Heinz Körner über die NS-Vergangenheit von Seidel, Branner und Lauritzen

Kassel-Chronist zu Ex-Bürgermeistern: „Drei wahre Demokraten“

Setzt sich für die drei ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt Kassel ein: Der Autor und Sozialdemokrat Heinz Körner hat von Verwandten Willi Seidels kürzlich eine handschriftliche Chronik bekommen. Darin hat Seidel seine Erinnerungen an die NS-Zeit im Kasseler Rathaus festgehalten. Foto:  Malmus

Kassel. Die von der Stadt in Auftrag gegebene Studie über die NS-Vergangenheit der früheren SPD-Oberbürgermeister Willi Seidel, Lauritz Lauritzen und Dr. Karl Branner hat für viel Diskussionsstoff gesorgt.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die drei keine NS-Verbrecher waren, sich allerdings mit dem NS-Regime arrangiert und diesem gedient hätten. Die Stadtverordnetenversammlung soll am 20. Juli über eine mögliche Aberkennung vonEhrungen für die ehemaligen Oberbürgermeisterentscheiden. Dagegen spricht sich der Kasseler Autor, Südstadt-Chronist und Sozialdemokrat Heinz Körner vehement aus. Von Verwandten Willi Seidels hat Körner kürzlich eine handschriftliche Chronik des ersten Nachkriegs-Oberbürgermeisters mit persönlichen Aufzeichnungen aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 bekommen.

Herr Körner, geht aus dieser Chronik hervor, dass sich Willi Seidel von den Nationalsozialisten distanziert hat?

Heinz Körner: Hitler wurde am 5. März 1933 gewählt. Damals war Seidel noch Leiter des städtischen Personalamts im Rathaus. Seidel hat aufgeschrieben, dass nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Schergen von Roland Freisler, der damals wohl mächtigste Mann in Kassel, Nicht-Parteimitglieder durchs Kasseler Rathaus prügelten. Seidel stand auch auf der Liste, wurde aber geschützt. Er konnte die NS-Zeit im Rathaus überstehen, weil er zwei bis drei gute Freunde hatte.

Ein gutes Verhältnis hat Seidel offenbar zum damaligen Oberbürgermeister Gustav Lahmeyer gehabt, der Mitglied der NSDAP war.

Körner: Ja. Lahmeyer hat Seidel geschätzt, weil der ein Verwaltungsmann par excellence war, auf den er nicht verzichten konnte. Nach der Schlägerei ist Seidel aber auch zu Lahmeyer gegangen und hat gefordert, dass die Gewalt gegen Nicht-Parteimitglieder ein Ende haben muss. Lahmeyer hat daraufhin Gauleiter Karl Weinrich angerufen. Aber beide, Oberbürgermeister und Gauleiter, konnten gegen die Schläger nichts ausrichten. Hier hat das Führerprinzip gegriffen. Die NSDAP stand über allem. Die Partei stand auch über der Verwaltung. Das haben die Historiker in ihrer Studie über die drei Oberbürgermeister außer Acht gelassen.

In der Studie „Vergangenheiten“ von Dietfrid Krause-Vilmar und drei weiteren Autoren sind aber keine Unwahrheiten verbreitet worden.

Körner: Nein. Es gibt darin allerdings Seitenhiebe, mit denen ich nicht einverstanden bin. Seidel wurde nach dem Krieg zum Beispiel der unsensible Umgang mit Opfern des Nationalsozialismus vorgeworfen, weil auch diese bei der Beseitigung der Trümmer helfen sollten. Das haben Frauen und Kinder aber auch machen müssen, Seidel selbst hat eine Woche lang Schutt geschippt. Das hat den Amerikanern wohl gar nicht gepasst, da Seidel von ihnen ja als Oberbürgermeister eingesetzt worden war.

Krause-Vilmar und seine Kollegen fordern in der Studie nicht, dass den ehemaligen Oberbürgermeistern die Ehren aberkannt werden sollen.

Körner: Das tun sie nicht, aber es ist von Belastungen der Oberbürgermeister die Rede. Und das Wort Belastung wird bei uns ganz schnell mit dem Begriff Verbrecher in Verbindung gebracht. Viele Leute, auch Kasseler Sozialdemokraten, sind allzu schnell bereit, den Historikern zu folgen, ohne selbst einen größeren historischen Zusammenhang herstellen zu können.

Fällen Menschen, die den Nationalsozialismus selbst nicht miterlebt haben, vorschnell Urteile?

Körner: Bei vielen Menschen gibt es eine große Unwissenheit über diese Zeit und die damaligen Umstände. Eins darf nicht vergessen werden: Die Stadt Kassel war durch und durch nazifreundlich. 30 000 Menschen waren im Mai 1933 bei der Bücherverbrennung dabei, 100 000 bei den Reichskriegertagen 1935 in der Karlsaue und Zehntausende haben Hitler 1939 vor dem Kasseler Rathaus zugejubelt.

Sie vertreten die Ansicht, dass Seidel sogar Menschen geholfen hat, indem er während des Nationalsozialismus weiterhin im Rathaus tätig war.

Körner: Das kann man so sehen. 1937 wurde Seidel Leiter der wehrwirtschaftlichen Abteilung für den Katastrophenfall. Durch seine und die seiner Mitarbeiter guten Organisation in dieser Abteilung gab es im Zweiten Weltkrieg in Kassel nach mehr als 30 Luftangriffen zum Beispiel keine Hungersnot. Zehn Großküchen waren nämlich an den Ausfallstraßen für die Bevölkerung angelegt worden.

Aus der Studie geht aber ebenfalls hervor, dass der Verwaltungsbeamte Seidel auch für die Arisierung des Wohnraums und die Zusammenlegung von Juden in Judenhäuser verantwortlich war.

Körner: Zu den Judenhäusern hat Seidel in seiner Chronik nichts geschrieben. Diese Vorgänge sind sicher über seinen Tisch gegangen. Seine Nachfahren vertreten aber die Ansicht, dass diese Aufgaben eine Art Bewährungsprobe für das Nicht-Parteimitglied waren. Hätte Seidel Widerstand dagegen geleistet, wäre er im Rathaus weg vom Fenster gewesen. Man darf nicht vergessen, dass Seidel auch seine eigene Familie schützen wollte. Sein Schwiegersohn, der selbst im Rathaus arbeitete, hatte ebenfalls jüdische Vorfahren.

Sie werden den Kasseler Genossen in einem Vortrag empfehlen, Seidel, Branner und Lauritzen die Ehrungen nicht abzuerkennen.

Körner: Ja. Die deutsche Geschichte ist mehr als das Dritte Reich. Als Deutsche haben wir aber mit der 68er-Bewegung auch bewiesen, dass wir die Geschichte sensibel aufarbeiten können. Heute ist Deutschland durch und durch demokratisch. Und die drei ehemaligen Kasseler Oberbürgermeister haben sich nach dem Krieg als wahre Demokraten erwiesen und die Stadt nach vorne gebracht.

Zur Person

Heinz Körner (70) wurde in Jesberg (Schwalm-Eder-Kreis) geboren. Nach einer Lehre zum Bauschlosser war er Ausbilder beim Bundesgrenzschutz. Ab 1979 studierte er an der Sozialakademie Dortmund Personal-, Sozial- und Betriebswirtschaftswesen. Ab 1989 arbeitete er als selbstständiger Immobilienkaufmann. Körner ist seit 1977 Mitglied in der SPD und hat sich dort viele Jahre engagiert. Heute ist er noch Vorsitzender der SPD Südstadt. Seit 1988 schreibt er zudem Bücher über die Kasseler Geschichte, insbesondere über die Geschichte der Südstadt und des Weinbergs. Körner ist verwitwet.

Infos zu den drei Ex-Bürgermeistern finden Sie auch in unserem Regiowiki

- Willi Seidel

- Lauritz Lauritzen

- Karl Branner

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