Preisverleihung am Geburtstag

Bürgerpreis "Glas der Vernunft" an Autorin Adichie: Politische Kämpferin mit literarischer Offenheit

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Preisverleihung im Kasseler Opernhaus: Chimamanda Ngozi Adichie nahm den Bürgerpreis "Glas der Vernunft" an ihrem Geburtstag entgegen.

Im Kasseler Opernhaus wurde die nigerianische Schriftstellerin und Feministin Chimamanda Ngozi Adichie mit dem Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ ausgezeichnet.

Das gibt es nicht so häufig, dass 950 Kasseler einer „der großen, jungen Stimmen der Weltliteratur“ – so Jury-Vorsitzender Bernd Leifeld – ein vielstimmiges Ständchen singen. 

Die nigerianische Autorin und Feministin Chimamanda Ngozi Adichie hatte am Sonntag Geburtstag, als sie bei einem Festakt im Opernhaus mit dem Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ ausgezeichnet wurde.

Bürgerpreis rührt Autorin an ihrem Geburtstag

Nach dem „Happy Birthday, dear...“ kam der riesige Chor zwar ziemlich ins Schwimmen, das tat aber der Rührung der Geehrten keinen Abbruch. Sie habe lange gezweifelt, ob sie diesen Tag nicht wie stets mit ihrer Familie verbringen sollte. 

Und Kassel? Darüber habe sie von Bekannten lediglich gehört, dass es dort einen Bahnhof gebe. Inzwischen jedoch habe sich ihr Kassel-Bild durch viele, oft positive Eindrücke und Facetten vervollständigt.

Adichie: Traue niemals einer einzigen Erzählung, die als Stereotyp immer weiterverbreitet wird

Damit berührte sie selber den Punkt, für den ihr literarisches, vielfach preisgekröntes Schaffen steht, der ihre politische Wirkung ausmacht und der der Anlass für die Kasseler Auszeichnung ist: Traue niemals einer einzigen Erzählung, die als Stereotyp immer weiterverbreitet wird – mit dieser Botschaft einer furiosen, weltweit beachteten Konferenzrede hatte Adichie 2009 Furore gemacht. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch ihre belletristischen Erzählungen.

Als Weltenwanderin zwischen Nigeria und den USA weiß sie um die Wirkungen einer solchen Konstituierung von Wirklichkeit: Afrika, das ist doch dort, wo Hungernde fliegenumsurrt im Elend liegen. Wo keine staatliche Ordnung funktioniert und nur Gewalt und Korruption regieren. 

Symposion mit jungen Kasselern: Bereits am Samstagnachmittag diskutierte Chimamanda Ngozi Adichie in der Freien Waldorfschule mit Oberstufenschülern verschiedener Kasseler Gymnasien. 

Schon als die Tochter einer Akademikerfamilie in den USA studierte, erfuhr sie: Allein die Vorstellung, dass es in Afrika eine bürgerliche Mittelschicht mit kulturellen Interessen und weltgewandten Umgangsformen gibt, überfordert viele Menschen.

Laudator Mangold über Adichies Werk:  „Frontalangriff auf die Kultur des Verdrängens“

Wie Adichie diese Erfahrungen literarisch auch auf das Ungleichheits-Gefälle zwischen Geschlechtern und Klassen anwendet, präparierte der „Zeit“-Literaturkritiker Ijoma Mangold als Laudator fesselnd heraus. Er nannte die Erzählungen Adichies, die immer neu zur Justierung des eigenen Blickwinkels einlüden, einen „Frontalangriff auf die Kultur des Verdrängens“.

Mangold selbst hat väterlicherseits nigerianische Wurzeln und kennt eine solches Verdrängen von Unterschieden aus eigenem Erleben in zwischenmenschlichen Situationen: „Man muss so tun, als wäre man farbenblind“, beschrieb er dies. 

Der Geehrten bescheinigte er, das in ihrem Werk seltenerweise zwei Talente zusammenkommen: politisches Kämpfertum und zugleich eine literarische Offenheit für Ambivalenz. Adichies Botschaften seien bei aller Nachdrücklichkeit niemals platter Agitprop.

Festrednerin Lochbihler würdigt Ardichies Eintreten für Frauenrechte

Die Menschenrechtlerin Barbara Lochbihler, bis vor kurzem Mitglied des EU-Parlaments, würdigte in ihrer Festrede vor allem Adichies undogmatisches und gleichwohl entschiedenes Eintreten für Frauenrechte. 

Um die sei es auch im europäischen Kontext nicht sonderlich gut bestellt. Wem es aber wirklich ernst sei mit den Grundsätzen von Freiheit und Gleichheit, der könne auch als Feminist bezeichnet werden. Chimamanda Ngozi Adichie fordere dazu auf, feministisch zu sein – „und dies nicht verschämt verstecken“.

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