Bombardier ist finanziell schwer angeschlagen

Alstom mit Milliarden-Angebot für Bombardier-Zugsparte: Werk Kassel betroffen

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Soll mit der Zugsparte von Bombardier verkauft werden: das Kasseler Werk an der Holländischen Straße. Alstom machte am Montag ein Angebot.

Der französische Zugbauer Alstom will die Zugsparte des kanadischen Konkurrenten Bombardier übernehmen. Dieser lässt in Kassel Lokomotiven bauen.

  • Alstom will Bombardier-Zugsparte kaufen
  • In Kassel lässt Bombardier Lokomotiven bauen
  • Betriebsrat will alles dafür tun, den Standort und die Arbeitsplätze zu sichern

Montreal/Kassel – Unter den großen Zugherstellern bahnt sich ein milliardenschwerer Zusammenschluss an. Der französische TGV-Hersteller Alstom will die Zugsparte des kanadischen Konkurrenten Bombardier übernehmen. Dafür solle ein Preis in der Spanne von 5,8 Milliarden Euro bis 6,2 Milliarden Euro gezahlt werden, wie Alstom am Montagabend (17.02.2020) bei Paris mitteilte. Eine entsprechende Absichtserklärung beider Unternehmen sei unterzeichnet worden. Die Zugsparte von Bombardier sitzt in Berlin und beschäftigt in Deutschland Tausende Mitarbeiter. In Kassel lässt Bombardier Lokomotiven bauen.

Die Übernahme könnte auf Widerstand der Kartellbehörden stoßen. Alstom, Hersteller des französischen Hochgeschwindigkeitszuges TGV, war vor einem Jahr an der EU-Kommission mit dem Versuch gescheitert, mit Siemens Mobility zu fusionieren. Siemens und Alstom wollten sich zusammen tun, um im globalen Wettbewerb besser aufgestellt zu sein. Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire will mit der EU-Kommission über die Übernahme beraten. Ein Gespräch mit Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager sei bereits für den heutigen Dienstag geplant.

Kassel: Alstom will Bombardier-Zugsparte kaufen - "Auf den Luftfahrtsektor konzentrieren"

Für Bombardier beginne nun „ein aufregendes, neues Kapitel“, wie der Konzern am Montagabend mitteilte. Man wolle sich nun auf den Luftfahrtsektor konzentrieren. Bombardier ist finanziell schwer angeschlagen. Durch den Verkauf des problembehafteten Zuggeschäfts an Alstom  „können wir unsere Kapitalstruktur umgestalten und neu definieren“, hieß es weiter. Betroffen davon ist auch das Werk in Kassel.

2019 hatte Bombardier einen Nettoverlust von fast 1,5 Milliarden Euro gemacht. Zuletzt hatte die Deutsche Bahn die Abnahme 25 neuer Intercity-Züge verweigert. Um zu Geld zu kommen, stieg der Konzern vergangene Woche bereits bei dem gemeinsam mit Airbus gebauten Flugzeug Airbus A220 aus.

Kassel: Bahn-Hersteller Alstom will Zuggeschäft des Konkurrenten Bombardier übernehmen

Die Verhandlungen zwischen Alstom und Bombardier waren erst am Montagmorgen offiziell bestätigt worden. Zunächst hatte es von beiden Seiten geheißen, dass ergebnisoffene Verhandlungen geführt würden. Bereits vergangene Woche hatten Medien unter Berufung auf Branchenkreise darüber berichtet.

Die Transaktion wäre auch von großer Bedeutung für Deutschland. Der Hauptsitz der Bombardier-Zugsparte ist in Berlin. Von den insgesamt 40 650 Mitarbeitern, die laut dem Unternehmen zuletzt in 60 verschiedenen Ländern tätig waren, arbeiten nach Gewerkschaftsangaben 6500 Stammbeschäftigte in Deutschland. Hinzu kommen 1100 Leiharbeiter. 

Die größten Standorte sind Hennigsdorf, Görlitz und Bautzen. Am Standort Kassel arbeiten etwa 650 Menschen, 80 von ihnen sind Leiharbeiter. Auch in Mannheim und Siegen sind jeweils mehrere Hundert Menschen beschäftigt. Kleinere Standorte sind Braunschweig und Frankfurt.

Alstom will Bombardier-Zugsparte kaufen - Standort und Arbeitsplätze in Kassel sichern

Der Kasseler Betriebsratsvorsitzende Markus Hohmann sagte auf Anfrage der HNA*: „Sollte es zum Verkauf kommen, werden wir als Betriebsrat alles dafür tun, den Standort und die Arbeitsplätze zu sichern.“ Das Werk in Kassel hatte in der Vergangenheit mehrfach vor der Schließung gestanden.

Erst vergangene Woche hatte der Gesamtbetriebsrat von Bombardier Transportation ein Positionspapier formuliert, das unserer Redaktion vorliegt. Darin wurden Verhandlungen über die Zukunft der deutschen Standorte gefordert, die zuletzt vereinbart, aber mehrfach verschoben worden waren.

Laut Positionspapier sei eine fehlende Zustimmung aus Kanada der Grund für die Verzögerung. Darin heißt es: „Es gäbe diverse Ideen, wie man Bombardier Transportation (BT) in Deutschland kurz- sowie mittelfristig aufstellen wolle.“ Der Gesamtbetriebsrat forderte eine Strategie bis mindestens 2025 und eine Sicherung deutscher Standorte sowie den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen.

Die IG Metall forderte die Bundesregierung am Montagabend auf, sich aktiv in die Gespräche von Bombardier und Alstom einzuschalten. Sie habe die Pflicht, industriepolitische Maßnahmen im Sinne der Beschäftigten zu ergreifen.

Video: Alstom will Bombardier übernehmen

Von Gregory Dauber und Steffen Weyer/dpa

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Im Juli 2019 hat der Leiter des Bombardier-Lokwerkes in Kassel, Stefan Rückartt, das Unternehmen verlassen. Der 40-Jährige arbeitet seit 2014 bei Bombardier Transportation.

Standort Kassel: Möglicher Bombardier-Verkauf an Alstom - Der Bombardier-Standort in Kassel hat eine ungewisse Zukunft: Der mögliche Verkauf an Alstom kann sowohl Gefahr als auch Chance gewertet werden.

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