Interview mit Angelina Whalley

„Machen die Toten nicht lächerlich“ - Körperwelten-Macherin über Kritik und Faszination

+
Hat die Ausstellung entworfen: Angelina Whalley ist die Ehefrau von Körperwelten-Erfinder Gunther von Hagens. Sie wird die Körperwelten heute eröffnen. Hier ein Foto aus der Kasseler Ausstellung. Whalley steht neben dem Exponat „Der Schachspieler“.

In Kassel läuft derzeit die weltweit bekannte Körperwelten-Ausstellung in der documenta-Halle. Die Körperwelten-Macherin spricht im Interview über die Kritik und Faszination.

  • Seit Freitag läuft die weltweit bekannte Körperwelten-Ausstellung in der documenta-Halle in Kassel.
  • Angelina Whalley, die Frau von Anatom Gunther von Hagens, hat die Schau in Kassel kuratiert.
  • Im Interview spricht sie über die Kritik und Faszination der Ausstellung.

Kassel – Sie ist der Kopf hinter der Kasseler Körperwelten-Ausstellung: Angelina Whalley, die Frau von Anatom Gunther von Hagens, hat die Schau in der documenta-Halle kuratiert. Wir sprachen mit der 59-jährigen Medizinerin über Kritik an ihrem Mann und die Faszination der Ausstellung, die am Freitag, 21. Februar, eröffnet wurde.

Für die Körperwelten-Ausstellung in Kassel wurden bereits 10.000 Karten verkauft. Hatten Sie mit dem Ansturm gerechnet?

Das ist eine stattliche Zahl. Während die Körperwelten anfangs vor allem in Metropolen unterwegs waren, zeigen wir die Ausstellung inzwischen auch in kleineren Städten. Dort ist das Interesse häufig sehr hoch. Vermutlich auch, weil es weniger Konkurrenzveranstaltungen gibt.

Mit wie vielen Besuchern rechnen Sie bis zum Ende der Schau am 17. Mai?

Ich gehe davon aus, dass 70 000 bis 80 000 Menschen kommen werden.

Kassel: Körperwelten-Ausstellung in Nordhessen unter dem Titel Herzenssache 

Was macht die Faszination der Körperwelten aus?

Die Besucher bekommen etwas Fundamentales präsentiert: ihren eigenen Körper. Unser ganzes Leben besteht aus biologisch-physikalischen Vorgängen. Doch der Laie kann sich davon schwer eine Vorstellung machen, wie komplex unser Körper aufgebaut ist. In der Ausstellung erkennen viele Menschen, wie wunderschön und verletzlich wir eigentlich sind. So wird das Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig unsere Gesundheit ist. Das ist die wertvollste Quintessenz der Körperwelten. Der Besuch wirkt stärker als jede Anti-Raucher-Kampagne.

Körperwelten-Ausstellung in Kassel: Eine Herzenssache in der Documenta-Halle. Eine faszinierende Reise unter die Haut

Manche Besucher werden die Ausstellung aus anderen Städten schon kennen. Was gibt es Neues zu entdecken?

Diesmal steht die Ausstellung unter dem Titel „Herzenssache“. Wir widmen uns dem Herz-Kreislauf-System. In unserer beschleunigten Gesellschaft sind Erkrankungen dieses Systems die Todesursache Nummer ein. Aber auch sonst lohnt sich der mehrfache Besuch. Denn auch unser Körper verändert sich. Die Besucher betrachten die Exponate vor dem Spiegel ihrer eigenen körperlichen Situation immer wieder neu.

Körperwelten-Ausstellung in Kassel: Kritik wegen Ängste vor der eigenen Sterblichkeit

Nachdem 2004 in Frankfurt die letzte Körperwelten-Ausstellung in Hessen stattfand, wollte Gunther von Hagens wegen Zensurauflagen keine weitere Ausstellung in Deutschland zeigen. Wieso hat er es sich anders überlegt?

Die Debatte ist damals hochgekocht und entzündete sich mehr an der Person meines Mannes und weniger an der eigentlichen Ausstellung. Die Kritik ist erheblich abgeebbt. Dass es gar keine Kritiker gibt, kann man bei diesem emotionsbehafteten Thema nicht erwarten. Denn immerhin wird man mit den Ängsten vor der eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Dabei geht es bei den Körperwelten gar nicht um den Tod. Man schaut zwar auf tote Körper, aber es geht um das Leben und welchen Einfluss unser Handeln auf den Körper hat.

Erleben Sie dennoch Anfeindungen?

Das kann ich nicht behaupten. Es gab aber Bemühungen eines Berliner Bezirksamtes, unsere dortige Dauerausstellung zu verhindern. Dies wurde mit dem Bestattungsgesetz des Landes begründet. Wir konnten aber letztlich alle Gerichtsverfahren für uns entscheiden.

Kassel: Vorwurf gegen Körperwelten-Ausstellung 

Die Kirche steht Ihnen doch aber weiter kritisch gegenüber.

Das ist so, auch wenn es einzelne Kirchenvertreter gibt, die dies anders sehen. Der Vorwurf lautet, wir würden die Menschenwürde verletzen. Da stellt sich die Frage: Welche Würde wird verletzt? Die der Ausgestellten? Die der Besucher? Ich bin der Überzeugung, dass das Gegenteil passiert. In unserer Ausstellung geht es nicht zu wie auf einem Jahrmarkt. Die Besucher gehen andächtig an den Exponaten vorbei. Es geht still zu, obwohl oft Hunderte Menschen gleichzeitig vor Ort sind. Wir machen die Toten weder lächerlich noch verunglimpfen wir sie. Jeder der Ausgestellten hat zu Lebzeiten darüber verfügt, dass er seinen Körper für diese Zwecke zur Verfügung stellt. Es handelt sich um den eigenen Willen, und wir gehen achtsam damit um.

Körperwelten in Kassel: Blick in die Ausstellung

Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer
Körperwelten in Kassel - Blick in die Ausstellung
 © Andreas Fischer

Körperwelten-Ausstellung in Kassel: Natürliche Exponate helfen beim Annähern 

Einige empfinden die Inszenierungen der Präparate als zu reißerisch.

Das ist ein legitimer Kritikpunkt. Als wir vor 25 Jahren mit den Körperwelten gestartet sind, haben wir die Körper in keiner Weise inszeniert. Es handelte sich um Plastinate, die für Lehrzwecke hergestellt wurden. Die Kritik der Besucher lautete: Die sehen zum Fürchten aus, die sehen so tot aus. Heute zeigen wir die Körper in natürlichen Lebensposen. Das hilft dem Betrachter, sich dem Exponat zu nähern.

Sind Sie eigentlich selbst Körperspenderin?

Natürlich. Alles andere wäre auch komisch.

Kassel: Kuratorin der Körperwelten-Ausstellung in Nordhessen

Zur Person

Dr. Angelina Whalley (59) ist die Kuratorin der Körperwelten-Ausstellung und Ehefrau von Gunther von Hagens. Whalley ist in Hannover aufgewachsen und hat später in Berlin und Heidelberg Medizin studiert, wo sie 1986 promovierte. Früh interessierte sie sich für Anatomie. So kam sie mit Gunther von Hagens zusammen, den sie 1992 heiratete. Seit 1995 kuratiert sie die Körperwelten.

Von Bastian Ludwig

Video: Referendarin entwickelte Programm für Körperwelten-Ausstellung

Körperwelten-Ausstellung in Kassel: Besuch bei Gunther von Hagens

Für die Körperwelten-Ausstellung in Kassel haben sich 14 Kasseler dazu entschieden, ihren Körper zu spenden. Eine der Körperspender ist Sabine Kuhnt. Sie berichtet über ihr Verhältnis zu Leben und Tod.

Bevor die Körperwelten-Ausstellung in Kassel öffnete, hat die HNA Gunther von Hagens in seiner Manufaktur Plastinarium im brandenburgischen Guben besucht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.