Florian Kohlweg steht in der Kritik

Kassel: Kandidat mit Neonazi-Vergangenheit erhebt schwere Vorwürfe gegen AfD-Chef

Kontrahenten: Christian Wenzel (links), der sich als ehemaliger Rechtsextremist bezeichnet, tritt für die AfD bei der Kreistagswahl an. Florian Kohlweg hatte ihn per Whatsapp-Nachricht gefragt, ob er dazu bereit wäre.
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Kontrahenten: Christian Wenzel (links), der sich als ehemaliger Rechtsextremist bezeichnet, tritt für die AfD bei der Kreistagswahl an. Florian Kohlweg hatte ihn per Whatsapp-Nachricht gefragt, ob er dazu bereit wäre.

Mit der Nominierung eines Kandidaten mit rechtsextremistischer Vergangenheit für den Kreistag machte die Kasseler AfD Schlagzeilen. Nun erhebt der Mann schwere Vorwürfe gegen die Partei.

Kassel/Helsa – Eine Woche nachdem Christian Wenzel den Kreisverband der AfD Kassel-Land in die Schlagzeilen gebracht hat, erhebt er schwere Vorwürfe gegen die Partei. „AfD nominiert Neonazi“ lautete etwa eine Überschrift, als bekannt geworden war, dass der 43-Jährige auf der Liste für den Kreistag steht. Die Partei distanzierte sich umgehend von ihrem Kandidaten, da sie nicht gewusst habe, dass Wenzel in der rechtsextremen Szene aktiv war.

Doch der Mann aus Helsa (Kreis Kassel), der von sich behauptet, ein ehemaliger Rechtsextremist zu sein, sagt nun gegenüber der HNA: „Ich mache nie einen Hehl daraus, wo ich herkomme. Man hat wissen müssen, dass ich mich in der rechten Szene bewegt habe.“

Neonazi als Kandidat der AfD im Kreis Kassel: „Fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel“

Der Kreisvorsitzende Florian Kohlweg habe ihn seinerzeit per Whatsapp-Nachricht gefragt, ob er für die AfD kandidieren wolle. Nachdem die Antifa die brisante Personalie öffentlich gemacht hatte, habe sich Kohlweg wieder gemeldet – diesmal allerdings, um ihn zum Parteiaustritt zu bewegen. Er habe gesagt, er könne später wieder eintreten, wenn Gras über die Sache gewachsen sei. Zudem habe er geraten, bloß nicht mit Journalisten zu reden.

Das hat Wenzel nun doch gemacht, denn: „Die haben mich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, um ihren Arsch zu retten.“ Damit hat man in der Partei wohl nicht gerechnet. Auch im Umfeld des AfD-Landesverbands in Wiesbaden zeigte man sich überrascht über die Äußerungen Wenzels, der die Partei mittlerweile verlassen hat.

AfD-Kreisvorsitzender: Christian Wenzel hat bei der Aufnahme in die Partei gelogen

Kohlweg indes bestreitet die Vorwürfe. Er habe alle 115 Mitglieder des Kreisverbands per Whatsapp gefragt, ob sie für den Kreistag kandidieren wollen, sagt der 24-Jährige aus Bad Karlshafen. So versuche man trotz der Personalnot, die Listen zu füllen. Zudem versichert Kohlweg weiterhin, dass Wenzel beim Aufnahmegespräch gelogen hat, das Ende 2018 stattgefunden haben soll: „Ich bin sauer.“

Wie alle anderen Neumitglieder sei auch Wenzel gefragt worden, ob er in Organisationen Mitglied war, die auf der Unvereinbarkeitsliste der Partei stehen. Dabei habe er verschwiegen, dass er im rechtsextremen Netzwerk „Blood and Honour“ aktiv war. Wenzel selbst beteuert jedoch: „Ich wurde nur gefragt, ob ich in anderen Parteien Mitglied bin, nicht nach der Liste.“ Er habe sich zudem nie im inneren Zirkel dieser Gruppierung bewegt.

Kreistagsmitglied Ralf-Rüdiger Engelhardt aus Schauenburg-Elmshagen, der damals mit Wenzel am Telefon sprach, sagt: „Ich habe so viele Aufnahmegespräche geführt. Ich kann mich nicht mehr erinnern.“

Neonazi seit Dezember 2018 Mitglied der AfD im Kreis Kassel

In die AfD eingetreten ist Wenzel im Dezember 2018, weil sie für ihn „die einzige Partei in Deutschland ist, die noch für nationale Interessen eintritt“. Früher habe er Angela Merkels CDU gewählt. Dann kam die Flüchtlingskrise. Auf Kreisebene wollte er sich unter anderem um Umweltschutz, die Energiewende und bezahlbaren Wohnraum kümmern. Theoretisch kann das noch klappen. Von der Liste kann sein Name nicht mehr gelöscht werden, aber auf Rang 15 hat er kaum Chancen. Würde es doch so kommen, will er als Partei- und Fraktionsloser in den Kreistag einziehen.

Der Familienvater, der als Zugführer arbeitet und lange in Bettenhausen lebte, klingt nicht wie ein typischer Neonazi. Seine Szene-Karriere verlief aber wie die vieler anderer Rechtsextremisten. 2000 gründete er die Kameradschaft Kassel. Er besuchte Veranstaltungen der NPD, trug Bomberjacke und Springerstiefel. Zu seinen Weggefährten zählte auch Stephan Ernst, der spätere Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Neonazi in der AfD Kassel: Bruder war ein V-Mann beim Verfassungsschutz

Nach einer Haftstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung will sich Wenzel schon 2003 von der Szene distanziert haben. Trotzdem hat er nie mit seinen alten Kameraden gebrochen oder ein Aussteigerprogramm absolviert: „Dann hätte ich meine Vergangenheit bereuen müssen, was ich nicht tun kann.“ In der Szene sei sein Name ohnehin verbrannt, nachdem sein Stiefbruder Benjamin G. als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt wurde.

Mit einem anderen Ex-Kameraden hat er sich gerade über das Urteil im Lübcke-Prozess unterhalten. Ernst würde er gern im Gefängnis besuchen.

Den AfD-Politiker Kohlweg verortet er am rechten Rand seiner Partei. Die politische Konkurrenz hat wegen des Falls Wenzel schon den Rücktritt des Kreis-Chefs gefordert. Doch Engelhardt sagt: „Es gibt keinen Besseren.“ (Matthias Lohr und Alia Shuhaiber)

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