Wegen Corona in Kassel

Allein am Grab: Wie es sich anfühlt, in diesen Zeiten einen Angehörigen zu verlieren

Kassel: Wegen Corona allein am Grab - Beerdigung während der Krise
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Trauern unter strengen Regeln: Die Auflagen für eine Beerdigung sind von Friedhof zu Friedhof unterschiedlich.

In Kassel erzählt eine Frau davon, wie es sich anfühlt, während der Corona-Krise eine Angehörige zu verlieren. 

  • Corona-Krise in Kassel betrifft auch Friedhöfe
  • Beerdigungen dürfen nur im kleinen Rahmen abgehalten werden
  • Bericht einer Betroffenen über den Verlust einer Angehörigen

Kassel - Als unwirklich beschreibt sie das, was sie derzeit durchlebt. Unwirklich, irgendwie surreal. Immer wieder fallen diese Worte, wenn sie spricht. Karin Schmidt spricht leise, sie stockt. Es scheint, als müsse sie sich verdeutlichen, dass es kein Film ist, der gerade in ihrem Kopf abläuft, sondern alles tatsächlich passiert.

„Es sind dann eben nur wir fünf, die am Grab meiner Mutter stehen“, sagt die Kasselerin. Sie meint sich, ihren Mann und die drei Kinder. Rational kann Schmidt nachvollziehen, dass es so sein muss. „Aber es fühlt sich irgendwie nicht richtig an.“ Karin Schmidt heißt eigentlich anders, aber ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen.

Anfang April ist ihre Mutter mit 81 Jahren gestorben. Es ist die Zeit, als auch in Deutschland wegen des Coronavirus Kontaktsperren gerade beschlossen worden waren. Der Tod kam nicht plötzlich. Die Seniorin hatte Vorerkrankungen. Seit dem vergangenen Sommer lebte sie in einem Pflegeheim. Die 81-Jährige ist der erste Todesfall im Heim unter den neuen Regeln, wie es Schmidt nennt. „Ich durfte meine Mutter schon vorher nur noch eine Stunde am Tag besuchen“, erzählt sie. Als das Besuchsverbot kam, hat sie sich von ihrer Mutter verabschiedet und versucht, ihr zu erklären, dass sie sich in nächster Zeit nicht sehen werden.

Corona in Kassel: Ein letztes Wiedersehen unter strengen Hygienemaßnahmen

Die Seniorin litt an Demenz. „Ich glaube nicht, dass meine Mutter die ganze Situation mit Corona noch realisiert hat“, sagt Schmidt. Während des Besuchsverbotes hat sie manchmal vor dem Fenster gestanden, um zu sehen, ob ihre Mutter auf dem Platz im Aufenthaltsraum saß, auf dem sie immer gesessen hatte.

Die Pflegekräfte hatten Karin Schmidt versprochen, dass sie sich melden würden, wenn ihre Mutter einen guten Tag habe, sodass sie mit ihr telefonieren könnte. Wenige Tage später meldete sich das Heim allerdings, weil die Seniorin die Nahrung verweigerte und bereits stark abgenommen hatte. Unter strengen Hygienemaßnahmen durfte Schmidt noch mal zu ihrer Mutter. „Ich hatte das Gefühl, dass sie mich noch wahrgenommen hat“, sagt sie. In der darauffolgenden Nacht starb ihre Mutter.

Karin Schmidt ist froh, dass sie sich noch verabschieden konnte. Viele andere hätten die Möglichkeit in diesen Tagen nicht. „Ich stehe hinter dem Besuchsverbot, aber ich glaube trotzdem, dass es meiner Mutter den Todesstoß gegeben hat“, sagt die Kasselerin. Ihre Mutter habe nicht verstanden, weshalb ihre Tochter sie nicht mehr besuche, das habe ihr den letzten Lebenswillen genommen. Vielleicht wäre es sonst nicht so schnell gegangen, sagt Schmidt.

Corona in Kassel: Beerdigung unter besonderen Bedingungen

Zur Beerdigung in die Friedhofshalle in Harleshausen im Landkreis Kassel hätten 35 Personen kommen können, um von ihrer Mutter Abschied zu nehmen. Für Karin Schmidt ist klar: Das will sie nicht. Es wären vorwiegend ältere Menschen zur Beerdigung gekommen. Das wäre unverantwortlich: „Man kann nicht sagen, ältere Menschen sollen zu Hause bleiben, um sich zu schützen, und sie dann zu einer Beerdigung einladen.“

Sieht aus wie immer: Blumen und Kränze sind möglich, aber nicht in jedem Fall darf man an der Trauerfeier teilnehmen.

Viele hätten ihr gesagt, dass sie es sehr bedauern, sich nicht so verabschieden zu können, wie sie das gern getan hätten. Eben die Freunde vom Stammtisch oder der Wandergruppe, mit denen ihre Mutter über Jahre viel Zeit verbracht hat. Einige wollen jetzt später zum Grab gehen und ihr dort gedenken. Auch sie sagen, es fühle sich besonders in so einer emotionalen Situation falsch an.

Dass sie mit der Situation hadert, das will Karin Schmidt nicht sagen. Auch die Beerdigung zu verschieben, kam für sie nicht infrage. „Es muss einen Abschluss geben, und den wollte ich nicht hinauszögern“, sagt sie. Oftmals denkt Schmidt in diesen Tagen an den Tod ihres Vaters vor fünf Jahren. Es war ein viel intensiveres Abschiednehmen, erinnert sie sich. „Aber man muss das in diesen Tagen so annehmen“, sagt sie. „Ich habe den Tod meiner Mutter jetzt akzeptiert.“

Von Kathrin Meyer

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