Einordnungen fraglich

Region Kassel von Islamisten unterwandert? Karte gibt Hinweise

Erkenntnisse über den politischen Islam in der Region: Die „Islamism Map Kassel“ basiert auf einer „fundierten Recherche“, wie ein Experte sagt. Die Einordnungen seien jedoch fraglich. Screenshot: nh/
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Erkenntnisse über den politischen Islam in der Region: Die „Islamism Map Kassel“ basiert auf einer „fundierten Recherche“, wie ein Experte sagt. Die Einordnungen seien jedoch fraglich.

Eine linke Recherchegruppe hat viele Infos über den politischen Islam in der Region Kassel gesammelt. Daraus ist eine Karte entstanden.

Kassel – Für ihre „Islamism Map Kassel“ hat eine Recherchegruppe zahlreiche Informationen über den politischen Islam zusammengetragen. Ist die Region von Islamisten unterwandert?

Auf der „Islamism Map Kassel“ sieht Kassel wie ein Zentrum des Islamismus in Deutschland aus. Sie zeigt Informationen über angeblich salafistische Moscheen, die rechtsextremen Grauen Wölfe und Akteure, die Muslimbruderschaften nahestehen.

Region Kassel: Karte zeigt Erkenntnisse über den politischen Islam

Wer hinter der Recherchegruppe steckt, wollen die Initiatoren auf Nachfrage nicht verraten. Der hessische Verfassungsschutz verortet sie in der „linksextremistisch-antifaschistischen Szene“. Für ihre Karte hat die Gruppe detailliert Erkenntnisse über Organisationen und Verbände des politischen Islams zusammengetragen. Dabei greift sie laut eigenen Angaben auf Informationen von Gruppen wie dem Bündnis gegen Antisemitismus zurück.

So heißt es etwa über die Mevlana-Moschee in Oberzwehren, die zur umstrittenen türkisch-islamischen Organisation Ditib gehört: „Die Predigten werden zentralistisch aus der Türkei vorgegeben.“ Zitiert wird auch ein Artikel über einen Imam, der im Jahr 2016 bei einer Kundgebung auf dem Königsplatz zum Märtyrertod für die türkische Nation aufrief. Auch die Sultan Alparslan Moschee in der Nordstadt wird aufgeführt, die dem Dachverband der rechtsextremen Grauen Wölfe angehört.

Experte ordnet Karte ein

Für Lino Klevesath basieren die Ergebnisse der Gruppe offensichtlich „auf einer fundierten Recherche“, wie der Experte von der Universität Göttingen sagt. Die Einordnungen hält er jedoch für fraglich: „Der Begriff Islamismus verdeckt hier mehr, als er erklärt. Hier wird fast alles irgendwie Politische von muslimischen Akteuren als problematisch bewertet. Aber ist nicht jede Religion politisch?“ Ein Stück weit sei die Karte Panikmache, so Klevesath.

Ditib, den größten Moscheeverband Deutschlands, sieht jedoch auch der Mitarbeiter des Instituts für Demokratieforschung kritisch. Ditib-Imame sind türkische Staatsbeamte: „Das ist problematisch, denn die Türkei agiert zunehmend autoritär.“ Und nicht nur die Grauen Wölfe, sondern auch der abgespaltene Dachverband Avrupa Türk-Islam Birligi (ATIB) äußere sich menschenverachtend, betont der Experte. „Ohnehin sind in Teilen des türkischstämmigen Milieus nationalistisch-chauvinistische Inhalte weit verbreitet. Die Artikulation derartiger Äußerungen senkt die Hemmschwelle zur Gewalt“, sagt Klevesath.

Region Kassel: Verfassungsschutz will Karte zu politischem Islam nicht kommentieren

Der Hessische Verfassungsschutz will die Karte nicht näher kommentieren. Eine Unterwanderung der Region durch Islamisten sei nicht festzustellen, teilt die Behörde mit.

Hier finden Sie die Karte

Im jüngsten Jahresbericht ist für Hessen ein Potenzial von 4710 Islamisten ausgewiesen, darin enthalten sind 1650 Salafisten. Größtes Zentrum ist das Rhein-Main-Gebiet, aber auch in Kassel existiere eine größere Islamistenszene. „Die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus“ schätzt das Landesamt laut einem Sprecher „weiter als sehr hoch ein“.

Erkenntnisse über den politischen Islam in der Region Kassel – Gemeinde äußert sich

Mahmut Eryilmaz von der Mevlana-Moschee hält die „Islamism Map“ für Stimmungsmache: „Es ist eine ganz billige Attacke, alle muslimischen Glaubensgemeinschaften zu diskreditieren.“ Eine Wiederholung des Ereignisses wie im Jahr 2016, als der Imam seiner Gemeinde zum Märtyrertod aufrief, schließt er aus: „Das wird bei uns nicht wieder vorkommen. Der Imam hat die Gemeinde verlassen.“ Und mit der Sultan Alparslan Moschee kooperiere man wegen deren Nähe zu den Grauen Wölfen nicht mehr.

Als Vertreter der Muslime engagiert sich Eryilmaz am Runden Tisch der Religionen. Auch sonst setzt er auf Austausch: „Die Karte zeigt, dass wir noch stärker in die Öffentlichkeit gehen und den interreligiösen Dialog suchen müssen.“

Kassel: Erkenntnisse über den politischen Islam in der Region – Politiker bezieht Stellung

Auch Ilker Sengül sieht viele islamische Gemeinden kritisch. Der ehemalige Linken-Stadtverordnete und Politikstudent schreibt seine Bachelor-Arbeit über den Islamismus als extrem rechte Ideologie. Regelmäßig hält er Vorträge darüber. Sengül verweist auf die neu gegründete Migrantifa, eine Gruppe von Migranten, die sich gegen islamistische Strömungen positioniert. Und ihm ist wichtig: „Die Kritik an den migrantischen Rechten darf keinesfalls für den Rassismus aus Teilen der deutschen Mehrheitsgesellschaft instrumentalisiert werden.“

Die Initiatoren wiederum betonen, dass sich ihre Karte nicht gegen alle Muslime richte. Ihre Recherche solle auch jenen helfen, die „als erstes unter der reaktionären Ideologie des politischen Islams leiden“, nämlich Menschen „aus der migrantischen Community: Atheisten, Homosexuelle, selbstbestimmte Frauen, Andersgläubige.“ (Matthias Lohr)

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