Neufassung der Straßenverkehrsordnung

Streit ums Nebeneinander: Radler müssen jetzt nicht mehr hintereinanderfahren

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Ist jetzt grundsätzlich erlaubt: Radfahrer dürfen wie hier auf der Wilhelmshöher Allee nebeneinander fahren, wenn sie andere Verkehrsteilnehmer nicht behindern. 

Mit der Neufassung der Straßenverkehrsordnung dürfen Radfahrer nun nebeneinander fahren, wenn andere Verkehrsteilnehmer nicht behindert werden.

  • Nun gilt eine Neufassung der Straßenverkehrsordnung (STVO)
  • Demnach dürfen Radfahrer nebeneinander fahren 
  • Dies könnte für Konflikte sorgen

Kassel - Einigen Autofahrern gefällt nicht, was nun auf den Straßen gilt. Mit der Neufassung der Straßenverkehrsordnung (STVO) dürfen Radfahrer nebeneinander fahren, wenn andere Verkehrsteilnehmer nicht behindert werden.

Ein Bekannter schrieb daraufhin bei Facebook: „Wer beim Radfahren quatschen möchte, gehört in meinen Augen nicht auf die Straße.“ Aber wann darf man nun nebeneinander fahren?

Streit um Neufassung der Straßenverkehrsordnung

Bislang war dies nur als Ausnahme gestattet. Der Rechtsanwalt Sven Schoeller aus Kassel, der Auto und Rad fährt, sagt: „Diese Neuregelung wird für weiteres Konfliktpotenzial sorgen.“ Für seinen Kollegen Dirk Osthoff, ADAC-Vertragsanwalt und spezialisiert auf Verkehrsrecht, bleibt weiterhin die entscheidende Frage: „Wann behindere ich den Verkehr?“

Autofahrer schimpfen gern über Radfahrer, die etwa in einer Fahrradstraße wie der Menzelstraße in Kassel langsam nebeneinander fahren, was bislang schon erlaubt war. Und Rennradler, die auf einer langen und leeren Gerade nebeneinander trainieren, verstehen nicht, wieso sie beim Überholen angehupt werden. Autofahrer müssen doch ohnehin die Gegenspur benutzen, wenn sie den Sicherheitsabstand einhalten wollen, so ihr Argument.

Radfahrer sollen trotzdem auf Autofahrer achten 

Auch mit der STVO-Novelle werden solche Konflikte nicht vermieden. Experte Osthoff appelliert darum an die Vernunft: „Als Radfahrer sollte man nicht blindlings auf sein Recht pochen.“ Und Schoeller weiß, dass es für einen Radfahrer „auch nicht schön ist, wenn permanent ein Auto hinter einem brummt“.

Grundsätzlich findet er die Neuregelung der STVO gut, die nun unter anderem beim Überholen einen Sicherheitsabstand von 2 Metern außerorts und 1,5 Metern innerorts vorsieht, wo bislang nur ein „ausreichender Sicherheitsabstand“ gefordert war.

Trotzdem sagt Schoeller: „Irgendwie geht es in die richtige Richtung, dass der Radverkehr geschützt wird. Doch es wird kein Problem gelöst, das durch das parallele Auftreten von Rad- und Autoverkehr entsteht.“ Dazu müssten Radwege räumlich vom übrigen Verkehr getrennt werden.

Viele gefährliche Stellen in der Stadt 

Stattdessen müssen Radfahrer in Kassel etwa auf der Friedrich-Ebert-Straße ständig auf Autos achten, die ein- oder ausparken, auf Fußgänger, die an der Haltestelle warten, sowie auf Straßenbahngleise. „In Kassel geht es mit dem Ausbau des Radverkehrs nicht schnell genug voran“, sagt Schoeller.

ADAC-Anwalt Osthoff findet es ebenfalls problematisch, dass „man in Kassel oft nur einen Streifen auf die Straße malt. In Göttingen gab es schon vor 30 Jahren ein gut ausgebautes und von der Straße abgetrenntes Radwegenetz.“

Mangelnde Fahrrad-Infrastruktur 

Die mangelnde Infrastruktur ist ein Grund, warum manche Radfahrer in Kassel auf den Gehweg ausweichen. Das kann nun ebenso teuer werden wie das Befahren eines Radwegs in die falsche Richtung: Statt bis zu 25 sind nun bis zu 100 Euro fällig. Schoeller hält das für unangemessen. Dennoch sagt er: „Auch Radfahrer müssen sich an die Regeln halten.“

Wahrscheinlich wird es ihm auch mit der neuen STVO wie bisher gehen: „Als Radfahrer nerven mich manche Autofahrer, aber als Autofahrer bin ich auch von manchen Radfahrern genervt.“

Diese Änderungen gelten nun für Radfahrer

Die am 28. April in Kraft getretene STVO-Novelle soll den „Straßenverkehr noch sicherer, klimafreundlicher und gerechter“ machen, wie das Bundesverkehrsministerium schreibt. Ausgewählte Änderungen für Radfahrer: 

  • Radfahrer dürfen nur noch mit 1,5 Meter (innerorts) und 2 Meter (außerorts) Sicherheitsabstand überholt werden. Für enge Stellen gibt es ein neues Verkehrsschild (Überholverbot von einspurigen Fahrzeugen). Es zeigt ein rotes Auto sowie jeweils ein schwarzes Rad und Mofa im roten Kreis. 
  • Kraftfahrzeuge mit mehr als 3,5 Tonnen Gewicht dürfen innerorts beim Abbiegen nach rechts nur noch Schrittgeschwindigkeit fahren.
  • Auf Schutzstreifen für den Radverkehr (mit einer gestrichelten weißen Linie) gilt ein generelles Halteverbot.

Von Matthias Lohr

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