„Oft haben mir die Worte gefehlt“

Long Covid: Jugendliche aus Kassel konnte nach Corona-Infektion nicht mehr laufen

Mittlerweile geht es ihr wieder besser: Larissa B. (14) will nach Long Covid ab Montag wieder in die Schule gehen.
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Mittlerweile geht es ihr wieder besser: Larissa B. (14) will nach Long Covid ab Montag wieder in die Schule gehen.

Ein halbes Jahr nach ihrer Infektion mit dem Coronavirus erkrankte die Schülerin Larissa B. aus Kassel an Long Covid - sie konnte sogar nicht mehr laufen.

Kassel – Sie war eine erfolgreiche Reiterin, hat sehr gerne geturnt, ist Ski gelaufen und hat Golf gespielt. Larissa B. aus Kassel war immer ein sportliches und fittes Kind. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die heute 14-Jährige die Folgen ihrer Corona-Infektion zu spüren bekam. Über Monate musste die Schülerin sogar im Rollstuhl sitzen, weil sie nicht mehr laufen konnte.

„Wenn wir im Herbst 2020 das Wissen von heute gehabt hätten und es bereits einen Impfstoff für Kinder gegeben hätte, dann hätten wir Larissa sofort impfen lassen“, sagt ihre Mutter. Doch damals hieß es ja, dass eigentlich nur ältere Menschen schwerer an Corona erkranken können, sagt die Frau.

14-jährige Long-Covid-Patientin aus Kassel - die Infektion war hartnäckig

Bei wem sie sich mit dem Virus angesteckt hat, weiß Larissa bis heute nicht. Das Mädchen kam wegen einer anderen Erkrankung im November 2020 ins Krankenhaus. Dort wurde festgestellt, dass sie infiziert ist. „Ich hatte damals nur Geschmacks- und Geruchsverlust“, erzählt Larissa. Sie wurde aus dem Krankenhaus in die häusliche Quarantäne entlassen. Allerdings wollte die Infektion nicht so schnell verschwinden. Nach vier Wochen wurde sie immer noch positiv auf das Virus getestet.

Anfang 2021 schien dann wieder alles gut zu sein. Wegen der Vorerkrankung musste Larissa allerdings im April 2021 operiert werden. Nach der Operation tat ihr plötzlich der rechte Fuß weh. Im Mai habe sie deshalb nicht mehr laufen können. Es stellte sich heraus, dass Larissas Fuß nicht mehr durchblutet worden war und deshalb der Knochen abgestorben ist. Im Juni bekam das Mädchen dann eine Knochentransplantation.

Junge Long-Covid-Patientin aus Kassel - Ein Knochen musste transplantiert werden

Dass die Durchblutungsstörungen eine Folge der Corona-Infektion gewesen sein müssen, hätten die Ärzte durch Ausschlussdiagnostik festgestellt, sagt ihre Mutter. Rheuma oder Borreliose seien als Ursache ausgeschlossen worden. Zudem kam Larissa weitere zwölf Tage ins Krankenhaus, um auszuschließen, dass sie Krebs hat. Nichts sei festgestellt worden, sagt ihre Mutter.

Aber auch nach der Knochentransplantation kam Larissa nicht auf die Beine. Wenn sie versuchte, mit Krücken zu laufen, sei sie umgefallen. „Zum Glück hat sie sich bei den vielen Stürzen nichts gebrochen“, sagt die Mutter. Hinzu kamen typische Long-Covid-Symptome wie zum Beispiel Erschöpfung und Schwindelanfälle. „Ich konnte mich auch nicht gut konzentrieren, oft haben mir die Worte gefehlt“, sagt die 14-Jährige.

Auch eine gleichaltrige Freundin leidet unter Long Covid

Die nächsten Monate war Larissa deshalb auf den Rollstuhl angewiesen. Sie habe eine gleichaltrige Freundin, die ebenfalls unter Long Covid leidet, erzählt Larissa. Mit der konnte sie sich austauschen. Die Freundin habe allerdings nicht die Durchblutungsstörungen gehabt und leide auch nicht an Muskelschwäche. Solche Störungen seien sehr selten, sagt Larissas Mutter.

Die kompletten Befunde ihrer Tochter hat die Frau an einen Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin geschickt. Der Mediziner hat sich auf Neuropädiatrie spezialisiert und beschäftigt sich damit, warum Kinder und junge Menschen nach einer Corona-Infektion solche Langzeitfolgen haben können.

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14-Jährige aus Kassel - ihre Symptome sind typisch für Long Covid

Die Beschwerden von Larissa würden zu den typischen Long-Covid-Symptomen passen, habe der Facharzt zu ihr am Telefon gesagt, so die Mutter. Sie setzt darauf, dass ihre Tochter bald in der Covid-Ambulanz behandelt werden kann, die sich am Klinikum Kassel im Aufbau befinden soll.

Dort wollen sich Larissa und ihre Eltern dann auch beraten lassen, ob es sinnvoll ist, dass sie zeitnah gegen Corona geimpft wird. Weil die Zahl der Antikörper bei Larissa noch sehr hoch sei, habe man sich bislang noch nicht dazu entschieden, sagt die Mutter. „Ich weiß ja nicht, was das in ihrem Körper anrichtet.“

14-Jährige leidet an Long Covid - Sie leidet auch unter Nicht-Akzeptanz im Umfeld

Larissa musste bislang nicht nur unter den körperlichen Einschränkungen leiden. Leute aus ihrem Umfeld haben ihr auch schon gesagt, dass sie doch eigentlich ganz gesund aussehen würde und sich deshalb nicht so anstellen solle. Von daher habe ihr es sehr gutgetan, dass Anfang Dezember eine Reportage von Eckart von Hirschhausen über Long Covid in der ARD ausgestrahlt worden ist. „Die Leute in der Sendung haben mir aus der Seele gesprochen“, sagt die 14-Jährige. Genauso sei es ihr ergangen. Für die Reportage hatte der Arzt und Moderator zwei Tage in einer spezialisierten Corona-Reha-Klinik in Heiligendamm verbracht und eine Kinderstation der Universitätsklinik in Jena besucht.

Larissa hofft indes, dass sie nicht mehr ins Krankenhaus muss. Aufgrund der Corona-Bestimmungen konnte sie ja auch keinen beziehungsweise nur ganz wenig Besuch empfangen. So allein will sie nicht mehr sein müssen. In den Monaten zu Hause hätten ihr die Haustiere, zwei Hunde, Katze und Hamster, viel Kraft gegeben. „Und meine Mutter“, sagt die 14-Jährige.

Vor einem Jahr: Anfang 2021 konnte Larissa B. noch unbeschwert reiten gehen - zwischenzeitlich ging es gar nicht.

14-Jährige aus Kassel mit Long Covid - Langsam wird es besser

Seitdem sie wieder laufen kann, konnte sie auch bereits mehrfach ihre beiden Pferde wieder besuchen. Und ist schon wieder geritten. Worauf sich Larissa 2022 besonders freut: Sie darf bei der Pferdemesse Horsica, die im September in den Kasseler Messehallen stattfindet, bei der Youngsters-Trophy mitreiten. Und sie hofft, dass es auch mit dem Schulbesuch wieder klappt. Nach Monaten will sie ab Montag wieder die Ahnatalschule in Vellmar besuchen. Dort war sie vor den Herbstferien zum letzten Mal.

Wofür Larissa kein Verständnis hat, sind hingegen Menschen, die Corona leugnen oder verharmlosen. „Ich finde es nicht gerade harmlos. Viele Menschen sind auch daran gestorben.“ (Ulrike Pflüger-Scherb)

Neben der Impf-Empfehlung für Kinder und Jugendliche von elf bis 18 Jahren hat die Stiko auch eine Empfehlung für Kinder ab 5 Jahren mit Vorerkrankungen abgegeben.

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