Kassel

Geschäftsbetreiber nach Corona-Demo von Querdenkern: „Das ist einfach unanständig“

Menschenmenge auf dem Friedrichsplatz
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Menschenmenge auf dem Friedrichsplatz: Viele Demo-Teilnehmer nutzten die Versorgungsmöglichkeiten und Toiletten in der nahen Königs-Galerie – mit unschönen Auswüchsen, wie die Betreiber berichten.

In manchen Geschäften und Lokalen der Innenstadt ist es bei der Corona-Demo der selbsternannten Querdenker zu heiklen Situationen und unschönen Szenen gekommen.

Kassel – Der Samstag der Kasseler Corona-Demo wird Ladenbetreibern und Gastronomen im Zentrum noch lange in Erinnerung bleiben. Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.

Königs-Galerie: In der Königs-Galerie am Friedrichsplatz drängte sich ab Samstagnachmittag eine ständig wachsende Menge von Kundgebungsteilnehmern, berichtet Centermanager Heinz Schäffer am Montag: Offenbar habe es sich auf dem dicht bevölkerten Friedrichsplatz herumgesprochen, dass man in der Galerie die Toiletten benutzen und gleich auch Getränke und Imbisse kaufen kann. Wie im Netz geteilte Videos zeigen, ließen sich die Menschen massenhaft und maskenlos zur Demo-Pause an den eigentlich gesperrten Gastro-Tischen im Untergeschoss nieder. Schlachtgesänge wie im Stadion wurden angestimmt.

Corona-Demo in Kassel: In diverse Treppenhäuser uriniert

Ab etwa 16 Uhr ist die Stimmung laut Schäffer „zunehmend laut und aggressiv“ geworden. Gastronomie- und Ladenbetreiber seien harsch angegangen worden, ihre Masken abzulegen – wohl mit der Absicht, die Einkaufsgalerie auf Videos als eine Art befreites Gebiet zu präsentieren. Auch Gegendemonstranten seien im Haus gewesen, an mehreren Stellen sei es zu Rangeleien gekommen.

Schäffer erzählt, wie er eine weinende Verkaufsmitarbeiterin trösten musste, die mit einem Getränkebecher beworfen worden sei. Und dass in diverse Treppenhäuser und Flure uriniert worden sei. Der Galeriemanager ist empört vom Verhalten der Horde in seinem Haus: Er habe grundsätzlich viel Sympathie dafür, dass man für seine Rechte und Freiheiten auf die Straße geht. „Aber so verhält man sich nicht. Das ist einfach unanständig.“

Corona-Demo in Kassel: Galerie mit Polizei geräumt

Besonders empört ist Schäffer, dass die Königs-Galerie in Social-Media-Videos bezichtigt wird, das Geschäft von „Querdenker“-Pöblern zu besorgen. In den im Netz geteilten Videos wird behauptet, es habe Lautsprecherdurchsagen gegeben, bei denen sich die Galerie-Leitung selbst mit ordinären Worten gegen die Maskenpflicht und gegen Corona-Tests positioniert habe. „Eine Lüge“, sei es aus Fahrlässigkeit oder Berechnung, sagt Schäffer: Es seien die Demonstranten gewesen, die per mitgebrachtem Megafon solche Parolen im Haus ausgerufen hätten. Auf ihrer Website hat sich die Leitung der Königs-Galerie von diesen Anschuldigungen distanziert.

Gegen 17 Uhr wusste sich Schäffer nicht anders zu helfen, als die Polizei zu rufen. Die Beamten hätten gemeinsam mit den hauseigenen Kräften die Galerie geräumt und dann gegen 18 Uhr geschlossen. Am Sonntag dann inspizierte Manager Schäffer die Hinterlassenschaften und Beschädigungen im Haus: „Ich habe ein Schlachtfeld vorgefunden“, sagt er.

Corona-Demo in Kassel: City-Point verstärkte Wachpersonal erheblich

City-Point: Für das Management und die Geschäftsbetreiber im City-Point am Königsplatz hatte der Demonstranten-Auftrieb hingegen kaum Auswirkungen, berichtet Centermanagerin Jessica Reinhardt: „Wir hatten uns gut vorbereitet und unser Wachpersonal an den Eingängen sowie im Haus erheblich verstärkt.“

Das hat sich offenbar bezahlt gemacht: Wer sich nicht an die Maskenpflicht halten mochte oder nach Ärger aussah, wurde in die Einkaufsgalerie gar nicht erst eingelassen. So habe es auch im Inneren für die Sicherheitskräfte „keinen großen Einsatzbedarf“ gegeben, sagt Reinhardt. Das Publikumsaufkommen im City-Point sei etwas geringer gewesen als an vergleichbaren Samstagen üblich, alles sei friedlich abgelaufen. „Wir sind froh, dass wir unseren Kunden und Mietpartnern jederzeit eine sichere Einkaufsatmosphäre gewährleisten konnten“, sagt die City-Point-Managerin.

Corona-Demo in Kassel: Lage am Stadtcafé spitzte sich zu

Stadtcafé: Im Stadtcafé an der Treppenstraße war Mitinhaber Alexander Palupski am Samstagvormittag zunächst froh darüber, dass seine Mitnahme-Angebote gut nachgefragt wurden. Immer wieder holten sich Leute einen Kaffee für unterwegs, mit Maske und mit Abstand. Dann aber, so ab Mittag, habe sich die Lage zugespitzt: „Hätte ich geahnt, wie das weitergeht, hätte ich gar nicht erst aufgemacht“, sagt Palupski.

Bald wuchs die Schlange vor dem Tresen bis auf die Treppenstraße hinaus. Drinnen machten es sich die Leute an den Cafétischen bequem – dass das derzeit nicht gestattet ist, war der Menschenmenge schnell ebenso egal wie Abstandsregeln und Maskenpflicht. Die Hinweise, die er dazu anfangs noch gab, seien recht zügig ins Leere gelaufen, erzählt Palupski, der der großen Kundenschar mit einer Kollegin zu zweit gegenüberstand.

Corona-Demo in Kassel: Betreiber wurde mulmig zu Mute

Da werde es einem schon mulmig, räumt der Cafébetreiber ein. „Das ist so eine dynamische Situation und es ist auch nicht möglich, mit diesen Leuten zu reden.“ Das Café sei voll mit Demostranten gewesen, die „ihre Parolen gesungen“ hätten. Palupski: „Wir haben recht schnell gemerkt, dass wir die Kontrolle verlieren.“

Er habe sich dann ratsuchend an Polizisten gewendet, die an der Ecke zur Königsstraße standen: „Die haben gesagt, dass sie da auch nichts machen können.“ Also zogen die Cafébetreiber gegen 15 Uhr die Reißleine, schlossen die Ladentür ab und geleiteten die letzten Kunden durch den Notausgang hinaus. „Wenn ich da nicht an der Tür gestanden hätte“, so Alexander Palupski, „wären immer neue Leute in den Laden gekommen.“

Corona-Demo in Kassel: Buchladen deutlich leererer geblieben

Buchhandlung Thalia: Andere Innenstadtgeschäfte blieben von dem Kundgebungstrubel eher verschont als Kollegen, die Getränke, Snacks oder Kundentoiletten bieten. Bei der Buchhandlung Thalia war es laut Filialleiterin Astrid Schmitt „deutlich leerer“ als an vergleichbaren Samstagen und auch als an manchen Wochentagen. Wer zu so einer Demo fahre, habe eben anderes im Sinn, als sich mit Lesestoff einzudecken, sagt Schmitt.

Dennoch habe sie Vorsorge getroffen und eigens für Samstag zwei Sicherheitskräfte für den Ladenzugang rekrutiert. „Ich bin froh, dass wir das gemacht haben“ – allein wegen des Sicherheitsgefühls. Bei Thalia sei alles friedlich geblieben. Und auch die Mitarbeiter seien nach Geschäftsschluss gut nach Hause gekommen.

Beschwerden gab es auch von Anwohnern, die von den Corona-Kritikern bei der Demo in Kassel belästigt wurden - die „Querdenker“ sollen sogar Kinder angegriffen haben. Alle Neuigkeiten zu der Corona-Demo der Querdenker-Bewegung in Kassel finden Sie in unserem News-Ticker.

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