Eine Nacht im A7 und der Goldgrube

Club-Sterben - Darum machen Kasseler lieber Party auf der Kreuzfahrt

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Das A7 in Bettenhausen ist die einzige Großraumdisco in Kassel.

In Kassel herrscht die Angst: Club-Sterben ist das heiße Thema. Kann man nur noch auf der Kreuzfahrt Party machen oder gibt es in Kassel noch gute Alternativen?

  • Nach dem Aus dem Musiktheaters in Kassel steht die Frage nach demClub-Sterben wieder im Zentrum.
  • Goldgrube, Club 22, Papagayoo usw.: „Wir sterben nicht“.
  • Manche machen lieber auf der Kreuzfahrt Party statt im Club.

Mit dem Aus des Musiktheaters geht das Club-Sterben in Kassel weiter. Angeblich gehen immer weniger junge Leute weg. Wir haben uns am Samstagnacht in zwei Clubs umgesehen.

Zwölf Tage nachdem das Musiktheater für immer zugemacht hat, lebt der Kasseler Club in einem Keller an der Eisenschmiede weiter. Dort haben die Betreiber der Goldgrube einen Teil der ehemaligen MT-Theke aufgebaut. Das Holzmöbel steht nun am Eingang, wo Mitarbeiter Frank Niebergall den Eintritt kassiert.

„Wir sterben nicht“: Clubs in Kassel wollen überleben

Die Weiterverwendung der Einrichtung aus dem MT, das gerade zur Lagerhalle umgebaut wird, ist ein schönes Symbol für dasClub-Sterben in Kassel. Immer mehr Läden machen dicht, aber irgendwie muss es ja weitergehen. „Wir sterben nicht“, verspricht Niebergall.

Das plötzliche Aus des MT hat den 43-Jährigen ebenso überrascht wie die meisten anderen in der Stadt. Mit seinen Kollegen von der Moshpit Crew hat er am 30. Dezember die letzte Veranstaltung im MT veranstaltet, den Auftritt der Hardcore-Band Ryker’s. Konzerte dieser Größe wird es nun nicht mehr geben in der Stadt.

Dennoch sagt er: „Wir hoffen, dass wir profitieren können.“ Zuletzt gab es in der Goldgrube eine Party, zu der viele neue Leute kamen. Einige sagten: „Wir kannten euren Laden gar nicht.“

Qual der Wahl in Kassel - trotz weniger Konzerten

An diesem Samstag ist der Keller-Club mit 150 Besuchern rappelvoll. Punks mit Iro, Stadtverordnete der Linken und 60-Jährige aus der Kunstszene feiern die Indie-Band Pari Pari. Die Luft ist heiß und feucht, der Sound scheppert, und jeder spürt die Energie im Raum. So muss ein Konzert sein. Leider gibt es in Kassel immer weniger davon.

Trotzdem ist in dieser Samstagnacht immer noch viel los. Kulturdezernentin Susanne Völker hört von Bekannten oft den Satz: „In Kassel passiert so viel, dass ich gar nicht weiß, wo ich hingehen soll.“ Auch die Club-Gänger haben die Qual der Wahl.

In der Friedrich-Ebert-Straße haben sich um 1 Uhr vor dem Club 22 und dem Papagayoo lange Schlangen gebildet. Im Theaterstübchen gibt es „Disco für Erwachsene“, das Unten in der Wolfhager Straße macht „Tschakalakka Bum-Tschak“, und auch im Kleinen Onkel am Hauptfriedhof läuft Techno.

Totgesagte leben länger? Das A7 in Kassel

Die meisten dieser Clubs sind so etwas wie Nischen-Shows im Spartenkanal, dagegen ist das A7 das „Wetten, dass ..?“. Beide, die Samstagabendshow und die Großraumdisco, wurden schon früher oft totgesagt.

„Wetten, dass ..?“ ist tatsächlich Geschichte. Aber der Musikpark in Bettenhausen lebt und das nicht schlecht, wenn man Geschäftsführer Ingo Zitzelsberger glaubt.

Seit er das A7 im Dezember 2018 übernommen hat, sind die Besucherzahlen gestiegen. An einem normalen Samstag strömen 1300 zumeist junge Menschen in die „Nachterlebniswelt“, wie der Laden für die Kernzielgruppe der 18- bis 25-Jährigen beworben wird. Viele der Autos auf dem Parkplatz kommen aus „HR“, „ESW“ oder „KB“.

Musik für alle Geschmacksrichtungen - Ein großer Club statt vielen kleinen?

„Hier gibt es Musik für alle Geschmacksrichtungen“, sagt Nils Wenzel aus Reinhardshagen. Früher war der angehende Landwirt jedes Wochenende im A7.

Mittlerweile geht der 20-Jährige seltener aus – nicht, weil er zu Hause Serien schaut, sondern wegen der Arbeit: „Aber wenn ich feiern will, gehe ich hierhin.“

Im A7 kann er fast alles haben. In der Mausefalle laufen „Johnny Däpp“ und andere Ballermann- und Schlager-Hits. Auf den beiden anderen Dancefloors tanzen die Besucher zu Lady Gaga, Black Music, Deutsch-Rap und Techno. Früher hatte jeder Musik-Stil in der Stadt seinen eigenen Club, heute läuft alles in einem.

„Auf der Kreuzfahrt machen wir sieben Tage die Woche Party.“

„Das A7 ist ein guter Kompromiss“, sagt ein Student. Seine Freundin gesteht: „Man geht ins A7, weil es in Kassel sonst keine guten Clubs gibt.“ Bis um 5 Uhr morgens wird hier gefeiert – in der Hoffnung, dass genau heute „die eine Nacht passiert, die man niemals vergisst“. So wirbt das A7 für einen seiner nächsten Abende.

Die junge Frau, die in ihrer Stadt kaum mehr gute Clubs findet, hat die Hoffnung aufgegeben, diese eine Nacht in Kassel zu erleben: „Ich gehe nur noch selten weg und feier lieber im Urlaub. Auf der Kreuzfahrt machen wir sieben Tage die Woche Party.“

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Karl Börries, der Betreiber von York und Club 22, ist der Meinung, dass es kein Club-Sterben in Kassel gibt.

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