Viele Hürden für Behinderte

Bordsteine sind in Kassel für Rollstuhl- und Rollatornutzer oft zu hoch

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Hat Probleme mit den Bordsteinen: Rollstuhlfahrer Gerhard Bock sind die abgesenkten Bordsteine zu hoch. Schon zweimal ist er gestürzt.

Viele abgesenkte Bordsteine an Einmündungen und Kreuzungen in Kassel stellen für Rollstuhlfahrer und Rollatorbenutzer ein Problem dar.

Obwohl es zwischen dem Behindertenbeirat und der Stadt Kassel eine Vereinbarung gibt, nach der diese Bordsteine maximal drei Zentimeter hoch sein sollen, sind sie in der Praxis teilweise doppelt so hoch.

Für die Vorderräder eines Rollstuhls und die kleinen Räder eines Rollators sind dies hohe Hürden, die das Sturzrisiko erhöhen. Nach Zahlen der Stadt leben 39.700 Menschen mit Behinderungen in Kassel. Damit ist jeder fünfte Einwohner betroffen. Auch wenn nicht alle körperlich eingeschränkt sind und Mobilitätshilfen nutzen, zeigt dies, wie wichtig eine behindertengerechte Infrastruktur ist. 

Der Vorsitzende des Behindertenbeirats Helmut Ernst bestätigt, dass es in dieser Hinsicht noch Nachholbedarf in Kassel gebe – auch wenn in den vergangenen Jahren schon einiges passiert sei. An etwa 80 Prozent der Kreuzungen sei eine sogenannte geteilte Querung gebaut worden, die den unterschiedlichen Bedürfnissen von Rollstuhlfahrern und Sehbehinderten gerecht werde. Für Rollstuhlfahrer gebe es eine vollständige Absenkung und für Sehbehinderte ein taktiles Leitsystem, das sie zu Bordsteinen führt, die mit dem Blindenstock gut ertastet werden können. 

Vorbildlich: Vollständig abgesenkter Bordstein. Hier an einem Überweg an der Frankfurter Straße.

Bei Neubauten und Sanierungen von Straßen, die von Behinderten oft genutzt werden, sorge die Stadt für eine behindertengerechtere Umgestaltung, so ein Rathaussprecher. An Einmündungen würden abgesenkte Bordsteine mit einer Höhe von drei Zentimetern eingebaut. Dies sei ein Kompromiss aus Wünschen der Geh- und Sehbehinderten. Tatsächlich wird die Maximalgrenze aber oft deutlich überschritten, wie HNA-Stichproben ergaben. 

Peter Rauhöft vom Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (Fab) beklagt überdies, dass Autofahrer abgesenkte Bordsteine oft zuparken. Und obwohl Straßenbahnhaltestellen barrierefrei umgebaut wurden, gebe es nach wie vor etliche, an denen Rollstuhlfahrer nur durch das vorherige Ausklappen einer Rampe in die Bahn gelangten.

„Bin zweimal umgekippt“: Ein Rollstuhlfahrer aus Kassel berichtet

Gerhard Bock sitzt seit einer Hirnblutung inklusive Schlaganfall im Rollstuhl. Weil die linke Körperhälfte des 85-jährigen Kasselers gelähmt ist, benötigt er einen Rollstuhl. Doch bei seinen Ausflügen auf der Wilhelmshöher Allee hat er mit seinem elektrischen Gefährt schon oft schlechte Erfahrungen gemacht. Weil Bordsteine an Einmündungen teils nicht richtig abgesenkt sind, kippte er schon zweimal samt Rollstuhl um.

„Zum Glück trage ich einen Notknopf bei mir“, erzählt Bock. Damit konnte er Mitarbeiter des Roten Kreuzes alarmieren, die ihn wieder in den Rollstuhl hievten. „Für meine Frau bin ich viel zu schwer“, sagt der Mann, der in Wilhelmshöhe wohnt.

Bock kann nicht verstehen, warum die Bordsteine nicht so abgesenkt werden, dass sie von Rollstuhlfahrern problemlos zu überwinden sind. „Weil die Absätze zu hoch sind, muss ich sie mit den kleinen Vorderrädern des Rollstuhls schräg anfahren, um sie überhaupt überwinden zu können.“ Hier müsse die Stadt nachbessern.

Kassel: Bordsteine an Wilhelmshöher Allee oft nicht vollständig abgesenkt

Tatsächlich sind die Bordsteine an den Einmündungen der Wilhelmshöher Allee fast alle nicht vollständig abgesenkt – wie es für viele weitere Einmündungen im Stadtgebiet gilt. Es bleibt jeweils eine Hürde von etwa drei bis sechs Zentimetern. Für die kleinen Vorderräder der Rollstühle kann das ein Problem sein, sagt der Vorsitzende des Behindertenbeirats Helmut Ernst. Nur an den Kreuzungen seien in den meisten Fällen bereits moderne, voll abgesenkte Bordsteine verbaut worden, sagt Ernst.

„Bevor ich im Rollstuhl saß, habe ich mir über solche Probleme keine Gedanken gemacht. Das wird den meisten Menschen so gehen“, sagt Bock. Nun merke er, wie wichtig es sei, sich trotz seiner Situation noch etwas Mobilität zu bewahren. „Ich fahre regelmäßig zum Bäcker oder auch freitags zum Wehlheider Wochenmarkt“, erzählt der Kasseler. Deshalb solle die Stadt nicht nur in neue Radwege, sondern auch in eine behindertengerechte Infrastruktur investieren, findet der 85-Jährige.

Peter Rauhöft vom Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (Fab) hat auch schon beobachtet, dass längst nicht alle Bordsteine so abgesenkt sind, dass sie problemlos befahrbar sind. Der Rollstuhlfahrer kennt die damit verbundenen Sturzrisiken. Was ihn aber genauso ärgert, sind die unterschiedlichen Situationen an den Straßenbahnhaltestellen. „An der Haltestelle Annastraße können Rollstuhlfahrer ebenerdig in die Bahn fahren und schon eine Station weiter an der Karthäuserstraße geht das wegen des Höhenunterschieds und Abstands zur Bahn nicht“, sagt Rauhöft.

Dr. Andreas Jürgens, Erster Beigeordneter des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV) und Rollstuhlfahrer, sieht zwar auch noch Defizite, aber auch viele Fortschritte in der Stadt. „Als ich 1986 nach Kassel kam, konnte ich keinen Bus und keine Straßenbahn nutzen. Auch die große Zahl an Rollstuhlfahrern in der Innenstadt zeigt mir, dass sie rollstuhlgerecht ist“, sagt Jürgens. Was ihn mehr stört, ist, dass selbst neu eröffnete Restaurants zum Teil nicht ebenerdig zu erreichen sind.

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