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Schockbesuch bei Tante: Mann erhebt Vorwürfe gegen Betreiber von Wohneinrichtung

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Eine 92-Jährige verwahrlost im Betreuten Wohnen in Kassel: Der Betreiber weist die Verantwortung zurück – und ist offenbar im Recht.

Kassel – Verwahrlosung im Alter ist ein großes Problem. Selbst im Betreuten Wohnen – auch Servicewohnen genannt – tritt es regelmäßig auf. Dies zeigt die Situation einer 92-Jährigen, die im Convivo-Park Fasanenhof lebt. 

In der Wohneinrichtung für Senioren ist die Bremer Unternehmensgruppe seit zwei Jahren als Anbieter von Betreutem Wohnen aktiv. Wie Fotos ihres Neffen zeigen, lebt die Dame in einer völlig chaotischen Wohnung. Convivo, der ambulante Dienste in der Einrichtung anbietet, hält sich nicht für zuständig.

Betreutes Wohnen in Kassel: Convivo weist Verantwortung von sich

Für den weit entfernt lebenden Neffen war es ein erschreckendes Erlebnis, als er vor einigen Tagen seine Tante nach längerer Zeit wieder in Kassel besuchte, wo die Witwe seit 15 Jahren in der Wohnanlage lebt. Die ganze Wohnung war übersät mit den Habseligkeiten der Dame. Die Bilder, die auch der HNA vorliegen, zeigen, dass es kaum ein Durchkommen in der Wohnung gibt. „Wo ist denn da die angebliche Betreuung“, fragte der Neffe Peter Leis aus Ostfriesland und wollte sich bei dem Betreiber beschweren, erreichte aber zunächst niemanden.

Auf HNA-Anfrage weist der Regionalleiter Rimon Kersting jede Verantwortung zurück. Convivo sei zwar in der betroffenen Wohnung als Anbieter aktiv, aber es seien von der Mieterin keine Unterstützungsleistungen gebucht, die Convivo-Mitarbeiter zum Ordnunghalten verpflichteten. Auch Pflegedienste, die auch im konkreten Fall tätig sind, seien nicht verantwortlich für den Wohnungszustand. Durch die hohe Belastung sei ihnen dies auch kaum möglich. Darüber hinaus sei die selbstständige Lebensführung bei Einzug Voraussetzung.

Gehört heute zur Bremer Unternehmensgruppe Convivo: Die Seniorenwohnanlage am Fasanenhof wurde bis 2020 von der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) betrieben.
Gehört heute zur Bremer Unternehmensgruppe Convivo: Die Seniorenwohnanlage am Fasanenhof wurde bis 2020 von der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) betrieben. © Bastian Ludwig

Kassel: Convivo will sich um verwahrloste Wohnung kümmern

Nachdem der Fall aber nun bekannt sei, werde man sich ihm annehmen und sich um andere Unterstützungen bemühen, so ein Sprecher. Dies sei aber oft nicht so einfach, schränkt Convivo-Regionalleiter Kersting ein. Und weiter: „Die Betroffenen müssen offen für die Hilfe sein. Wer noch mündig ist, kann selbst entscheiden. Man hat das Recht zu verwahrlosen, solange man nicht sich oder andere gefährdet. So bitter das für Angehörige ist.“

Der Pflegeschutzbund bestätigt, dass Anbieter von Betreutem Wohnen nur für vertraglich vereinbarte Leistungen zuständig und haftbar seien. Im Basismodell sei dies erst mal nicht mehr als eine Wohnung, weshalb der Begriff „Betreutes Wohnen“ irreführend sei, sagt Sprecher David Kröll.

Das sagt die Stadt

In der Beratungsarbeit der Altenhilfe, der Beratungsstelle Älter Werden und dem Pflegestützpunkt der Stadt gibt es immer mehr Anfragen nach Alltagshilfen. Die über die Pflegekassen finanzierten Angebote deckten die weiter steigende Nachfrage nicht, so eine Stadtsprecherin. Es gebe einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Im Projekt „Sozialwirtschaft integriert - Sorgearbeit im Quartier“ bilde die Stadt seit zwei Jahren Sorgeassistentinnen und -assistenten aus.

Kassel: Besuch bei der Tante war schockierend für Angehörigen

Für Peter Leis war es ein Schock. Als der Ostfriese kürzlich seine Tante im Betreuten Wohnen in Kassel besuchte, erkannte er diese kaum wieder. „Meine Tante war immer sehr ordentlich“, erzählt Leis, der seine Tante wegen Corona monatelang nicht gesehen, aber regelmäßig mit ihr telefoniert hatte. Nun lebte sie im Chaos. Hausrat, Kisten, alte Zeitungen, Post, Geschirr – alles stapelte sich auf Tischen, Stühlen und Sessel. Dazwischen lagen Medikamente, die Duschkabine war bis oben hin mit Windelpackungen gefüllt.

Nach seinem Besuch setzte Leis alle Hebel in Bewegung, um einen Verantwortlichen zu suchen. Dabei sei es ihm schwergefallen, einen Kontakt zum zuständigen Mitarbeiter für die Wohnanlage im Fasanenhof herzustellen. Vor zwei Jahren war die Convivo-Gruppe aus Bremen dort als Anbieter ambulanter Leistungen eingestiegen, nachdem sich die Gesundheit Nordhessen (GNH) zurückgezogen hatte. „Früher saßen dort mal Mitarbeiter an der Pforte, heute ist dort keiner mehr. Da hat man Angst, alt zu werden“, so Leis.

Schließlich erreichte der Neffe den Sozialpsychiatrischen Dienst, der sich ein Bild vor Ort verschafft habe. „Ich bekam die Rückmeldung, dass keine Gefahr im Verzug sei. Solange keine Gefahr für Leib und Leben bestehe, könne man nicht tätig werden“, so Leis. Eine Altenheimseelsorgerin, die die 92-Jährige kennt, wolle sich aber nun kümmern. Denn die Witwe ist kinderlos und hat auch sonst wenig Verwandte, die nach ihr schauen.

Convivo sind im Fall aus Kassel die Hände gebunden

Während Leis den Betreiber Convivo scharf kritisiert, weil dieser „kassiere“, aber seine Leistungen nicht erbringe, weist das Unternehmen die Vorwürfe zurück. Convivo-Regionalleiter Rimon Kersting verweist darauf, dass sein Unternehmen im konkreten Fall nicht für die Situation verantwortlich sei. „Der Vertragspartner entscheidet, welche Leistungen er möchte und in welchem Umfang.“ Haushaltshilfen seien nicht Bestandteil des Servicevertrages mit der Dame. Weitere Details könnten aus Gründen des Datenschutzes nicht genannt werden.

„Es ist nicht das erste Mal, dass wir beobachten, dass Menschen durch Alter und Krankheit in Ausnahmezustände kommen“, so Kersting. Helfenden Händen seien aber häufig auch die Hände gebunden.

Kassel: Convivo muss Selbstbestimmungsrecht der Klienten beachten

„Es gelten die Unverletzlichkeit der Wohnung und das Selbstbestimmungsrecht der Menschen. Man kann da nicht einfach hingehen und sagen, das gefällt mir nicht, wie du da lebst.“ Sicherlich könne man immer Hilfe anbieten, aber nur bei Gefahr im Verzug könnten Träger unmittelbar handeln.

Während bei voll- und teilstationären Einrichtungen die Mitarbeiter einen größeren Einblick hätten, wie es in privaten Bereichen der Bewohner aussehe, gelte dies für das Service-Wohnen weniger. Eine längere Abwesenheit der Angehörigen sorge zudem häufig dafür, dass Menschen schneller verwahrlosten, weil sie sich nicht mehr bemühen müssten, den Schein zu wahren. „Viele schämen sich, Hilfe anzunehmen, oder können sich diese schlicht nicht leisten“, sagt Kersting.

Kassel: Personalmangel in der Pflege schränkt Möglichkeiten ein

Nachdem Convivo nun Kenntnis von dem Fall habe, würden weitere Hilfen angefragt, so ein Sprecher. Denn auch für den Betreiber sei die Situation natürlich nicht wünschenswert. „Bei dem aktuellen Personal- und Fachkräftemangel können sie aber leider auch nicht jedem persönlichen Schicksal nachgehen, obwohl es vielleicht moralisch geboten wäre“, stellt der Sprecher klar. Die Kollegen im Pflegebereich – die in erster Linie pflegerische Leistungen erbringen – seien stark belastet und würden ihr Bestes geben.

Das sagt der Pflegeschutzbund:

Hinter dem „Betreuten Wohnen“ stellen sich viele mehr vor, als es oft ist, sagt David Kröll, Sprecher des Pflegeschutzbundes. Die Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen hält den Begriff „Servicewohnen“ deshalb für treffender. „Denn dahinter stecken oft ein einfacher Mietvertrag und das Angebot, dass die Bewohner weitere Leistungen abschließen können: Hausmeisterservice, Haushaltshilfe, Einkaufshilfe, Notrufknopf“, so Kröll.

Wenn es im konkreten Fall keinen entsprechenden Servicevertrag gebe, seien Hausverwaltung und Pflegedienste nicht rechtlich verpflichtet, aktiv zu werden. Dort könnten Mieter alles machen, solange sie die anderen Mieter nicht störten. Bei Gestank oder Ungeziefer müsste der Vermieter aktiv werden. Allerdings regten die Pflegekräfte häufig mal eine Betreuung an, auch wenn sie das nicht müssen. Anders als Pflegedienste oder Pflegeheime würden Servicewohnen-Angebote weder vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) noch von der Heimaufsicht geprüft.

(Bastian Ludwig)

Im Interview mit der HNA spricht Nathalie Hügues, Altenhilfe- und Sozialplanerin beim Landkreis Kassel, über die Herausforderungen der Seniorenarbeit.

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