auf dem heutigen Gelände des Feuerwehrvereins unter anderem die Rampe für die Wasserübungen der Pioniere, in das frühere belgischen Kaufhaus an der Heinrich-Heine-Straße ist die Weinhandlung Hospitals-Kellerei gezogen. Die belgische Schule an der Adolfstraße ist heute die Adolf-Fricke-Schule für praktisch Bildbare.

Weg zur Dönche

Das sind nicht die einzigen Spuren. Die Betonstraße von der Lüttich-Kaserne am Westfriedhof vorbei bis zum Übungsplatz in der Dönche wurde für belgische Panzer angelegt. Neben dem Haus Rothstein (Heinrich-Schütz-Allee / Dachsbergstraße) war die Schießanlage. Auf einem Teil des ehemaligen Munitionsdepots am Döncherand entstanden die Feuerwache II und die Feuerwehrschule. Und im ehemaligen Offizierskasino mit Tennisplatz am Hasselweg sitzt heute die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

Von Thomas Siemon

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