"Kassels ältestes selbstverwaltetes Projekt"

Rebellen im Vorderen Westen: Der ABC-Buchladen war einst die Keimzelle vieler Protestaktionen

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Alte Adresse seit Jahrzehnten: An der Goethestraße 77 befindet sich der ABC-Buchladen. Er ist außer samstags täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. 

Der ABC-Buchladen im Vorderen Westen war einst die Keimzelle von Protestaktionen und der Anti-Atomkraftbewegung. Wir blicken mit dem Kollektiv auf bewegte Jahre zurück.

Kassel –„Ich bin Anfang ‘77 in den Laden gekommen. Zu der Zeit habe ich in der Dörnbergstraße gewohnt und versucht, Abi zu machen“, schreibt eine Frau, die sich „Uschi-Ursula“ nennt, am 29. Mai 1980 über ihre Erfahrungen als Mitarbeiterin im ABC-Buchladen. Es sei für sie die erste intensive Gruppenarbeit gewesen, „was erhebliche Konflikte mit sich brachte“, gibt sie zu. Vor allem „dieses ewige Heiteitei, wir lieben uns ja alle, vermengt mit spitzen Bemerkungen“ sei ihr „ganz schön auf den Geist gegangen“.

In der Jubiläumsschrift im Selfmade-Schreibmaschinen-Typo-Look anlässlich des fünfjährigen Bestehens schreibt jeder frei von der Leber weg. Auch Holger, bunge, gux, Kerstin und die anderen formulieren sehr persönliche Texte und schmücken sie mit ungekünstelten Fotos und frechen Karikaturen.

Spirit einer ungezähmten, linken, rebellischen Jugend

Es herrscht der ungezähmte Spirit einer linken, rebellischen, von der Kraft des Kollektivs überzeugten Jugend. Das Bemerkenswerte: 40 Jahre sind vergangen, der eine oder die andere ist in einem bürgerlichen Beruf gelandet, aber das studentische Projekt ABC-Buchladen in der Goethestraße 77 existiert noch immer. Es ist zur altehrwürdigen Institution geworden, blüht und zieht noch immer Kunden jedes Alters an.

Mehr als ein Buchladen: Eine Keimzelle für Protestaktionen und die Anti-Atomkraftbewegung

Der Ort war stets viel mehr als nur ein Buchladen", sagt Peter Soltau, der von Anfang an dabei war: „Es war die Keimzelle für viele Aktionen und Protestbewegungen wie die Anti-Atomkraftbewegung.“ Anfang der 1970er-Jahre, in den „Nachwirren der Studentenbewegung“, sei es selbstverständlich gewesen, engagiert zu sein, sagt Soltau. Damals erklärt er in schwärmerischen Worten: „Die Informationen, die im Laden zusammenkommen, sind wie ein Stachel, der mich nicht gleichgültig und zu Ich-bezogen werden lässt.“

Juso-Hochschulgruppe suchte eine geistige Heimat

Entstanden war der Buchladen seinerzeit als Ausgründung aus der Juso-Hochschulgruppe an der Gesamthochschule Kassel, erklärt Soltaus Mitstreiter Norbert Sprafke. Nachdem einige linke Buchläden in der Stadt vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW), „übernommen“ worden waren, war dem intellektuellen Nachwuchs der Kasseler Sozialdemokratie die geistige Heimat abhandengekommen, erinnern sich die Gründer.

So entschieden die Jusos kurzerhand, vor der Mensa im damaligen AVZ (Allgemeines Verfügungszentrum) Tische zusammenzustellen und die von ihnen als wichtig erachteten Druckerzeugnisse, Schriften und Bücher (darunter möglicherweise auch der eine oder andere Raubdruck) selbst zu verkaufen. Es waren Autoren wie Theodor Adorno, Erich Fromm und natürlich – bis heute der literarische Säulenheilige im ABC-Buchladen: Walter Benjamin. Die Titel erschienen in linken Verlagen wie Wagenbach, Rotbuch, Trikont.

Die Bücherauswahl umfasst kritische Theorie - einige Titel sucht man vergebens

„Die gesamte kritische Theorie“, fasst eine Mitarbeiterin zusammen. Außerdem Bücher, die die ABC-Buchhändler subjektiv als relevant bewerten. Im Umkehrschluss: „Bücher etwa von Thilo Sarrazin sucht man vergeblich im Sortiment.“ Das habe man so entschieden. Punkt. Über die Anzahl der Titel im Angebot könne sie nichts sagen.

Mitarbeiter arbeiten für "lau" im Ladenkollektiv

Warum die Buchhändlerin im HNA-Gespräch auf Anonymität besteht und ihren Namen nicht nennen möchte? Man sei ein Kollektiv und da müsse das Individuum zurücktreten, sagt sie. Ein Mitstreiter im vierköpfigen Ladenkollektiv sitzt daneben und stimmt eifrig zu. Sie arbeiteten für lau und nennen das „fröhliche Selbstausbeutung“, sagen sie vergnügt. 

Laden hält sich durch Idealismus - und weil es kein Gehalt gibt

Im richtigen Leben gehen beide noch einem Brotberuf nach. Der Laden, laut Sprafke Kassels ältestes selbstverwaltete Projekt, halte sich durch Idealismus und weil keine Gehälter gezahlt werden. Es gehe nicht um Profit.

Hinter den Buchhändlern stehen die 35 Gesellschafter, die einst die 25.000 DM Eigenkapital für die GmbH zusammengebracht hatten. Einer der Gesellschafter – darunter so illustre Namen wie der Politikwissenschaftler und ehemalige GhK-Student Claus Leggewie – ist Eigentümer der Immobilie, in der der Laden seit 1976 unter stuckverzierter Decke residiert. „Da hält sich die Miete in Grenzen“, sagt Sprafke.

ABC im Namen steht für August-Bebel-Cooperative

Vor der Adresse Goethestraße gab es ein kurzes Intermezzo in einer der damaligen Baracken in der Nähe des Bebelplatzes. Und das ist das Stichwort, den rätselhaften Namen ABC-Buchladen zu erklären. Er ist die Abkürzung für August-Bebel-Cooperative. Sogar Norbert Sprafke (69) und Peter Soltau (66), die Laden-Urgesteine, müssen grinsen, als sie das erklären. Sie haben so manche Anekdoten auf Lager, bei denen Polizeieinsätze im Spiel waren. 

Auch verbotene Literatur wurde verkauft - so manche Lehrerkarriere wurde damit im Keim erstickt

Weil es Zeiten gab, in denen der Buchladen auch verbotene Literatur wie die Schriften des linksradikalen Terroristen Bommi Baumann im Angebot hatte, musste sich so mancher der Studenten wegen „Verdachts auf Befürwortung verfassungswidriger Gewalttaten“ verantworten. Die angestrebten Lehrerkarrieren wurden dadurch stark behindert und für manche auch durchkreuzt.

„Wir wollten damals alle das richtige Leben im falschen“, sagt Peter Soltau, der vom Landleben träumte und unter anderem als Schäfer arbeitete. Später leitete er 30 Jahre lang die Jugendarbeit des Landkreises Kassel. Norbert Sprafke war unter anderem langjähriger Geschäftsführer der Kasseler SPD.

Dass sie nicht nur für Luftschlösser gekämpft haben und manche Utopie, manches politische Ideal auch realisiert werden konnte, dass der ABC-Buchladen noch immer existiert, das macht sie auch ein bisschen stolz. 

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