Mobiles Beratungsteam gegen Rechtsextremismus

Kassel ist keine Nazi-Hochburg! Ein Experte über die rechte Szene 

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Berüchtigter Kasseler Neonazi: So sah man den verurteilten Gewaltverbrecher Bernd T. (rechts) oft auf dem Friedrichsplatz (hier 2011). Mittlerweile lebt er in Schleswig-Holstein.

Christopher Vogel ist Teil des Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Im Interview spricht der Experte über den Fall Lübcke und Neonazis in Hessen. 

  • Experte warnt: Die rechte Szene ist gefährlich
  • Viele Leute engagieren sich gegen rechts
  • AfD habe ein Klima der Angst geschaffen

Jahrelang konnte jeder in das Büro des Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus und Rassismus (MBT) kommen. Die Tür im Kasseler Stadtteil Waldau stand immer offen. Im vergangenem Jahr, in dem der Regierungspräsident Walter Lübcke ermordet wurde, haben die Neonazi-Experten umgedacht. „Mittlerweile ist die Tür verschlossen. 

Wir müssen sie für Besucher nun erst per Knopf öffnen“, sagt Christopher Vogel. Er ist einer von vier Mitarbeitern des am Landkreis angesiedelten MBT, die Kommunen und Institutionen beim zivilgesellschaftlichen Kampf gegen rechts beraten. Wir haben mit ihm über den Fall Lübcke und Neonazis in Nordhessen gesprochen. 

Inwiefern hat der Mord an Walter Lübcke das Land verändert?

Sein Tod hat noch einmal gezeigt, wie gefährlich die rechte Szene ist. Der gesellschaftliche Diskurs ist sehr viel zugespitzter geworden. Die extreme Rechte hatte von jeher den Anspruch, das auszuführen, was die schweigende Mehrheit angeblich denkt. 

Und fast die Hälfte der Bevölkerung stimmt einzelnen menschenfeindlichen Aussagen zu, wie Umfragen zeigen. Jemand wie Stephan Ernst hätte nicht zur Waffe gegriffen, wenn andere das nicht klammheimlich beklatschen würden. 

Starkes Zeichen: 10 000 Menschen stellten sich am 20.07.2019 der Demo der Partei "Die Rechte" in den Weg. Auch für den Experten Christopher Vogel war das ein wichtiges Zeichen: "Wir brauchen einen Aufstand von allen".

Das klingt sehr ernüchternd. 

Ja, aber es gibt auch positive Aspekte unserer Arbeit. Es gibt ein wahnsinniges Engagement gegen rechts. Das haben wir in unserer 16-jährigen Arbeit noch nicht erlebt. Es melden sich Menschen und Organisationen bei uns, mit denen wir noch nie zu tun hatten. 

Wir werden vermehrt auf Podien eingeladen. Jede Veranstaltung ist wahnsinnig gut besucht. Viele spenden Geld. Und die Leute fragen uns: „Was kann ich jetzt im Alltag tun?“ 

Was kann denn jeder im Alltag tun? 

Es gibt so viele Initiativen, Vereine und Parteien, bei denen man sich engagieren kann. Und es geht auch darum, im Alltag den Mund aufzumachen und zu widersprechen, wenn zum Beispiel in der WhatsApp-Gruppe Stimmung gegen Minderheiten gemacht wird. 

Ich fand auch die beiden Demonstrationen in Kassel unglaublich beeindruckend – einmal zum Gedenken an Walter Lübcke, einmal gegen den Aufmarsch der Partei Die Rechte. Wann waren in Kassel mal so viele Menschen auf der Straße? 

Trotzdem ist Kassel für manche nun eine Hochburg der Rechten. 

Nein, Kassel ist keine Nazi-Hochburg. Ich halte das für eine populistische These. Es gibt in der Stadt nur wenige Orte, an denen sich Rechtsextreme offen zeigen können, ohne auf Widerspruch zu treffen. Das ist vielleicht in der einen oder anderen Kneipe möglich. 

In Dortmund hingegen gibt es mit Dorstfeld ein ganzes Viertel, in dem die Nazis sagen: „Das ist unser Kiez.“ Und in Ostdeutschland würden mir einige Orte einfallen, an denen man mit dunkler Hautfarbe oder bunten Haaren lieber nicht unterwegs sein sollte. 

Trotzdem wurde in Kassel nach dem Mord an Halit Yozgat durch den NSU nun schon zum zweiten Mal ein Mensch durch Neonazis getötet. 

Das stimmt. Ich weiß nicht, warum diese Morde ausgerechnet hier passiert sind. Man muss davon ausgehen, dass es in Kassel ein Unterstützernetzwerk* für den NSU gab. Heimische Neonazis haben den Terroristen mit ziemlicher Sicherheit Hinweise gegeben. 

Aber diese Leute kennt man bis heute nicht. Vielleicht hat das dazu geführt, dass sich die Szene in Nordhessen unverletzbar fühlte. Nach allem, was nach der Aufdeckung des NSU passiert oder besser gesagt nicht passiert ist, haben sich die Rechten womöglich gesagt: „Die können uns eh nichts.“ 

Christopher Vogel arbeitet beim Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus und Rassismus.

Für die Behörden ist es auch schwieriger geworden, sie zu beobachten. Das stimmt. Vieles spielt sich nun in der Online-Welt ab. Früher trafen sich die Rechten etwa in Kameradschaften. Die spielen gar keine Rollen mehr. Dafür gibt es lose Netzwerke, die nicht öffentlich miteinander kommunizieren. 

Man tauscht sich über WhatsApp-Gruppen oder die russische Facebook-Alternative VK aus. Auch Instagram und Youtube sind wichtig. Neonazis kommunizieren über dieselben Kanäle wie wir auch. 

Sie hören aber mitunter Musik, die andere nicht hören. Auch wenn man bei Beate Zschäpe U2-Platten gefunden hat. 

Die Rechtsrock-Szene spielt weiterhin eine große Rolle, vor allem zur Rekrutierung des Nachwuchses. Aber Konzerte gibt es in Kassel kaum. Die nordhessischen Neonazis fahren lieber nach Thüringen. Zudem wird Kampfsport bei Rechten immer beliebter. 

Viele Neonazis trainieren in ganz normalen Fitnessstudios. Der Körperkult hat in der Szene immer schon eine große Rolle gespielt. Man muss sich ja auf den Straßenkampf vorbereiten. 

Gibt es bestimmte Treffpunkte in der Stadt? 

Es gibt einige Kneipen, die bei Neonazis beliebt sind. Früher sah man den verurteilten Schwerverbrecher Bernd T.* mit seinen Gefolgsleuten häufig auf dem Friedrichsplatz oder in der Nordstadt. 

Aber seitdem er wieder nach Schleswig-Holstein gezogen ist, tritt die Szene dort auch nicht mehr öffentlich auf. Dafür trifft man einige im Auestadion. Es gibt beispielsweise eine Schnittmenge zur Hooligan-Szene des KSV Hessen. 

Welche Bedeutung hat die AfD für die Rechtsradikalen? 

Sie hat ein Klima der Angst geschaffen, durch das sich Neonazis bestätigt fühlen. Daran sind auch Politiker von anderen Parteien beteiligt, die den Rechtspopulisten hinterherlaufen. Zum Beispiel die CSU, die sich zeitweise für eine härtere Flüchtlingspolitik einsetzte. Viele Leute denken dadurch, die Flüchtlinge seien unser größtes Problem. 

Wenn man bei den Menschen aber nachfragt, sorgen sie sich um ganz andere Dinge: die Rente, die Infrastruktur im ländlichen Raum, ihre Gesundheitsvorsorge, marode Schulen. Diese Probleme sollte die Politik lösen, statt der AfD zu noch mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, indem sie ständig deren Provokationen aufgreift. 

Was macht Ihnen nach diesem Jahr noch Hoffnung, dass die Spaltung der Gesellschaft nicht noch größer wird? 

Zum Beispiel der 20. Juli, als sich in Kassel 10.000 anständige Menschen den 150 Demonstranten der Partei Die Rechte in den Weg gestellt haben. Zu so etwas wären die Rechten nie in der Lage gewesen. 

Die große Mehrheit der Deutschen ist stolz auf das Grundgesetz und dessen Werte. Sie möchte in einer offenen Gesellschaft leben, ist aber nicht so laut, wie es die Rechten sind. Darum braucht es ein Aufstehen von allen.

Mehr Infos zum Mobilen Beratungsteam gegen Rassismus und Rechtsextremismus: www.mbt-hessen.org

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Von Matthias Lohr

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