Steuerliche Tricksereien sollen erschwert werden 

Bäcker fürchten Bon-Irrsinn: Kassenbeleg wird Pflicht bei jedem Brötchenkauf

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Kaum einer will Kassenbons beim Bäcker: Dennoch muss auch Susanne Becker von „Bäcker Becker“ künftig für jede Brötchentüte und andere kleine Käufe einen Quittungsbeleg ausdrucken – den die Kunden in aller Regel sofort entsorgen.

Für jeden Kauf müssen Einzelhändler, die mit digitalen Kassen arbeiten, künftig einen Beleg ausdrucken – ob der Kunde das will oder nicht. Vor allem kleine Händler laufen Sturm. 

Kleine Händler und insbesondere das Bäckerhandwerk laufen Sturm gegen die Neuregelung, mit der der Gesetzgeber steuerliche Tricksereien erschweren will. Laut Hessens Finanzminister Thomas Schäfer entgehen dem Fiskus jährlich 10 Milliarden Euro.

Weil alle Kassen ab 2020 aber ohnehin mit spezieller Kontrolltechnik gegen das Frisieren von Umsätzen ausgerüstet werden müssen, hält Bernd Riede die Bon-Ausgabepflicht für „totalen Quatsch“. Der Obermeister der Kasseler Bäcker-Innung meint, für seine Branche werde die Regelung allenfalls „einen Haufen Kosten und eine Flut von Papiermüll“ produzieren.

Drei von 100 Kunden verlangen Kassenbon beim Bäcker

Gerade mal drei von 100 Kunden, so Riede, würden beim Bäcker einen Bon verlangen. Alle anderen würden die pflichtgemäß ausgestellten Zettel gleich wegwerfen. Der Zentralverband des deutschen Bäckerhandwerks hat ausgerechnet, dass pro Jahr bis zu fünf Milliarden überflüssige Bons aus Papier zusammenkommen. Das sei in Zeiten von Nachhaltigkeit und Abfallvermeidung absurd, kritisiert Hauptgeschäftsführer Daniel Schneider.

Hinzu kommt: Die überflüssigen Bons sind meist mit problematischen Chemikalien beschichtet. Sie sollten daher nicht ins Altpapier-Recycling gegeben, sondern im Restmüll entsorgt werden, rät das Umweltbundesamt.

Kassenbon-Pflicht: Einzelhandel rechnet mit zusätzlichem Aufkommen von zwei Millionen Kilometern

Für den gesamten deutschen Einzelhandel werde mit einem zusätzlichen Kassenbon-Aufkommen von zwei Millionen Kilometern pro Jahr gerechnet, heißt es beim Handelsverband Deutschland.

„Das passt überhaupt nicht zur aktuellen Umweltdebatte“, findet Dirk Behschad. Der Betreiber des Kiosks am Kasseler Rathaus fürchtet, dass er künftig „wegen jedem Lutscher einen Bon ausdrucken“ muss. Dabei habe er bei den Zeitschriften und Tabakwaren, die er hauptsächlich verkauft, gar keine Möglichkeit für Umsatz-Tricksereien.

Die Umsetzung der neuen Kassensicherheitsverordnung kommt viele kleine Betriebe ohnehin kostspielig. In Vorbereitung darauf hat der Kasseler Bäcker und Konditormeister Andreas Becker („Bäcker Becker“) die Registrierkassentechnik in allen seinen vier Filialen erneuern lassen – Kostenpunkt: 30 000 Euro. Was ihn der Ausdruck überflüssiger Bons künftig kostet, „kommt obendrauf“.

Innungs-Obermeister und Einzelhandelsverband Hessen-Nord zeigen Unverständnis 

Becker sieht in der Neuregelung einen „großen Aufwand mit verhältnismäßig geringem Nutzen“. Im Sinne der Kunden ist das Ganze seiner Ansicht nach nicht. Der Kasseler Innungs-Obermeister Bernd Riede sagt zur Bon-Ausgabepflicht: „Mir kann keiner erzählen, dass das dazu beitragen wird, Steuerhinterziehung einzudämmen.“

Diese Ansicht teilt der Einzelhandelsverband Hessen-Nord. „Was die Bon-Ausgabe damit zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht“, sagt Geschäftsführer Martin Schüller. Alle für die Finanzbehörden wichtigen Daten seien künftig unveränderbar in den Kassen gespeichert und auslesbar. Die zusätzliche Verpflichtung, bei jedem kleinen Kauf einen Kassenbon auszudrucken, sei daher „absurd“.

Kassenbon-Pflicht: Industrie- und Handelskammer äußert Verständnis für Bestreben 

Schüller weist darauf hin, dass kein Händler grundsätzlich verpflichtet sei, eine Registrierkasse zu betreiben. Gerade kleine Gewerbetreibende mit wenigen Geschäftsvorfällen täglich könnten alternativ ihre Tagesumsätze anders protokollieren, sofern das steuerrechtlich korrekt geschehe. Dann entfalle natürlich auch die Bon-Pflicht.

Die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg äußerte Verständnis für das Bestreben des Gesetzgebers, Steuerhinterziehung zu verhindern. Es sei aber fraglich, ob in diesem Fall „Aufwand und Ertrag in gutem Verhältnis stehen“, sagte IHK-Sprecher Thomas Rudolff: Die Pflicht zur Belegausgabe belaste auch „die Vielzahl steuerehrlicher Unternehmen“; hinzu kämen die Folgen für die Umwelt. In Zeiten der Digitalisierung sollten „auch andere Mittel“ zur Prüfung der Steuerehrlichkeit zur Verfügung stehen, so die IHK.

Detlef Kress, Betreiber des Kiosks auf dem Königsplatz, bringt die Kritik auf einen einfachen Nenner: „Wir arbeiten hier von halb fünf Uhr morgens bis um 20 Uhr, und zwar mit sehr geringen Margen.“ Die Verordnung, die ab 2020 gilt, bedeutet für Kress „einfach nur mehr Bürokratie“. Fast niemand verlange eine Quittung für den Kauf am Kiosk. Mithilfe seines Steuerberaters will Kress nun versuchen, sich vom Finanzamt von der Pflicht zur Bon-Ausgabe befreien zu lassen.

Hintergrund: Bestimmte Betriebe können sich befreien lassen

Die Kassenbon-Pflicht ab 2020 ist Teil der Kassensicherungsverordnung, die Steuerbetrug im Einzelhandel verhindern soll. Dabei ist auch vorgeschrieben, dass Händler ihre Kassen mit Sicherheitsmodulen ausrüsten müssen, die die Manipulation von Umsätzen ausschließen. Eine zwingende Bon-Ausgabe war zunächst im Gesetzentwurf nicht vorgesehen. Von dieser Pflicht können sich zum Beispiel Betreiber von Markt- und Volksfestständen auf Antrag beim Finanzamt befreien lassen.

Im Edeka Aschoff in Kassel kommen Kunden, die die Selbstbedienungskasse nutzen, seit Oktober nicht weit. Der Bon muss eingescannt werden, um den Laden verlassen zu können.

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