Der Chronist des alten Kassel wurde 88 Jahre alt

Nachruf: Mit Hans Germandi starb eine Legende

Kassel. Keiner konnte so anschaulich und lebhaft vom alten Kassel vor der Zerstörung erzählen: Im Alter von 88 Jahren ist Hans Germandi am Mittwochmorgen im Krankenhaus gestorben.

Video-Serie: Hans Germandis Leben

Teil 2: Kriegszeit in Kassel

Teil 3: Schule, Mädchen und Sadisten

Teil 4: Eine Wanne für vier Geschwister

Weitere Teile folgen am Donnerstag

Die traditionelle Fuldafahrt auf der Hessen hat er noch mitgemacht. Auf dem Heimweg vom Zissel ist Hans Germandi dann schwer gestürzt. Nur wenige Meter vor seiner Wohnung am Martinsplatz sei er umgeknickt, sagt Gretel Germandi, die 63 Jahre mit ihrem Hans verheiratet war. Am Mittwoch ist er im Krankenhaus gestorben, von den Knochenbrüchen, die er sich beim Sturz zuzog, hat sich der 88-Jährige nicht mehr erholt.

Mit Hans Germandi ist ein Stück vom alten Kassel gestorben. Kein anderer konnte so anschaulich über das „ahle Nest“ erzählen. Über die verwinkelten Gassen, die Häuser und Plätze im Kassel seiner Kindheit, das in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 unterging. Wer einmal bei einem seiner Diavorträge in der Martinskirche dabei war, wird diese ungemein unterhaltsame Geschichtsstunde mit Witz und kasseläner Zungenschlag nicht vergessen. Dafür hat er übrigens nie einen Euro genommen, sondern die Einnahmen der Kirche gespendet.

Weitere Informationen zu Hans Germandi finden Sie auch im Regiowiki.

Als 17-jähriger Marinesoldat kam Hans Germandi wenige Tage nach der Bombennacht zurück nach Kassel. Damals habe er das traurigste Foto seines Lebens gemacht, hat er immer wieder erzählt. Mit Kreide hatte damals sein älterer Bruder auf einen schwarzen Stein geschrieben, dass der Rest der Familie ums Leben gekommen sei. Vater, Mutter und Schwester - alle gestorben in der Bombennacht. Dieses Erlebnis wurde für Hans Germandi zur Triebfeder.

Erinnerung als Trauerarbeit

Es war seine Form der Trauerarbeit, so viele Bilder wie möglich vom alten Kassel zu sammeln. Sein Vater hatte ihn schon als kleinen Jungen bei seinen Spaziergängen durch die Altstadt mitgenommen und ihm alles erzählt, was er wusste. Hans Germandi hat das sein Leben lang nicht vergessen.

Als Chronist des alten Kassels wurde er zur Legende. Bei ungezählten Vorträgen in Vereinsheimen, Schulen und Kirchen hat er seine Bilder gezeigt und die Geschichten dazu als Zeitzeuge vermittelt.

Hans Germandi war gelernter Tischler und hat beim Wiederaufbau Kassels tatkräftig mitgearbeitet. An der Abendschule qualifizierte er sich zum Bautechniker. Seine spätere Frau Gretel kannte er schon aus gemeinsamen Sandkastentagen. Er wuchs in der Kastenalsgasse auf, sie einen Steinwurf entfernt in der Mittelgasse. Sie heirateten 1951, wenig später kamen die Söhne Karl-Heinz und Jürgen zur Welt.

Vielfach geehrt

Hans Germandi hat über viele Jahre Material für seine Vorträge gesammelt. Er wollte die Erinnerung an das alte Kassel wachhalten, jüngeren Menschen ein Gefühl dafür vermitteln, was damals verloren ging. Für seine Verdienste ist er unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Wappenring der Stadt Kassel ausgezeichnet worden. Hans Germandi war froh und stolz, dass die Universitätsbibliothek seine wichtigsten Vorträge in ihrem Archiv gespeichert hat. „Das weiß doch sonst keiner mehr“, hat er immer wieder gesagt.

Von Thomas Siemon

Videos: Hans Germandi berichtet über die Bombennacht '43 und den Zweiten Weltkrieg in Kassel

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Rubriklistenbild: © Berger

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