Kassel

Kein Blackout, wenn viele Stromer rollen

VON PETER DILLING

Kassel – Das Ziel, bis dieses Jahr eine Million Elektroautos auf den Straßen rollen zu lassen, hat die Bundesregierung deutlich verfehlt. Doch die Nationale Plattform für die Zukunft der Mobilität, ein Beratungsgremium der Bundesregierung, geht davon aus, dass es 2022 so weit sein wird. Doch was hat der E-Auto-Boom für Auswirkungen auf die Stromversorgungsnetze? Droht gar ein lokaler „Blackout“, wenn massenhaft Elektromobile Strom aus dem Netz saugen?

„Dieses Horrorgespinst ist übertrieben“, sagt Sebastian Wende-von Berg vom Fraunhofer IEE in Kassel. Er erforscht auf der Basis von Prognosen im Rahmen eines vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Projekts mit Wissenschaftlern des Instituts und der Universität Kassel in Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmen, wie die Netze mit möglichst geringem finanziellen Aufwand an die zunehmende Zahl von Elektroautos angepasst werden können.

„Ein wesentlicher Baustein der Energiewende ist der Umstieg auf primärenergieeffiziente Elektromobilität mit Strom aus erneuerbaren Energien. Unser Ziel ist eine ganzheitlich optimierte Lösung bestehend aus zuverlässiger, kostengünstiger Mobilität für die Fahrzeugnutzer sowie Gewährleistung der Versorgungssicherheit und Kosteneffizienz durch Netzbetreiber“, sagt der wissenschaftliche Projektkoordinator Prof. Dr. Martin Braun.

Dabei geht es gleich um mehrere Stellschrauben, mit denen die Wissenschaftler den zusätzlichen Stromverbrauch vor Ort netzverträglich steuern wollen. Ziel ist es, durch eine intelligente technische Aufrüstung der Steuerung der Stromnetze und der Ladesysteme von Elektroautos eine Überlastung zu reduzieren. Außerdem soll durch eine ausgeklügelte Infrastruktur von Ladesäulen und eine flexible Preisstruktur am Strommarkt das Verhalten der „Strom-Konsumenten“ positiv beeinflusst werden. Es gilt etwa zu verhindern, dass Autofahrer zu Spitzenlast-Zeiten massenhaft ihre E-Autos „betanken“.

„Wir brauchen flexible Tarife. Der Strom sollte nicht günstig sein, wenn die Netze schon überlastet sind“, sagt Michael von Bonin vom Fraunhofer IEE. Eine weitere Frage sei, wie die Ladepunkte schonend verteilt werden sollen, auf mehrere große Tankstellen konzentriert, oder dezentral an vielen Stellen, sagt Alexander Scheidler aus der Forschungsgruppe des IEE.

Die Forscher entwickeln außerdem mithilfe künstlicher neuronaler Netze Werkzeuge, mit denen der Zustand der Stromnetze analysiert und optimal gesteuert werden kann. „Wir wollen den Netzbetreibern Planungssicherheit geben. Ein massiver Netzausbau wird zumindest in den Städten in den nächsten Jahren nicht nötig sein“, meint Scheidler. Wünschenswert sei aber ein Frühwarnsystem für das Netz, um rechtzeitig gegensteuern zu können, wenn Überlastungen drohen.

Die in Simulationen getesteten Steuerungsinstrumente sollen am Ende im Rahmen eines Feldversuchs auf Alltagstauglichkeit getestet werden.

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