Britischer „Guardian“ berichtet über nordhessische „Querdenker“

Querdenker: Führen „Freie Bürger Kassel“ weltweite Corona-Proteste an?

Gegenprotest: Szene vom Samstag (24.07.2021), als „Querdenker“ in Kassel auf die Straße wollten. Die verbotene Versammlung sollte Teil eines weltweiten Demonstrationstags sein.
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Gegenprotest: Szene vom Samstag (24.07.2021), als „Querdenker“ in Kassel auf die Straße wollten. Die verbotene Versammlung sollte Teil eines weltweiten Demonstrationstags sein.

Mehrmals schon haben die „Freien Bürger Kassel“ zu weltweiten Protesten aufgerufen. Laut Medienberichten sollen sie international eine führende Rolle bei den „Querdenkern“ spielen.

Kassel – Die für vergangenen Samstag (24.07.2021) geplante Querdenker-Demonstration der „Freien Bürger Kassel“ konnte wegen eines Verbots nicht stattfinden, dafür sorgten die nordhessischen „Querdenker“ dafür, dass 3000 Kritiker der Corona-Maßnahmen im australischen Sydney auf die Straße gingen. Dies legt eine Recherche der britischen Zeitung „Guardian“ nahe. Demnach mischen die „Freien Bürger Kassel“ federführend bei den weltweiten Protesten mit. Aber kann das wirklich sein?

„Eine konspirative Gruppe, die in Deutschland beheimatet ist, half mit, eine Reihe an Anti-Lockdown-Protesten in Australien zu organisieren“, heißt es im „Guardian“-Artikel über einen teils gewaltsamen Aufmarsch in Sydney, bei dem es zu 60 Festnahmen gekommen sein soll. Auch in anderen Städten des Landes kam es zu Demos. In Frankreich protestierten landesweit Tausende gegen die Corona-Maßnahmen.

„Freie Bürger Kassel“ - Aufruf zum weltweiten Querdenker-Aktionstag

Indizien für eine Beteiligung der „Freien Bürger Kassel“ sind der Hashtag „Worldwide Demonstrations“, mit dem auch die Nordhessen in sozialen Netzwerken für ihre Veranstaltungen werben. Bereits im Vorfeld des 20. März, als bei einer Corona-Demo 20.000 Demonstranten trotz Verbots durch Kassel marschierten, hatten sie einen weltweiten Aktionstag ausgerufen.

Damals sollten Bilder von den globalen Protesten auf der Schwanenwiese übertragen werden, wo eine legale Versammlung stattfand. Angeblich wegen technischer Probleme fiel das aus. Auch die Optik der weltweit verwendeten Werbebilder erinnert an Fotos, mit denen die „Freien Bürger“ ihre Anhänger mobilisieren.

Für den Experten Christopher Vogel reicht das jedoch nicht aus, um zu behaupten, die nordhessischen „Querdenker“ hätten weltweit eine führende Rolle bei den Protesten. „Darüber kann man nur spekulieren“, sagt der Mitarbeiter des Mobilen Beratungsteams gegen Rassismus und Rechtsextremismus, der die Bewegung schon lange beobachtet.

Verfassungsschutz registriert die Aktivitäten der „Freien Bürger Kassel“

Auch vom hessischen Verfassungsschutz gibt es keine eindeutige Antwort. Dort registriert man „aufmerksam“, dass die Kasseler Gruppierung „für Versammlungen außerhalb Deutschlands aufruft“, wie ein Sprecher mitteilt. An der Groß-Demo am 20. März hätten sich auch Rechtsextremisten beteiligt. Ein Beobachtungsobjekt seien die „Freien Bürger“ jedoch nicht.

Einer der „Freien Bürger“ bezeichnet den Bericht gegenüber unserer Zeitung als „krude Verschwörungstheorie“. Vertreter der Proteste in etlichen Ländern würden sich regelmäßig über Strategien und Termine abstimmen: „Aus Kassel und Umgebung kam lediglich die Idee, niemand übernimmt jedoch in irgendeiner Form dort eine Führungsrolle.“ Zugleich versichert er, dass man sich „mit aller Kraft gegen jede Form des Extremismus einsetze.

„Freie Bürger Kassel“ - Ist die Gruppierung „nach rechts offen“?

Vogel nimmt den Kasseler Organisatoren ab, dass sie „keine extrem Rechten sind. Sie sind politisch bislang nicht aufgetreten. Man weiß nicht, was sie wollen.“ Dennoch kritisiert er die Bewegung als „nach rechts offen“. Belege sind für ihn etwa ein Treffen des Stuttgarter „Querdenken“-Gründers Michael Ballweg mit einem Reichsbürger und der Auto-Korso am Freitag in Kassel: Dort wurden per Lautsprecher Verschwörungstheorien verbreitet, auch von Merkels Hinrichtung war die Rede.

Vogel glaubt, dass die Bewegung bei möglichen Lockdowns wieder Zulauf bekommen könnte: „Andernfalls suchen sich die ,Querdenker’ vielleicht ein anderes Thema, etwa das Leugnen des Klimawandels. Das macht mir Sorge.“

Sunny von den „Freien Bürgern“ hat schon ein neues Thema gefunden. Sie will in die Flutgebiete im Westen reisen, um dort zu helfen, wie sie bei Telegram ankündigte. Dort hatten „Querdenker“ zuletzt mit Falschmeldungen über abgezogene Einsatzkräfte die Wut der Menschen auf sich gezogen. (Matthias Lohr)

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