112 Menschen sind positiv getestet worden 

Corona-Ausbruch in Flüchtlingsheim in Kassel: Mediziner kritisieren Zustände

Flüchtlingseinrichtung in Niederzwehren
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Flüchtlingseinrichtung in Niederzwehren: Hier leben derzeit mehr als 300 Flüchtlinge, mehr als ein Drittel hat Corona.

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Kassel-Niederzwehren sind 112 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Kritik an den Zuständen hatte es schon früh gegeben.

Kassel – Dr. Helmuth Greger, Ursula Maaßen und Ernst Georg Eberhardt wollen keine Ankläger sein, aber sie haben ein klares Anliegen: Der Allgemeinmediziner und die beiden Vorstandsmitglieder des Psychosozialen Zentrums für Geflüchtete möchten auf die Zustände in der Erstaufnahmeunterkunft in Niederzwehren aufmerksam machen, die gerade für Schlagzeilen sorgt. Mittlerweile sind 112 Menschen dort positiv auf das Coronavirus getestet worden. Insgesamt befinden sich 301 Bewohner in Quarantäne.

Die Situation hätte womöglich vermieden werden können, wenn das zuständige Regierungspräsidium Gießen (RP) besser mit Greger und seinen Kollegen kommuniziert hätte. Immer wieder – so sagen sie es – hätten sie seit Beginn der Corona-Pandemie einen Notfallplan eingefordert. „Es gab keinen Krisenplan“, sagt Maaßen, „dabei wissen wir seit März, dass es Corona gibt.“

Als Anfang Oktober der erste Covid-Fall bei einer freiwilligen Helferin auftrat und in der Folge mehr als ein Dutzend Bewohner in Quarantäne mussten, hätten sie sich mehrfach für die Verlegung der Betroffenen an einen anderen Ort ausgesprochen.

Die Einrichtung neben der Bereitschaftspolizei an der Frankfurter Straße halten alle drei Mediziner während einer Pandemie für suboptimal. Das hat mit den Gegebenheiten vor Ort zu tun, wie sie sie beschreiben: In einem einzigen Gebäude wohnen hier demnach mehr als 300 Menschen – Einzelpersonen, Paare und Familien mit insgesamt mehr als 50 Kindern. Sie sind in Zimmern mit Stockbetten untergebracht. In der Regel schlafen fünf bis sechs Personen in einem Raum. Die Sanitäreinrichtungen befinden sich in separaten Containern.

Die Menschen kommen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Nigeria, Türkei und vielen afrikanischen Ländern. In der Regel läuft das Zusammenleben friedlich ab. Laut dem Psychologen Eberhardt ist es „sehr respektvoll und nahezu liebevoll“. Auch als die Pandemie ausbrach, blieb alles ruhig. Maaßen findet das bemerkenswert, denn die Menschen haben in ihren Heimatländern und auf der Flucht „traumatisierende Erfahrungen“ gemacht.

Allerdings war es wohl schwierig, ihnen die Abstandsregeln und die Maskenpflicht zu vermitteln. Greger gab immer wieder eine Art Hygienekurs, um die Menschen für den Umgang mit dem Virus zu sensibilisieren – mit überschaubarem Erfolg. Offensichtlich gab es auch unterschiedliche Vorgaben. Laut anderen Kennern der Einrichtung soll manchen Mitarbeitern empfohlen worden sein, keinen Mundschutz zu tragen, um die Bewohner nicht zusätzlich zu verunsichern. So hätten Mitarbeiter bei der Essensausgabe noch bis vor wenigen Tagen keinen Mund-Nasen-Schutz aufgehabt. Für die Bewohner galt keine Maskenpflicht, wie Maaßen sagt.

Als es den ersten Corona-Fall gab, wurde laut Greger eine Isolierstation eingerichtet. Allerdings „geben es die Räumlichkeiten nicht her, dass die Infizierten wirklich getrennt werden“. Etwa auf dem Weg zu den Sanitäranlagen seien sich die Menschen nach wie vor begegnet. Zudem sollen einige Bewohner auch danach noch über den Zaun gesprungen sein, der das Gelände abgrenzt. Mittlerweile werde die Unterkunft nicht nur von einer Security-Firma, sondern auch von Polizisten bewacht.

Die Leiterin der Einrichtung wird von den Medizinern gelobt. Gegenüber der HNA wollte sie sich nicht zu den Zuständen äußern. Sie verweist auf das Regierungspräsidium in Gießen, das mittlerweile für alle hessischen Flüchtlingseinrichtungen verantwortlich ist. Die Kommunikation mit den Verantwortlichen in Mittelhessen findet laut Greger kaum statt.

Kümmerten sich um Flüchtlinge in Niederzwehren: Allgemeinmediziner Helmuth Greger (von links) und Ernst Georg Eberhardt sowie Ursula Maaßen vom Psychosozialen Zentrum für Geflüchtete.

Ein Sprecher des RP bestreitet dies. Es gebe einen regelmäßigen Austausch. Eine Verlegung der infizierten Personen, wie sie die drei Kasseler Mediziner mehrmals vorgeschlagen haben, sei deshalb nicht infrage gekommen, „da dadurch neue Infektionsketten ausgelöst werden könnten“.

Auch die Kritik an der Einrichtung kann man in Gießen nicht verstehen. Da „von 480 zur Verfügung stehenden Plätzen nur 300 belegt wurden, kann auch hier eine adäquate Unterbringung gewährleistet werden“. Derzeit werden die infizierten Bewohner „separiert“, wie es im Amtsdeutsch heißt: „Bis zum jeweiligen Umzug müssen die Bewohner in ihren Zimmern bleiben.“

Wie es den Menschen geht, um die sie sich gekümmert haben, wissen Greger, Maaßen und Erhardt nicht. Sie waren seit einigen Tagen nicht mehr in der Flüchtlingsunterkunft. Fragen dazu beantwortet auch die Leiterin nicht. Andere Mitarbeiter haben offensichtlich einen Maulkorb bekommen. Niemand äußert sich.

Die gute Nachricht ist aber, dass sämtlich infizierte Bewohner „bisher nur milde oder gar keine Symptome aufweisen“, wie der RP-Sprecher sagt. Niemand musste im Krankenhaus versorgt werden.

Kritiker der Zustände in der Einrichtung, die wegen des offensichtlich aufgebauten Drucks anonym bleiben wollen, kann das trotzdem nicht überzeugen. „Es ist tragisch, dass nun eine ganze Stadt darunter zu leiden hat“, hört man von ihnen.

Die Kasseler Mediziner wollen mit ihrer Arbeit weitermachen, wenn die Quarantäne vorbei ist. „Wir sind alle 60 plus und haben Risikofaktoren“, sagt Greger, „aber wir halten das für eine humanitäre Aufgabe.“ (Von Florian Hagemann und Matthias Lohr)

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