„Kassel drunter und drüber": Die verborgene Stadt

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Kassel von unten: Bernd Tappenbeck von der Projektgruppe Kassel Total führte die Besucher auch in den Gewölbekeller unter Betten Kranefuß. Niels Hertel und Yann Jüttner (Kunsthochschule Kassel) hatten dort mit Kalk einen stilisierten Stadtplan von Kassel auf den Boden gezeichnet.

Kassel. Durch das Treppengewölbe des Dörnber’gschen Hauses am Martinsplatz zieht ein strenger, unangenehmer Geruch: Robert Wilhelm Bunsen ist mal wieder am Experimentieren. Er erforschte hier im 19. Jahrhundert die chemische Verbindung Kakodyl und lehrte am damaligen Polytechnikum.

So wie vor über hundert Jahren Bunsens Schüler stehen die Teilnehmer der historischen Führung „Kassel drunter und drüber“ eng gedrängt im Treppenhaus, um dem Chemiker (gespielt von einem Theaterschauspieler) folgen zu können. Es ist eine Führung, in der die Teilnehmer die Höhen und Tiefen der Stadtgeschichte durchwandern - und das im wahrsten Sinne des Wortes: Frische Luft umhüllt die Gruppe, als sie sich im Nordturm der Martinskirche Stufe für Stufe nach oben bewegt, finster wird es im Kellergewölbe unter dem Geschäft „Betten Kranefuß“, das während des zweiten Weltkriegs als Luftschutzkeller diente. Enge umgibt die Teilnehmer, als die Reise im Druselturm zurück ins Mittelalter geht. Jeder Ort ist dabei akustisch, szenisch oder künstlerisch inszeniert.

„Wir wollen verborgene, abwegige Orte zeigen, die sonst nicht öffentlich zugänglich sind“, sagt Bernd Tappenbeck von der Projektgruppe Kassel Total des Vereins Vikonauten, die die Führungen organisieren.

Erinnerung an Krieg

Bevor der Henker die Gruppe im Turm entdeckt, flieht sie in die Gewölbe unter dem Königsplatz. „Gott ist tot“ hört sie auf Band Dr. Karl Schumann (Lederhaus Schumann) sagen, der seine Eindrücke als 23-Jähriger nach dem Zweiten Weltkrieg schildert. Schließlich endet die Tour in der Gasse „Seidenes Strümpfchen“, die ihren Namen von Prostituierten erhielt, die hier mit seidenen Strümpfen im Fenster ein freies Bett signalisierten. Ein Herr aus der Gruppe bestätigt das bunte Treiben, das er früher von der Knabenschule aus (heute Kulturzentrum Dock 4) beobachten konnte: „Da ging es wahrlich drunter und drüber.“

Die „Drunter und drüber“-Touren waren sämtlich ausgebucht und sind jetzt erst einmal zu Ende. Sie werden im nächsten Jahr wieder stattfinden, im Frühjahr und im Herbst. Genaue Termine stehen noch nicht fest. Sie werden unter anderem im Programm der Volkshochschule (Vhs) veröffentlicht.

Von Miriam Linke

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