Interview mit Markus Schmidt 

Adrenalin statt Angst: Kasseler Feuerwehrmann beschreibt, wie nahe ihm sein Job wirklich geht

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Hauptbrandmeister Markus Schmidt ist seit 16 Jahren bei der Berufsfeuerwehr Kassel tätig. 

Von Beruf Lebensretter: Markus Schmidt ist seit 16 Jahren bei der Berufsfeuerwehr in Kassel. Aber können Flammeninfernos und Verkehrsunfälle überhaupt zum Alltag werden? Mit uns hat er darüber gesprochen.

Sind Sie ein Held, Herr Schmidt? 

Schmidt: Nein, bin ich nicht. Für mich ist es mein Beruf, den ich gelernt habe und anweden muss, wenn Menschen in Gefahr sind. Manchmal habe ich schließlich auch Selbstzweifel und deshalb passt der Heldenstatus auf keinen Fall.

Sind Sie überhaupt noch aufgeregt, wenn Sie zu einem Einsatz fahren? 

Schmidt: Na klar. Jeder Alarm versetzt mir immer erst mal einen Adrenalin-Schub. Je nachdem, um was für einen Einsatz es sich handelt, bleibt dieses Gefühl dann auch im Körper. Das Adrenalin hilft uns bei der Arbeit. Angst hingegen versuche ich auszuschalten. Das müssen wir auch in unserem Job.

Erinnern Sie sich an einen Einsatz, der für Sie besonders schlimm war? 

Schmidt: Das kann ich gar nicht sagen. Ein Unfall zum Beispiel ist immer ein schlimmes Ereignis. Ich muss mich in solchen Situationen auf meine Aufgabe konzentrieren. Das ganze Ausmaß realisiert mann dann erst nach und nach. Sehr nahe gehen mir Situationen, in denen ich als Feuerwehrmann mehr über die betroffenen Personen erfahre. Gibt es da noch Familie? Vielleicht sogar Kinder? Dann habe ich sofort eine andere Sicht, die meine Arbeit nicht wirklich einfacher macht.

Ihr erster Einsatz ist Ihnen aber sicherlich noch sehr nahe gegangen, oder? 

Schmidt: Ja. Ich war 17 Jahre alt, freiwilliger Feuerwehrmann und musste zu einem Verkehrsunfall. So etwas zum ersten Mal zu sehen, ist natürlich eine ganz andere Hausnummer. Beim Einsatz selbst ist mir das noch gar nicht so bewusst geworden, aber Zuhause hatte ich ordentlich an dem Erlebnis zu knacken. Die Bilder habe ich sogar bis heute im Kopf.

Wie gehen Sie mit solchen Bildern um? 

Schmidt: Man muss unbedingt mit anderen Menschen drüber sprechen. Und zwar am besten mit Kollegen, die so etwas auch schon mal erlebt haben. Die eigene Familie damit auch noch zu belasten, ist keine gute Idee.

Manchmal schreien Verletzte vor Schmerzen. Was macht das mit Ihnen? 

Schmidt: Das ist natürlich schlimm. Aufgrund schnell wirkender Medikamente und guter Rettungstechniken kann man heutzutage aber ganz schnell dafür sorgen, dass niemand mehr allzu lange Schmerzen aushalten muss. Wir erklären das den Patienten vor Ort und beruhigen Sie.

Hatten Sie selbst schon einmal bei einem Einsatz Todesangst?

Schmidt: Nein, hatte ich noch nicht. Ich versuche immer, das Risiko für mich so gering wie möglich zu halten. Es bringt ja auch niemandem etwas, wenn ich mich auch noch selbst in Gefahr bringe. Unsere Ausbildung und die Schutzausrüstung sind mittlerweile auch so gut, dass wir Einsätze sicher bewältigen können. 

Wie hat sich Ihr Blick auf den Job im Laufe der Jahre verändert? 

Schmidt: Am Anfang will sich jeder Feuerwehrmann austesten. Ich wollte viele Einsätze erleben, mich in Gefahrensituationen ausprobieren. Mittlerweile muss ich nicht immer ganz vorn mit dabei sein, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.

Wenn Sie sich ein bestimmtes Szenario aussuchen könnten, das Sie nie wieder erleben wollen, was wäre das? 

Schmidt: Manchmal müssen wir auch ausrücken, wenn nach vielen Wochen eine Leiche gefunden wird. Wenn die Nachbarn sich dann schon über üblen Geruch im Treppenhaus beschweren und Fliegen an der Scheibe sind, kann man sich vorstellen: Das braucht wirklich niemand unbedingt. Auch kein Feuerwehrmann.

Was ist der erste Gedanke nach einem Einsatz? 

Schmidt: Ich stelle mir immer die Frage: Habe ich alles richtig gemacht und was gibt es noch zu verbessern? Denn wenn ich mir nach dem Einsatz selbst sagen kann, dass ich nichts hätte besser machen können, schließe ich Frieden mit der Situation. Und das ist ganz wichtig, um sich wieder auf neue Einsätze einzulassen.

Welche Eigenschaft muss ein Feuerwehrmann oder eine Feuerwehrfrau mitbringen? 

Schmidt: Er muss ein Teamplayer sein. Wir sind nicht nur Kollegen, sondern Freunde. Außerdem muss man Mut mitbringen und den Drang, etwas bewegen zu können.

Markus Schmidt (45) ist seit seinem zwölften Lebensjahr bei der Feuerwehr tätig – zunächst im Freiwilligen Dienst, später bei der Kasseler Berufsfeuerwehr. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Sontra. Bevor er die Feuerwehr zum Hauptberuf gemacht hat, hat Schmidt als Schornsteinfeger gearbeitet. Der 45-Jährige ist mittlerweile Hauptbrandmeister.

Fahrzeug der Feuerwehr ist für alle Fälle ausgerüstet

Neben absolut fitten Feuerwehrmännern ist für jeden Einsatz ein funktionierendes Löschfahrzeug notwendig. Einige wissenswerte Informationen:

• Das Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug der Kasseler Feuerwehr rückt etwa fünfmal am Tag aus. Es ist damit das Fahrzeug, das am häufigsten gebraucht wird. Im Jahr kommen somit knapp 2000 Einsätze zusammen.

Das Hilfeleistungslöschfahrzeug der Feuerwehr ist komplex ausgestattet. 

• Der Tank im Fahrzeug umfasst 1600 Liter Wasser zum Löschen. Für besondere Brände wie Ölbrände sind zusätzlich noch 140 Liter Schaum verfügbar.

• Wenn der Alarm einsetzt, haben die Kameraden gerade mal eine Minute Zeit, um sich auszurüsten und mit dem Fahrzeug zum Einsatzort aufzubrechen.

Mit der Pumpe wird das Wasser aus dem Tank in die Schläuche befördert.

• Das Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug ist für alle Fälle ausgerüstet. Während auf der einen Seite sämtliche Schläuche und Verteiler verstaut sind, befindet sich auf der anderen Seite zum Beispiel das hydraulische Rettungsgerät, mit dem Personen aus einem Fahrzeug freigeschnitten werden. Außerdem gibt es im Fahrzeug noch Werkzeug, um Schlösser zu knacken.

Mit dem hydraulischen Rettungsgerät können Personen aus einem Auto freigeschnitten werden. 

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