Orthopäde im Interview

„Sitzen zu viel am Tag“: Fast die Hälfte der Kinder klagt über Rückenschmerzen

+
Schulstart steht bevor: Anders als öffentlic h diskutiert wird, sind schwere Schulranzen laut Orthopäden nicht der Grund für Rückenschmerzen bei Kindern, sondern das viele Sitzen und Bewegungsmangel.

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu, für die Kinder startet bald wieder. Mit dem Schulstart beginnt auch wieder die Diskussion über schwere Schulranzen.

Mit Rückenschmerzen, über die fast 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren klagen, haben die Schulranzen aber laut dem Kasseler Dr. Gerd Rauch kaum etwas zu tun. Vielmehr sei das viele Sitzen ein Problem. Mit durchschnittlich achteinhalb Stunden am Tag kommen Kinder laut Rauch sogar auf eine längere Sitzzeit als ein Erwachsener mit 7,5 Stunden.

Herr Dr. Rauch, über welche Art von Rückenschmerzen klagen die Kinder am häufigsten?

Meist über muskuläre Probleme, wie Verspannungen im unteren Rücken sowie im Nackenbereich. In den vergangenen 20 Jahren haben sich die Haltungsschäden bei Kindern sogar verdoppelt.

Woran liegt das?

Das Hauptproblem ist: Wir sind zu einer Sitzgesellschaft geworden, aber fürs Sitzen sind wir nicht geeignet. Bei Kindern fängt das Sitzen beim Frühstück an. Dann werden sie häufig mit dem Auto zur Schule gefahren. Dort sitzen die Kinder nur. Statt einer Stunde am Tag kommen sie in der Regel nur mühsam auf eine Stunde Schulsport pro Woche. Das ist viel zu wenig. Zu Hause setzt sich das fort: Hausaufgaben werden im Sitzen erledigt, häufig sitzen Kinder mit einer schlechten Körperhaltung über dem Smartphone oder dem Tablet, und abends dann vor dem Fernseher. Eine schreckliche Entwicklung.

Was sind die Folgen?

Die Rumpfmuskulatur wird nicht richtig ausgebildet. Muskeln verkürzen, gerade die langen, die vom Rücken in die Arme und Beine führen.

Dann entstehen typische Beschwerden eines Erwachsenen bereits im Kindesalter, also 20 Jahre früher. Das ist natürlich ganz schlecht.

Was fordern Sie von Eltern?

Kinder müssen verstehen, dass Bewegung zum Leben dazugehört. Teilweise leben das Eltern aber leider nur schlecht vor. Man muss heutzutage ja nicht einmal mehr raus, um einzukaufen, alles geht online. Häufig sehe ich auch, dass Eltern ihren Kindern das Handy vorhalten, damit es ruhiger wird. Da müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen, ich selbst auch.

Welche Rolle spielen die Schulen dabei?

Auch die Schulpolitik ist gefragt. Jeden Tag sollte Sport auf dem Lehrplan stehen, das gibt es an Schulen in England und in den USA. Also sollte das auch in unserer Gesellschaft möglich sein. Vor allem, wenn sich Ganztagsschulen durchsetzen, ist täglicher Sport ganz entscheidend. Eltern haben dann keine Chance mehr, ihre ein bis zwei Stunden am Nachmittag mit ihren Kindern zu verbringen. Außerdem sollten Ärzte nur in Ausnahmefällen monatelange Befreiungen vom Schulsport ausstellen.

Gibt es eine Empfehlung, wie oft Kinder sich am Tag bewegen sollten?

Ich sage immer: So oft wie möglich. Jeden Tag zwei bis drei Stunden draußen spielen. Wenn Kinder älter sind, ist es egal, welche Sportart sie machen. Wichtig ist, dass sie Spaß daran haben und nicht nur zu Hause sitzen.

Was raten Sie Eltern, wenn ein Kind über Rückenschmerzen klagt?

Wenn Kinder selten bis gelegentlich über Rückenschmerzen klagen, rate ich zu mehr Bewegung. Da reicht zum Beispiel schwimmen oder spazieren gehen. Wenn die Beschwerden sich häufen, sollten Eltern mit ihrem Kind den Hausarzt oder Orthopäden aufsuchen.

Oft wird vor einem zu schweren Schulranzen gewarnt. Hat dieser mit Rückenschmerzen zu tun?

Nur in absoluten Ausnahmefällen. Im Saarland zum Beispiel wurden 60 Schulen untersucht. Festgestellt wurde, dass das Gewicht der Schulranzen 17 Prozent des Gewichts der Schüler betrug und überhaupt keine Probleme machte.

Wie schwer darf der Ranzen denn sein?

Gesunde Kinder können 15 bis 20 Prozent ihres Körpergewichts mühelos tragen. Die Regel von zehn Prozent bezog sich auf Soldaten im preußischen Reich, die einen Marsch von 20 Kilometern vor sich hatten. Diese Regel ist veraltet. Bei Kindern, die bereits Rückenschmerzen haben, sind 15 Prozent vom Körpergewicht angemessen.

Muss der Weg zur Schule berücksichtigt werden?

Laut einer Studie sind 80 Prozent der Schulwege heute nur knapp einen Kilometer lang, also 15 bis 20 Minuten. Den zweimal am Tag mit Gewicht zu gehen, ist keine besondere Belastung.

Wie sollten Kinder ihre Schulranzen packen?

Die schweren Dinge wie Bücher sollten nah am Rücken verstaut werden. Und natürlich sollte nur das in den den Schulranzen, was an dem Tag benutzt wird. Am besten packen Eltern zunächst gemeinsam mit ihren Kindern.

Sitzen bleibt ja doch unvermeidlich. Welche Tipps haben Sie dafür?

Tische sollten mitwachsen können, auf Stühlen sollten Kinder möglichst gerade und vor allem flexibel sitzen können und nicht nur in einer Position ausharren. Einen guten Stuhl macht zum Beispiel aus, dass die Lehne bei jeder Bewegung mitgeht. Außerdem sollte man immer aufstehen, wenn es geht. Der Wechsel ist entscheidend.

Verstellbare Tische und Stühle gibt es aber nicht in allen Schulen.

Ja, sehr schlecht. Wir gehen mit unserem großen Kapital, unserem Nachwuchs, leider schlecht um. Es ist sehr schade, dass wir für unsere Kinder nicht mehr investieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.