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Mit dem Rad nach Teheran: Drei Freunde aus Kassel planen großes Abenteuer

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Von: Axel Schwarz

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Planen ein großes Abenteuer: Andrew Hajek (von links), Abdullah Nazary und Benito Bechinger wollen mit Fahrrädern – jedoch nicht mit den abgebildeten – rund vier Monate lang von Kassel nach Teheran unterwegs sein.
Planen ein großes Abenteuer: Andrew Hajek (von links), Abdullah Nazary und Benito Bechinger wollen mit Fahrrädern – jedoch nicht mit den abgebildeten – rund vier Monate lang von Kassel nach Teheran unterwegs sein. © Axel Schwarz

Drei Kasseler wollen per Fahrrad die 5400 Kilometer lange Flüchtlings-Route erkunden, die einer der Mitradler 2015 vom Iran nach Nordhessen zurückgelegt hat.

Kassel – Aus einer interkulturellen Freundschaft und Spaß an gemeinsamen Fahrradreisen soll ein großes Abenteuer werden: Drei junge Kasseler, die sich an der Waldorfschule kennengelernt haben, wollen im April zum Rad-Trip ihres Lebens aufbrechen. Nach vier Monaten und 5400 Kilometern über den Balkan, durch Kleinasien und den Kaukasus wollen sie vollbepackt, per Muskelkraft und voller Eindrücke, die sie mit Interessierten auf Instagram teilen werden, in Teheran ankommen.

Die „Tour der Kulturen“, wie die Drei ihr Vorhaben nennen, ist kein sportlicher Egotrip, sondern eher ein Freundschaftsdienst mit bewegendem Hintergrund. Der heute 22-jährige Abdullah Nazary hat die Strecke schon einmal zurückgelegt – als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling 2015 auf dem Höhepunkt der Migrationswelle.

Kassel: Drei junge Freunde wollen mit dem Fahrrad nach Teheran

„Ich bin da einfach reingerutscht“, erzählt Abdullah, dessen Familie aus Afghanistan stammt und schon von dort in den Iran geflohen war. Um der Perspektivlosigkeit zu entkommen, hatte sich der damals 16-Jährige eigenständig auf den Weg nach Europa gemacht. Als er und andere minderjährige Migranten schließlich von der Polizei in einem Zug aufgegriffen wurden, war gerade Kassel erreicht – ein Zufall, der sich für Abdullahs Leben als entscheidende Wendung erwies.

Kein Wort Deutsch sprechend, kam er in einem Heim unter. Ein Betreuer dort hatte erfahren, dass die Kasseler Waldorfschule 2015 erstmals eine internationale Klasse aufgemacht hatte. Dorthin vermittelte er Abdullah, der in kurzer Zeit so gut durchstartete, dass er in eine reguläre Klasse wechseln konnte.

Route von Kassel nach Teheran auf einer Landkarte.
Fahrradroute dreier Freunde von Kassel nach Teheran. © HNA

Drei junge Freunde aus Kassel haben großes vor – Radtour von 5400 Kilometern

Auch Freunde waren bald gefunden: Andrew Hayek war schon zwei Jahre zuvor aus Taiwan an die Waldorfschule gekommen und musste sich ebenfalls erst an die Gepflogenheiten in Deutschland gewöhnen. Seit der siebten Klasse ist der Sohn einer taiwanesischen Mutter und eines deutschen Vaters mit dem gebürtigen Kasseler Benito Bechinger befreundet. „Bei uns waren Herkunft und Kultur schon immer ein Thema“, sagen die heute 21-Jährigen. Mit Abdullah Nazary war das Freudestrio dann später komplett.

Ihr Abitur haben die Drei seit einiger Zeit in der Tasche. Parallel haben Andrew und Abdullah eine Ausbildung zu Industriemechanikern abgeschlossen, was am Berufsbildenden Gemeinschaftswerk der Kasseler Waldorfschule schulbegleitend möglich ist.

Was das Trio außerdem verbindet: In den letzten Jahren haben sie mit anderen Freunden einige längere Radtouren über Tage oder Wochen gemacht. Mal ging es an die Nordsee, mal an die Mecklenburger Seen. „Je mehr wir als Gruppe gemeinsam Zeit verbrachten, desto größer wurde das Interesse, Heimat und Familie von Abdullah einmal kennenzulernen“, sagen Andrew und Benito.

Mit dem Fahrrad nach Teheran: Wie der Plan der Freunde aus Kassel entstanden ist

So entstand der Plan für den Trip nach Teheran, der für Abdullah eine ganz eigene Bedeutung hat. Er möchte die Route, über die er 2015 nach Deutschland kam, noch einmal „ohne Angst und ohne an die Vergangenheit zu denken“ zurücklegen. Was ihm damals während seiner langen Reise widerfahren ist und ihn belastet hat, darüber hält sich der 22-Jährige bedeckt. Doch er möchte die Freunde aus seinem neuen Leben gern seiner Familie vorstellen, die er im vergangenen Jahr erstmals seit seiner Flucht besuchen durfte: „Das war sehr emotional.“

Jetzt bereiten sich die Freunde auf ihr großes Abenteuer vor, klären Visafragen und stellen ihre Ausrüstung zusammen. Am Ziel wollen sie noch einige Wochen das Land erkunden und dann nach Deutschland zurückfliegen. Reisetaugliche Räder haben sie schon angeschafft, doch die Finanzierung stellt die jungen Abenteurer noch vor Probleme. Knappe 6000 Euro wird das alles pro Nase kosten, hat Andrew Hajek ausgerechnet. Vor allem für Abdullah, der wegen seines frisch erworbenen Berufsabschlusses kein Geld verdienen konnte, sei das schwer.

Von einem Geldinstitut und einem Outdoor-Ausstatter seien bisher Sponsoring-Zusagen gekommen. „Wir hoffen auf weitere Möglichmacher“, sagen die Drei. Sie wollen während ihrer Tour ein digitales Tagebuch auf Instagram (@tourderkulturen) und anderen sozialen Plattformen führen. Tägliche Updates sollen Interessierten ermöglichen, dem Trio auf der Route zu folgen und Förderern Gelegenheit geben, sich vor dem Hintergrund des Reiseabenteuers in Szene zu setzen. (Axel Schwarz)

Weil Kassel zur Fahrradstadt werden soll, wurden insgesamt 86 Projekte vorgestellt. Doch bereits zu Beginn der Planung 2020 war klar, Corona könnte für Probleme sorgen.

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