Von Warna nach Deutschland

„Kassel ist besser als Bulgarien“ - ein Zuwanderer erzählt

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Seit zweieinhalb Jahren ohne festen Wohnsitz: Krasimir kam aus Bulgarien, lebt in Kassel und möchte nicht erkannt werden.

Seit dem ersten Januar haben Rumänen und Bulgaren vollen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. In der Politik wird bereits heftig über die Folgen diskutiert. Immer häufiger ist dabei auch von Armutsmigration die Rede. Wir sprachen mit einem 22-jährigen Bulgaren, der nach Kassel kam.

Kassel. Krasimir kann nach zweieinhalb Jahren in Deutschland noch nicht so gut deutsch, wie er selbst sagt. „Komm mit mir in die Wohnung, wir sprechen da“, sagt der 22-jährige Bulgare. In der Wohnung des Mehrfamilienhauses in der Friedrich-Wöhler-Straße läuft der Fernseher - eine politische Debatte auf Phoenix. Krasimir holt Cola aus der Küche. Im Flur der Wohnung steht Yusuf (Name von der Redaktion geändert) im Deutschlandtrikot. Der Somalier hat Krasimir und seiner Freundin für einen Monat erlaubt, bei ihm zu wohnen.

Vor einigen Wochen hat Krasimir den Somalier in einer Kneipe angesprochen. „Er sagte, dass er und seine Frau nirgends schlafen können und sie Hunger haben“, sagt Yusuf, der vor einigen Jahren vor dem Krieg in dem afrikanischen Staat geflohen war. Daraufhin habe er ihnen ein Zimmer in seiner Wohnung angeboten. „Mensch ist Mensch“, sagt Yusuf. Von der Debatte um Armutseinwanderer aus Bulgarien und Rumänien hat Krasimir nicht viel gehört. Er hat andere Sorgen: Wo bekomme ich essen her? Wo soll ich demnächst wohnen? Das sind die Fragen, die ihn beschäftigen.

Vor zweieinhalb Jahren sind der 22-Jährige und seine Freundin nach Deutschland gekommen. „Hier gibt es Geld und Arbeit. Kassel ist besser als Bulgarien“, sagt er. Dort habe er keine Chance.

240 Euro bezahlte das Pärchen für die Reise von der Stadt Warna in Bulgarien nach Deutschland. Eine feste Bleibe haben die beiden seitdem nicht gehabt.

Sein Geld verdient er gelegentlich bei einem befreundeten Schrottsammler. 20 bis 30 Euro seien das am Tag. Hat er kein Geld, kann er in einem bulgarischen Geschäft anschreiben lassen. „Auf Kredit“, sagt Krasimir.

In einer Woche steht das junge Paar wohl wieder auf der Straße: Für sie ist die aktuelle Situation aber immer noch besser als das Leben in ihrer Heimat. Mit sieben Geschwistern wohnte Krasimir dort bei seinen Eltern in einer kleinen Wohnung. „Meine Eltern haben keine Arbeit und ich auch nicht“, sagt er. Geld vom Staat bekommen die beiden nicht, sagt Krasimir. Sein Ziel ist es jetzt, eine Wohnung zu finden und eventuell einige Geschwister und seine Mutter nachzuholen.

Hintergrund: So viele wanderten ein

2012 zogen 46.964 Rumänen nach Deutschland. 28,8 Prozent mehr als 2011. Aus Bulgarien wanderten 25.705 Menschen ein, also ein Plus von 26,5 Prozent. In Kassel hat sich die Zahl der der Bulgaren seit dem EU-Beitritt 2007 verzehnfacht. Laut Zahlen der Stadt Kassel lebten im vergangenen Jahr (Stand Dezember 2012) 1332 Bulgaren und 495 Rumänen in Kassel.

Von Max Holscher

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