Appel ist aber skeptisch. Sein Sohn redet ihn nie mit „Papa“ an. In den vergangenen Jahren gab es auch schon einige Versuche des Telefonbetrugs bei ihm, und die Masche war immer ähnlich: Schockanruf. Appel antwortet also bewusst mit dem Namen seines Sohnes und spielt den Betrügern in die Karten. „Ich spiele das Spiel mal mit“, habe er sich gedacht.
Sein Sohn habe eine schwangere Radfahrerin angefahren, die dabei gestorben sei, teilt ihm am Telefon eine strenge Anwaltsstimme, wie er sie beschreibt, mit. Sein Sohn sitze nun in U-Haft und könne freikommen, sobald eine Kaution von 30.000 Euro bezahlt wurde.
Als die Betrüger ihn zu seiner Person befragen, macht sich Appel selbst zum idealen Opfer. Er macht sich fünf Jahre älter. Er erzählt, dass er schlecht hört und sieht und allein lebt.
Die Täter fordern ihn daraufhin auf, Bargeld von der Bank abzuheben und rufen ihm dafür ein Taxi. Appel aber ruft über sein Handy die Polizei, welche sich im Anschluss mit ihm in der Bank trifft und ihm weitere Anweisungen gibt.
Wieder zuhause angekommen, fordern ihn die Täter dazu auf, die Geldpäckchen laut zu zählen, die Nummern auf den Geldscheinen vorzulesen und seine IBAN-Nummer durchzugeben. Sie weisen ihn immer wieder auf seine angebliche Verschwiegenheit hin. Das Geld solle er nun im Amtsgericht einzahlen.
Da dieses aber geschlossen hat, würde ein Bediensteter des Amtsgerichts vorbeikommen und das Geld persönlich abholen. Als dieser dann bei Appel vorm Haus auftaucht, übergibt er der maskierten Person eine Tüte voller Papier. Die Polizei nimmt den Täter daraufhin fest. Dank Appels Engagement wurde der Täter laut Polizei mittlerweile zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.
Auch bei der 33-jährigen Sarah Kraft und dem 62-jährigen Ralf Bott, die in einer Filiale der Kasseler Sparkasse in der Leipziger Straße arbeiten, ereignete sich ein Telefonbetrufall. Eine 81-jährige Kundin betritt am 7. April 2022 die Sparkasse und möchte bei Kraft am Schalter 15.000 Euro in bar abheben.
Das Geld sei für die Anschaffung eines Autos. „Ich bin bei älteren Menschen hellhöriger geworden“, sagt Kraft. Es gab bereits mehrere Fälle von Telefonbetrug bei Kunden der Filiale, einmal hat es leider funktioniert. Sie spricht deshalb ihren Kollegen Ralf Bott, den Berater der Kundin, an.
Er bekommt nach einem Gespräch mit der Kundin heraus, dass sie zuvor von jemandem angerufen wurde. Ihre Tochter habe einen Unfall verursacht und man fordere nun 15.000 Euro Kaution von ihr. Sie haben ihr sogar die Geschichte mit dem Autokauf vorgegeben.
Nach einem Telefonat mit der echten Tochter der Kundin, hat sie ihre Mutter, die sehr aufgelöst wirkte, aus der Filiale abgeholt. Die Täter gingen leer aus.
Im Drogeriemarkt Rossmann an der Wittrockstraße konnte der 56-jährige Jörg Ruckert das Schlimmste verhindern. Er will gerade seinen Einkauf zahlen, als er an der gegenüberliegenden Kasse eine ältere Dame bemerkt, die für rund 2000 Euro Google-Play- Gutscheine kauft. Er vermutet sofort einen Telefonbetrug und spricht die 69-Jährige auf dem Weg nach draußen an.
Nachdem sie ein kurzes Telefonat in ihrem Auto führt, wendet sich die Frau erneut an Ruckert und berichtet ihm alles. Ein Mitarbeiter von Europol habe ihr am Telefon gesagt, dass mit dem Fahrzeug ihrer Tochter Drogen transportiert wurden und eine Kaution für ihre Tochter verlangt wird.
Sie habe schon Nummern von zwei Gutscheinkarten mit je 100 Euro Guthaben durchgegeben. Ruckert ruft die Polizei, die sich um alles weitere kümmert. Die Betrüger bekommen keine weiteren Nummern mitgeteilt. „Die Mutter meines Schwagers wäre auch fast auf so was reingefallen“, so Ruckert.