Einschulung in Kassel

Sie hat die 1c im Griff: Wie Lehrerin Anne Kallok den ersten Schultag erlebte

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Unter Erstklässlern: Lehrerin Anne Kallok mit (von links) Lamar, Ediz, Stella und Liya.

Der erste Schultag ist immer etwas Besonderes. Für die Kinder, für die Eltern, aber eben auch für jene, die all die Erstklässler unterrichten.

Anne Kallok ist Lehrerin an der Unterneustädter Schule. Gestern begrüßte sie am Standort Ysenburgstraße die Schüler der 1 c. Wie war für sie der erste Schultag?

Vor dem Start

Die Frage, ob sie gut geschlafen hat, beantwortet Anne Kallok wie eine Erstklässlerin: „Nein, ich war jede Stunde wach.“ Die Anspannung. „Ich habe das Handy neben dem Bett liegen gehabt. Immer wenn mir noch etwas eingefallen ist, habe ich es eingetippt.“ Der erste Schultag soll perfekt sein für die Hauptakteure – die 23 Kinder, die nun die 1 c der Unterneustädter Schule bilden.

Der erste Schultag! Auch für die 36-Jährige ist er etwas Außergewöhnliches. Sie erlebt ihn das erste Mal aus Sicht einer Klassenlehrerin. Ansonsten hat sie nur die Erinnerung an ihre eigene Einschulung vor 30 Jahren in Immenhausen. „Damals war ich auch sehr aufgeregt. Wir haben den Buchstaben M gelernt, und ich war ganz enttäuscht, dass er so kurz war. Ich dachte, er ginge über die ganze Tafel.“

Anne Kallok steht jetzt in dem noch leeren Klassenraum. Hinter jedem kleinen Tisch befindet sich ein kleiner Stuhl, am Ende des Raumes gibt es einen Sitzkreis. An der Wand hängt ein Poster, das alle Buchstaben zeigt. Anne Kallok hat es vorhin noch aufgehängt. Alles bereit für den Ansturm. „Ich freue mich drauf.“

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Die erste Schulstunde

Von Ruhe kann jetzt keine Rede mehr sein im Klassenzimmer der 1 c. Nach der Begrüßung in der Turnhalle sind nun alle hier: Anne Kallok, die Kinder mit ihren Ranzen und Zuckertüten, die fast so groß sind wie sie selbst, und die Eltern. Viele von ihnen machen noch ein Foto, bevor sie sich vom Nachwuchs verabschieden.

Als sie den Raum verlassen müssen, kommt es zu Tränen: Bei einem Jungen ist der Abschiedsschmerz so groß, dass Anne Kallok eingreifen muss. Sie ist nun mehr Trösterin als Lehrerin. Sie fragt den Jungen: „Willst du mir helfen?“ Fortan hat sie einen Assistenten beim Austeilen der Namensschilder. Ihre Therapie zeigt Wirkung. Der Junge hört auf zu weinen.

Dafür ruft ein anderer in den Raum: „Frau Lehrerin.“ Anne Kallok erklärt ihm, wie das läuft in der Schule. „Du musst dich melden“, sagt sie. Der Junge meldet sich. Anne Kallok lobt ihn dafür, jetzt darf er reden. Der Junge sagt: „Ich muss kotzen.“ In diesen Momenten weiß Anne Kallok, dass Lehrerin sein auch heißt, mit Überraschungen umzugehen. Der Junge geht kurz raus zum Papa, dann kommt er munter wieder.

Später bilden die Schüler einen Sitzkreis. Anne Kallok stellt sich vor. Sie sagt, dass sie gern malt, dass sie gern tanzt, dass sie gern im Wald spazieren geht und dass sie eine kleine Tochter hat. Da fragt ein Mädchen: „Kannst du sie morgen mitbringen?“

Plötzlich geht die Tür auf. Ein Junge betritt den Raum. Er gehört zur Klasse. Dass er nicht pünktlich zu seiner Einschulung gekommen ist, hat einen Grund: Er und seine Eltern hatten sich im Gebäude geirrt.

Zum Abschluss der ersten Schulstunde singen alle: „Hurra, ich bin ein Schulkind und nicht mehr klein.“ Als die Sirenen eines Feuerwehrautos zu hören sind, blicken alle nach draußen, das Singen stockt. Anne Kallok sagt: „Wir singen einfach lauter als die Feuerwehr.“ Die Lehrerin hat die 1 c im Griff.

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Das Nachspiel

Nach der ersten Stunde dürfen die Eltern wieder in den Klassenraum. Er gleicht nun einer Mixedzone beim Fußball, in der die Reporter den Spielern Fragen stellen und es zu einem großen Gewusel kommt. Fototermin mit Lehrerin inklusive.

Anne Kallok erklärt, wann die Kinder in den nächsten Tagen kommen, was sie mitbringen müssen. Mitunter ist das nicht so leicht. Die meisten der 23 Schüler haben einen Migrationshintergrund. Sie kommen aus der Türkei, aus Syrien, Polen, Aserbaidschan, Äthiopien.

Das ist für Anne Kallok eine Herausforderung, auch wenn die meisten gut Deutsch sprechen. Aber sie merkt, dass sie mehr erklären muss als früher, als sie noch in Bad Wilhelmshöhe unterrichtet hat. Der Wortschatz vieler Kinder ist nun geringer, dafür spürt die Lehrerin große Dankbarkeit. „Außerdem sind die Kinder sehr wissbegierig.“

Der erste Schultag ist beendet, Anne Kallok zufrieden. Ihr Fazit: „Spontaneität ist alles.“ Sie freut sich auf den nächsten Tag. Da lehrt sie dann den ersten Buchstaben – womöglich das M.

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