Nach schwerer Krankheit

Leiser Abgang eines Häuptlings: Ehemaliger Polizeipräsident Sauer gestorben

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Erlag einem Krebsleiden: Nordhessens früherer Polizeipräsident Eckhard Sauer starb im Alter von 71 Jahren.

Nach schwerer Krankheit ist Eckhard Sauer, der frühere Präsident des Polizeipräsidiums Nordhessen, gestorben.

Kassel - Nachdem Nordhessens Polizeipräsident Eckhard Sauer vor fünf Jahren in den Ruhestand verabschiedet worden war, erfüllte er sich einen Lebenstraum: Er ging auf Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Begleitet wurde er auf dem Jakobsweg von seiner jüngsten Tochter. Nun ist Sauer nach einem langjährigen Krebsleiden zu Hause in Habichtswald gestorben. Sauer, der am 21. März 71 Jahre alt geworden ist, hinterlässt seine Frau Gudrun, einen Sohn, drei Töchter sowie fünf Enkelkinder.

Dass er seine letzten fünf Berufsjahre in Kassel verbringen würde, damit hatte Sauer im März 2010 nicht gerechnet. Volker Bouffier, damals noch Innenminister, hatte Sauers Vorgänger Wilfried Henning – gegen dessen Willen – in den Ruhestand versetzt. Das war vor zehn Jahren auch eine unangenehme Situation für Sauer. Er und Henning kannten sich gut, zwischen 2001 und 2006 war Sauer nämlich bereits Vizepräsident im Polizeipräsidium Nordhessen gewesen. Sauer war froh darüber, dass er Hennings Wunschkandidat als dessen Nachfolger war. Vor diesem Hintergrund falle es ihm leichter, Hennings Erbe anzutreten, sagte Sauer bei seiner Amtseinführung.

Der Vorgesetzte Sauer wurde von seinen Kollegen und Verhandlungspartnern bei der Polizei als freundlich und aufgeschlossen beschrieben. Er war ein angenehm zurückhaltender Chef, der sich gleichwohl durchsetzen konnte. Sein Verhältnis zu Personalrat und Gewerkschaften beschrieb Sauer selbst als harmonisch. Er hatte immer ein offenes Ohr für die Belange der Belegschaft, auch wenn es schmerzhafte Einschnitte aus Wiesbaden gegeben habe, heißt es von Gewerkschaftsseite.

Sauer war durch und durch Nordhesse. 1980 zog er mit seiner Familie nach Habichtswald. Geboren wurde er in Wabern, in Fritzlar hatte er die Schule besucht. Als 18-Jähriger kam er zur Polizei. Seine Ausbildung begann er bei der Bereitschaftspolizei in Kassel. Dass er zur Kriminalpolizei wollte, stand für Sauer früh fest. Vorbilder waren seine zwei älteren Brüder, die bei der Kripo in Frankfurt waren. Dorthin ging Eckhard Sauer später ebenfalls.

Es war damals eine unruhige Zeit, hat Sauer mal über seine Anfänge bei der Polizei erzählt. Der junge Polizist saß bei Einsätzen in Frankfurt auf einer offenen Lkw-Pritsche und wurde als Nazi beschimpft. Feuerlöscher und Steine flogen bei Demonstrationen durch die Luft. Sauer erlebte auch die Festnahmen der RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin mit.

Eckhard Sauer kehrte 1976 nach Kassel zurück. Zuerst war er im Polizeipräsidium am Königstor, 1982 wechselte er in das Regierungspräsidium, das damals noch für die Spezialeinheiten bei der Polizei zuständig war. Dort organisierte er Einsätze wie zum Beispiel im Fall Monika Weimar, die später wegen des Mordes an ihren Töchtern verurteilt wurde. „Ich habe gern Lagen geführt“, sagte Sauer, der verantwortungsvolle Positionen nicht scheute. „Ich war schon als Kind bei Indianerspielen gern der Häuptling.“ Bevor er Polizeipräsident in Kassel wurde, war er Präsident des Polizeipräsidiums Osthessen.

Nicht nur mit dem linksextremen Terrorismus und seinen Begleiterscheinungen musste sich Sauer als Polizist auseinandersetzen. Als im November 2011 herauskam, dass der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) für eine Mordserie in Deutschland, darunter auch für den Mord an Halit Yozgat in Kassel, verantwortlich ist, war nicht nur Sauer überrascht. „Keiner hätte erwartet, dass Terroristen dahinterstecken“, sagte Sauer über die Mordserie. Bekennerschreiben fehlten. Zudem war er entsetzt darüber, wie schnell die Öffentlichkeit vom Versagen der Ermittler gesprochen hatte. „Unsere Leute haben sich alle Mühe gegeben, den Mord an Yozgat aufzuklären. Sie sind 1000 Spuren nachgegangen“, verteidigte Sauer seine Kollegen. Wenn eine Behörde Fehler bei den Ermittlungen gemacht habe, dann sei es der Verfassungsschutz in Thüringen gewesen, sagte Sauer vor einigen Jahren.

Der Polizist Sauer hat erlebt, wie die Zeiten sich geändert haben. Wurde er als junger Beamter als Nazi beschimpft, durfte er später erleben, dass Polizisten Wertschätzung in der Gesellschaft erleben. Plötzlich seien Polizisten gern gesehene Gäste in Schulen, um Vorträge zu halten. Das sei früher nicht so gewesen, sagte Sauer, als er in den Ruhestand ging.

Sauer, der auch Mitglied im Lions Club Kassel-Kurhessen war, war ein gern gesehener Gast – überall in Nordhessen. Wenn die Zeiten andere wären, würden wohl sehr viele Menschen bei seiner Trauerfeier von ihm Abschied nehmen wollen.

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